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19.09.2020, Jamal Tuschick

„Menschabart Mann“

Am 24.11.1919 bricht Alma M. Karlin auf. Von Triest fährt sie – ihre Schreibmaschine „Erika“ im Gepäck – via Peru, Kalifornien und Hawaii nach Japan, dem erklärten Ziel ihrer Reise. In „Im Banne der Südsee“, dem zweiten Band einer Trilogie, schildert die polyglotte und mit allen Wassern gewaschene Schriftstellerin die Wechselfälle ihrer Weltreise.

In Manila fühlt sie sich an Südamerika erinnert. Die Reisende registriert „die spanische Art des wiegenden Ganges der Frauen, die (glühenden) Blicke der Männer“. Alma Maximiliana Karlin feuilletonisiert wie für eine Gala ihrer Ära. „Gestärkte Unterröcke, bestickte Unterleibchen …“ Den Sehenswürdigkeiten ergibt sie sich im Rausch der Erschöpfung. Schlafmangel und andere Störungen bestimmen ihren Rhythmus. Ein Mann begehrt die Europäerin auf der Stelle zu heiraten und gibt sich als Drohaffe zu erkennen, da sie ihn abweist.

„Ich trüge überhaupt kein Verlangen nach der „Menschenabart Mann“, diktiert sie einem Boten des Düpierten. Nun kehrt der Laufbursche selbst den Freier heraus und erklärt sich fanatisch zur Hochzeit entschlossen.

Alma M. Karlin, „Im Banne der Südsee“, zweiter Band der Reisetrilogie, mit einem Nachwort von Amalija Maček, AvivA Verlag, 346 Seiten, 22,-

Karlin spricht zur Seite wie auf einer Bühne, wenn das Publikum an den Mitspieler*innen vorbei theatralisch informiert wird.

„Das Bürschlein … verdiente neunzig Pesos monatlich als Maschinenschreiber.“

Den Galan schärft die Aussicht auf eine weiße Frau. Die Abfuhr verstimmt ihn bis zur Feindseligkeit. In diesem Stil geht es holterdiepolter weiter. Einerseits ist Karlin an die Konventionen ihrer Zeit gebunden. Andererseits gefällt sie sich als Meisterin der Selbstermächtigung.

Es bietet sich an dieser Stelle an …

our daily Wushu-Break

… eine Gong-fu-Weisheit einzuschieben:

“Be master of the space.”

Das sagt Sifu Sergio P. Iadarola. So beiläufig, dass man es auch überhören kann, bemerkt der Meister, dass Wing Chun ursprünglich ein inneres System war, das verholzt wurde, weil man schnell Kämpfer brauchte. Billigausgaben. Über die formalen Unterschiede zwischen Inneren und Äußeren Kampfkünsten reden wir später weiter.

Karlin lockert ihren Reisebericht mit historischen Bemerkungen auf.

Koreanisches Sauerkraut

Die großen Reisenden des 19. Jahrhunderts wollten ihre Epoche in die Schranken weisen und als Entdecker von Ursprüngen selbst historisch, wenn nicht sogar mythisch werden. Man war Amateur und in jedem Fall Botschafter einer überlegenen Zivilisation, die den Rest der Welt zu einem Randgebiet erklärte.

Der weiße hemdsärmelig-tropenbehelmte Riese (in der Safariweste) unter Pygmäen ist ein Klassiker des Afrikaromantizismus.

Die Triumphmärsche im Dschungel kann man sich nicht kläglich genug vorstellen, aber ihre Überlieferungen waren grandios. Und ewig tränkte eine Melange aus Waffenöl und Schweiß den in Schweinsleder gebundenen Dramenband. Shakespeare diente dem fieberkranken Forscher als Formulierungshelfer.

Alma M. Karlin, „Einsame Weltreise“, AvivA Verlag, 393 Seiten, 22,-

Alma M. Karlin entspricht dem Typus und auch wieder nicht.

„Ich dachte mir die Welt wie Europa.“

Da hat sie sich geschnitten, die junge Weltreisende ohne Vermögen. Die äußere Anlage ihrer Existenz schillert vor Armut, aber die Eisenschmiede ihrer Persönlichkeit formte einen Gentleman im Rock nach den Maßen ihrer stürmischen Vorgänger.

„Die wenigen Weißen, die man sieht, gehen mit finsteren Gesichtern durch die Straßen.“

Karlin ist voller rassistischer Grillen und schnurrig vorgetragener Vorurteile. In Peru kommt sie sich vor wie „der einzige Dollar unter entwerteten Geldsorten“. 

Sie ist eine fabelhafte Beobachterin im Zentrum aller Betrachtungen. Ihre Perspektive bleibt ungetrübt. Es geht Karlin darum, nicht zu „zersplittern“ und „rein“ zu sein. Als Schriftstellerin erscheint sie sich einmalig, dazu befähigt, der Menschheit etwas Großes zu geben. Sie vergleicht sich mit Kolumbus.

Sie zahlt keinen geringen Preis für ihre Extravaganz und die Verweigerung der Vorformen des Pauschaltourismus. Es widerstrebt ihr förmlich da anzuhalten und einzukehren, wo andere sich vor den direkten Konfrontationen mit dem Fremden isolieren. Zugleich begegnen ihr Einheimische oft mit äußerstem Unverständnis. Der weißen Frau in ihrem Revier fehlt die Abschirmung der distinguierten Europäerin.

„Ich schreibe als Frau und für ein Weib ist der Körper ein unberührbares Heiligtum. Verschenken kann man es an … einen Heiligen; Wilde davon Besitz ergreifen zu lassen, ist etwas anderes.“

Die abgebügelten Verehrer sollen Karlins Reserve als weithin bekannte „Abneigung gegen Vertraulichkeiten“ zur Kenntnis nehmen. Doch kennt die Verschlossenheit Grenzen. Gelegentlich flirtet Karlin gegen das Heimweh an.

„Das was hier in gestreiften Hosen neben mir ging, war Europa, war die Heimat.“

„Jedermann ging vom tiefernsten Gespräch sofort zum gemeinsten Verhalten über.“  

Karlin tappt in manche Falle der kulturellen Differenz. Sie verdingt sich als Lehrerin. Einmal unterrichtet sie die dreizehn Kinder eines Mannes, selbstverständlich in allen Fächern, „mit Ausnahme von Mathematik und Physik“.

„Oft weckte mich ein Erdbeben schon früh am Morgen.“

Obwohl zur Emsigkeit verdonnert, bewahrt Karlin die Ruhe einer Narkotisierten. Ihre Lebhaftigkeit ist etwas Äußerliches. Erscheint es ihr angezeigt, sich umzubringen, um einen Aufstand zu beenden,

„Wenn Indianer einmal wildgeworden sind, kann sie niemand beherrschen.“

den ihr irritierendes Wesen ausgelöst hat, sieht sie sich kaltblütig nach einem Messer um.

Mut, Naivität und Zuversicht bestimmen das Verhalten der Reisenden. Karlin will etwas aus sich machen, durchaus auch im Geist einer ausgedachten Berufstätigkeit. Sich nicht auf das Vorgestanzte verlassend, muss sie ständig improvisieren. Sie pimpt ihre Boulevard Ansichten mit pseudohistorischen Abrissen:

„Ich erfuhr viel über den Aberglauben in Peru.“

Sie sieht die indigene Bevölkerung schwanken zwischen dem katholischen Gott der Kolonialherren und den „Göttern der Inkas“. Der konventionelle Ansatz wirkt aufreizend. Karlin könnte mehr wissen und sich den Reisepanoramen gewachsener zeigen. Sie weigert sich geradezu:

Chinesen und Japaner, selbst wenn sie reich sind, „fahren in der Dritten unter der menschlichen Ausschussware.“

„Irgendein Wesen“ wurde „aus mehreren Rassen zusammengegossen“.

Schließlich gelangt Karlin nach Korea. Sie skizziert Gegenden im Gegenlicht japanischer Impressionen. Sie kostet das koreanische Sauerkraut.

Aus der Ankündigung
Im zweiten Band ihrer Weltreisetrilogie, durch die sie zu einer der berühmtesten europäischen Reiseschriftstellerinnen wird, begleiten wir die "einsame Weltreisende" Alma M. Karlin in den 1920er-Jahren von China über die Philippinen, Borneo, Australien, Neuseeland und die Fidschi-Inseln bis nach Papua-Neuguinea. Wie bereits in ihren beiden Büchern "Ein Mensch wird" und "Einsame Welttreise" besticht Alma M. Karlin auch hier durch ihren besonderen Ton.   
Eine etwas andere Weltumrundung in den Zwanzigern
Am 24.11.1919 bricht Alma Karlin zu ihrer Weltreise auf, die sie in den folgenden acht Jahren durch fünf Kontinente führen sollte. Durch ihre Reiseerlebnisbücher, die sie nach ihrer Heimkehr nach Cilli (slowenisch Celje) verfasst, wird sie zu einer der berühmtesten und meistbewunderten europäischen Reiseschriftstellerinnen.
Von ihrer Schreibmaschine »Erika« abgesehen, reist sie weiterhin alleine und verdient sich ihren Lebensunterhalt unterwegs komplett selbst – und auch sonst hat Alma M. Karlins Weltumrundung wenig mit anderen touristischen Reisen ihrer Zeit gemein.
Wie bereits in ihrer Autobiografie »Ein Mensch wird« und dem ersten Teil ihrer Reisetrilogie, »Einsame Weltreise«, besticht Alma M. Karlin auch hier durch ihre scharfe Beobachtungsgabe, ihren wunderbar trockenen Humor und ihren unverwechselbaren Ton.
»Ich kam mir vor wie Robinson Crusoe. Die Insel war groß, hatte viel ebenes, mit Palmen reich bepflanztes Land, sehr schöne, ins Meer hineinragende, dunkelbraune Klippen, zwei Berge und mehrere Schluchten. Der westliche Strand, der sehr breit war, war auch der schönste. Ich wollte barfuß laufen und Frau D. warnte mich, weil der jähe
Stoß gegen Korallen so ungemein schmerzhaft, und wenn er Verwundung brachte, auch so schwer heilbar war, doch ich flog schuhlos entlang und sammelte Korallen ein – die schönsten meiner ganzen Reise und von jeder denkbaren Abart. Auch Tiger- und Seeschneckenmuscheln, die wertvolle Kauri und angeschwemmte Turmschnecken fand ich und kam mir reich wie ein Crösus vor. Das Meer leckte meine Füße, der feuchte Sand wärmte sie wieder und ich war schon ganz Robinson, nur noch ohne Freitag, als ich gegen einen Korallenfelsen stieß und am hellen Tage die Sterne leuchten sah.
Von da ab trug ich Schuhe.«

1889 kommt Alma Maximiliana Karlin im deutschslowenischen Cilli (Celje) im damaligen Österreich-Ungarn zur Welt. 1908 geht sie nach London, wo sie sich dem Sprachenstudium widmet und ihren Lebensunterhalt mit Übersetzungen und Privatstunden verdient. Nebenbei legt sie an der Royal Society of Arts und am Chamber Of Commerce hintereinander Prüfungen in Norwegisch, Schwedisch, Dänisch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch und Russisch ab und lernt Sanskrit, Chinesisch und Japanisch. Nach dem Ausbruch des ersten Weltkriegs 1914 verlässt sie London und lebt bis 1918 in Norwegen und Schweden, bevor sie für kurze Zeit nach Cilli zurückkehrt. 1919 bricht sie schließlich zu ihrer Weltreise auf, die sie in den folgenden acht Jahren durch fünf Kontinente führen sollte. Durch ihre Reiseerlebnisbücher »Einsame Weltreise« und »Im Banne der Südsee«, die sie nach ihrer Heimkehr nach Cilli verfasst, wird sie zu einer der berühmtesten und meistbewunderten europäischen Reiseschriftstellerinnen. Sie ist im Gegensatz zu den meisten ihrer zur deutschen Minderheit gehörigen Verwandten und Bekannten eine entschiedene Gegnerin des Nationalsozialismus, unterstützt jüdische Flüchtlinge und wird nach der Besetzung Jugoslawiens durch die Deutschen sofort inhaftiert. Nach ihrer Entlassung schließt sie sich dem slowenischen Widerstand an, gemeinsam mit Thea Schreiber-Gammelin, mit der sie seit 1931 zusammenlebt. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs ist sie dennoch als deutschsprachige Schriftstellerin in Jugoslawien verpönt, bekommt auch keinen Reisepass. Sie stirbt 1950 arm und vergessen in der Nähe von Cilli. Erst seit der Unabhängigkeit Sloweniens 1991 wird sie allmählich wiederentdeckt.

1889 kommt Alma Maximiliana Karlin im deutschslowenischen Cilli (Celje) im damaligen Österreich-Ungarn zur Welt. 1908 geht sie nach London, wo sie sich dem Sprachenstudium widmet und ihren Lebensunterhalt mit Übersetzungen und Privatstunden verdient. Nebenbei legt sie an der Royal Society of Arts und am Chamber Of Commerce hintereinander Prüfungen in Norwegisch, Schwedisch, Dänisch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch und Russisch ab und lernt Sanskrit, Chinesisch und Japanisch. Nach dem Ausbruch des ersten Weltkriegs 1914 verlässt sie London und lebt bis 1918 in Norwegen und Schweden, bevor sie für kurze Zeit nach Cilli zurückkehrt. 1919 bricht sie schließlich zu ihrer Weltreise auf, die sie in den folgenden acht Jahren durch fünf Kontinente führen sollte. Durch ihre Reiseerlebnisbücher »Einsame Weltreise« und »Im Banne der Südsee«, die sie nach ihrer Heimkehr nach Cilli verfasst, wird sie zu einer der berühmtesten und meistbewunderten europäischen Reiseschriftstellerinnen. Sie ist im Gegensatz zu den meisten ihrer zur deutschen Minderheit gehörigen Verwandten und Bekannten eine entschiedene Gegnerin des Nationalsozialismus, unterstützt jüdische Flüchtlinge und wird nach der Besetzung Jugoslawiens durch die Deutschen sofort inhaftiert. Nach ihrer Entlassung schließt sie sich dem slowenischen Widerstand an, gemeinsam mit Thea Schreiber-Gammelin, mit der sie seit 1931 zusammenlebt. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs ist sie dennoch als deutschsprachige Schriftstellerin in Jugoslawien verpönt, bekommt auch keinen Reisepass. Sie stirbt 1950 arm und vergessen in der Nähe von Cilli. Erst seit der Unabhängigkeit Sloweniens 1991 wird sie allmählich wiederentdeckt.