MenuMENU

zurück zu Main Labor

20.09.2020, Jamal Tuschick

Der lange Weg von der Fitness zum Flow

Vom Trimmdich zum Taijiquan

Free yourself from all unnecessary tensions

Die Mathematikerin Mara Neusel in Texas beim Taijiquan/ Ich in der Keimzeit unserer Exerzitien © Jamal Texas Tuschick

Im Zeichen der Wasserpfeife

Sport spielte keine Rolle in der Kifferwelt meiner Pubertät. Das allgemeinste Interesse galt Musik & Malerei. Man vermied es, sich dem Vorwurf auszusetzen, unpolitisch zu sein. Das Ritual der Rituale stand im Zeichen der Wasserpfeife. Es kursierten kolossale Exemplare, wahre Elche unter den Dingen. Selbstverständlich Marke Eigenbau. Das war das Premiumzertifikat. Es gab handelsübliche Produkte, die via Holland in deutsche Haushalte gelangt waren.

Originalität beim Pfeifenbau war ein Gütezeichen.

Die im Haschischkult Eingeschweißten nannten sie Hookahs. Jeden Nachmittag traf sich ein Kreis der Besserinformierten bei Alissa in der Burg zu Kirchditmold. Es ist kein Zufall, dass die Kinder meiner Schwester in der Kirchditmolder Kirche getauft und konfirmiert wurden. Die (in Kassel) herrschaftlich Zurückgebliebenen meiner Generation klumpen sich in dem Stadtteil, der viel älter als die Stadt selbst ist. Der Name verweist auf eine sächsische Gerichtsstelle, also auf einen Thingplatz. Man vermutet, dass die älteste christliche Mission, die noch vor der iroschottischen Bekehrungsbewegung und so vor Bonifatius stattfand, die ursprünglichsten Hessen prägte. 

Ich könnte wir sagen. Wir fuhren täglich von der Schule, wo wir schon Stunden gemeinsam in einem Raum verbrachte hatten, zu Alissa in die Burg, die damals eine Riesenbaustelle war und heute ein Schmuckstück ist. In manchen Zimmern waren die Fußböden aufgerissen, so dass man über Bohlen balancieren musste. Die Elektrizität im Haus war eine zurückgebliebene Angelegenheit. Flackerndes Kerzenlicht gehörte zur Alltagsbewältigung.

Zwar schloss mich der Plural ein, aber meistens war ich nicht dabei, sondern beim Sport. Ich behaupte, es war eine Klassenfrage. In der Referenzgruppe war ich der einzige mit Lowlife-Eltern. Sport gehörte bei uns zuhause zum Lebensstil. In dem Milieu der Burgkiffer lief ein anderer Film. Die Bürgerkinder ächzten schon bei der geringsten Anstrengung.

Mädchen befühlten meine Bauchmuskeln. Silke sagte:

„Du fühlst dich für mich zu hart an.“

Song Power in Perfektion - Ich fliege, Göttingen 1980/ Free yourself from all unnecessary tensions © Mara Neusel/Jamal Tuschick

Sterne am Qi-Himmel

Dann gingen die Kifferkönig*innen auf den Indien-, Yoga- und Waldtrip und gaben so die Richtung für Mit- und Nachläufer vor. Ich war aber ein Vorläufer und schon auf dem Karate-Do. Es ging alles wild durcheinander, doch war nun Bewegung im Spiel. Mich interessiert gerade nur eine Kleinigkeit, die schwer anzusteuern ist. Mara und ich fahren zum Herkules und spielen Boule auf verwunschenen Wiesen. Wir spielen Federball - und Tischtennis im Hobbykeller meiner Eltern. Wir gehen spazieren wie ein altes Ehepaar. Wir schränken uns ein, wenn es um  ungesunde Sachen geht. Zumindest nehmen wir uns das vor. Wir sammeln Brennnesseln. Und ehe wir uns versehen, befinden wir uns heimlich auf einem Trimmdichpfad. Yoga kann man öffentlich gut finden, aber Trimmdich ist Turnvater Jahn und ganz bestimmt nichts für die Jeunesse dorée von Kassel; zu der ich nicht gehöre, wohl aber Mara.

Die feinen Unterschiede müssen unbedingt noch besprochen werden. Wie wir uns hoch- und runtergeschlafen haben. Aber nicht jetzt.

Mara kommt auf solche Ideen auf einer Linie zwischen Brennnesselsud, Erdbeeren-selber-pflücken, Marmelade einkochen, Kuchen nach Omarezepten backen und … sich so zu trimmen wie mein Polizistenonkel oder der Hauptkommissar, der Mara und mich als Paar angeblich besonders niedlich findet. Ich erwäge, zur Polizei zu gehen, während meine sogenannten Freunde Andreas Baader-Baal-Phantasten sind. Ihr radical chic stößt mich schon ab. Mara charakterisiert die alternativen Führergestalten als „extrem affig“.

Sie will auf den Trimmpfad. Wir fahren zum Ausgangspunkt an der Arge Habichtswald und absolvieren den Parcours unter Berücksichtigung sämtlicher Hinweise, bevor wir unsere Prosecco-Qi-Übungen machen. Wir animieren unsere Kraftpunkte. Gehört haben wir, dass der Nabel die Quelle der Lebenskraft sei. Kurz gesagt, wir haben keine Ahnung, aber schon eine Abneigung gegen Wörter wie Dantian und Chi. Vielleicht ist das auch nur eine Abneigung gegen den respektlosen Gebrauch von Begriffen, deren Umgebung für uns unvertrautes Terrain ist.

Ich kenne Spitzenjudoka, die von Zen noch nie gehört haben. Mein PSV-Karatelehrer ist ein beamteter Nussnacker, der Zackigkeit für den Schlüssel zum Verständnis seines „Sports“ hält. Der schillerndste Gong-fu-Praktizierende in Kassel qualifiziert sich in den Augen der Gemeinde, weil er sogar den Boxern* überlegen ist. Unser Taekwondo-Großmeister Lee pflegt eine bayrische Biergemütlichkeit. Einer seiner Meisterschüler kommt manchmal mit einer Bierfahne zum Training. Unser Taijiquan-Experte beruft sich auf eine autodidaktische Ausbildung, die ihn nebenbei dazu befähigte, ein Buch über fernöstliche Meditation und Vertrauensspiele zu schreiben. Ich habe noch ein Exemplar. Vielleicht zeige ich es euch mal. Dieser Autor ist einer meiner Sportlehrer. Er hat eine Vergangenheit als Bundesligahandballer und ist nun auf den Trichter gekommen, dass soft gut kommt. Es geht ums Anfassen, ich hatte das lange nicht mehr auf dem Schirm. Ständig wurde angefasst, das ginge heute nicht mehr.   

*Boxen ist ein Maßstab des Westens. Da weiß man, dass man nichts Falsches lernt und nichts Verblasenes zu hören kriegt.

Wir sind Blinde auf dem Qi Gong-Weg und Sehende auf dem Trimmdichpfad. Was wir begreifen, hängt von unserer Prägung ab. Ich will darüber hinaus. Mein bester Gewährsmann ist ein südvietnamesischer Geflüchteter. Er macht seine Übungen ohne spirituelle Verzuckerung. Er ölt seine Maschine, hält den Motor gymnastisch im Topzustand.

Das ist es. Ich habe schon Karate, Taekwondo, Boxen, kameradschaftliches Judo und dieses abgefuckte Schein-Taijiquan in meinem Budo-Portfolio. Doch erst Xuan zeigt mir Sterne am Qi-Himmel.

Eine Ahnung beginnt in mir aufzudämmern. Ich informiere Mara. Sie bleibt der intelligenteste Mensch, den ich je kennengelernt habe. In Mathe und Physik hat sie jeweils fünfzehn Punkte. Trotzdem liest sie Tolstoi. Dass sie Interesse an meinen Interessen hat, ist für mich der wichtigste Qualitätsindikator. Später werden wir das noch oft erleben, in der Phase räumlich getrennten Daseins. Mara kommt aus USA nach Frankfurt am Main. Ich zeige ihr meine aktuelle Lehrerin. Nach einer Stunde winkt Mara ab.

„Die kann nichts.“

Bloß keinen Bullshit-Flow. Wir wollen Realstuff-Power … Bald mehr.