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20.09.2020, Jamal Tuschick

Christian Baron erhält den KLAUS-MICHAEL KÜHNE-PREIS 2020 für seinen Lowlife Thriller „EIN MANN SEINER KLASSE“

Prost Papa

Pressetext

Das Harbour Front Literaturfestival vergibt den Klaus-Michael Kühne-Preis zum elften Mal an das beste Romandebüt des Jahres.
Der mit 10.000 Euro dotierte Preis soll junge Literatur fördern und deren Bedeutung unterstreichen.
Die Mitglieder der Hauptjury - Felix Bayer (SPIEGEL), Stephanie Krawehl (Buchhandlung Lesesaal), Stephan Lohr (NDR Kultur a.D.), Maximilian Probst (ZEIT) und Meike Schnitzler (BRIGITTE) - begründen ihre Entscheidung für Christian Baron und seinen Roman „Ein Mann seiner Klasse“ (Claassen) wie folgt:

„In seinem autobiografisch angelegten literarischen Debüt ‚Ein Mann seiner Klasse’ beschreibt Christian Baron auf sehr eindrückliche Art das Aufwachsen in einer dysfunktionalen Familie in Armut. Die Jury hat besonders überzeugt, dass die Leserinnen und Leser in ein Milieu geführt werden, das oft nur als statistische Größe auftaucht. Hier bekommt diese Welt eine Stimme und das in einer literarisch klug gestalteten Weise. Christian Baron verzichtet auf Klischees und ideologische Zuordnungen. Vielmehr entlarvt er die Muster gesellschaftlicher Kategorisierungen und überzeugt durch die Bestandsaufnahme eines Lebens mit einem stets betrunkenen und prügelnden Vater und einer depressiven und früh an Krebs gestorbenen Mutter - ‚Mit allem Schrecken, mit allem Schmerz, aber auch mit den Momenten von Stolz und Glück.‘“

Die Preisverleihung findet am 20. September 2020 um 11:00 Uhr
im Hotel „The Fontenay“ (Fontenay 10 · 20354 Hamburg) statt. 

Im anschließenden Gespräch geht es um die Frage: 
„Was macht ein gutes Debüt aus?“ 
Dazu befragt die Autorin Kristine Bilkau (2015 für ihr Debüt „Die Glücklichen“ mit dem Klaus-Michael Kühne-Preis ausgezeichnet) den Preisträger 2020 Christian Baron sowie zwei Literaturmenschen, die es wissen müssen: die Bestsellerautorin Dora Heldt und den Journalisten Maximilian Probst (ZEIT).

Hamburg, 16. September 2020

Herkunftsadäquat

Mutmaßungen über einen Möbelpacker - In „Ein Mann seiner Klasse“ erinnert sich Christian Baron an seine Kindheit in Kaiserslautern

Wiederholt lässt der möbelpackende Vater Dinge aus den Kisten mitgehen, die er für andere und vor allem für amerikanische Besatzungssoldaten durch die Treppenhäuser von Kaiserlautern hievt. Den Nachwuchs sediert er mit der Erklärung, das sei zwar „nicht recht, aber gerecht“. Die Aneignungen verschaffen dem Erzähler Konsolen, „die wir uns in hundert Jahren nicht hätten leisten können“.

Christian Baron, „Ein Mann seiner Klasse“, Roman, Classen, 280 Seiten, 20,-

Daran erinnert ihn ein Zufallsfund im Keller. Christian Baron ist mit neunzehn weg aus Kaiserslautern, seither neun Mal umgezogen und stets zog unbemerkt ein „Nintendo-Kasten“ mit, der zum narrativen Madeleine wird. Das Relikt beschwört Erinnerungen herauf, die mir bekannt vorkommen. Camus würde sagen: Seit die Unterschicht weiß, was Literatur ist, erzählt sie ihre Geschichten. Ich werde nicht müde, sie zu lesen.

Der Erzähler entdinglicht den Kindheitskasten und gibt ihm eine Speicherfunktion. Er lässt ihn aufsteigen zur Konserve. Was er verdrängt hat, steckt im Kasten.

Ein starker Verdrängungsmotor ist die Voraussetzung für jeden Aufstieg. Die geringe Außenwirkung von Aufstiegen aus der Hilfsarbeiterklasse in die defensive Oberunterschicht und offensive untere Mittelschicht, die als Transformationsphänomen ungemein ergiebig bleibt, da sich in ihr die stärksten Ungleichzeitigkeiten und Verdichtungen auswirken, verschleiert die vulkanischen Aktivitäten oft sogar vor den Akteuren. Baron spielt das allerdings nicht herunter, was ihn von seinem Vater trennt.

Das akademische Milieu, das ihn wie einen anderen Steffen Mau oder Didier Eribon aufgenommen hat, liefert den zurückgebliebenen Angehörigen parallelgesellschaftliche Szenen durchaus in der herablassenden Perspektive, die man für ein Panoptikum übrig hat. Diese Resistenz ist wunderbar, ein Fest für alle, die das Glück haben, von unten zu kommen und sich das eigene Leben als Entwicklungsroman erzählen zu können.

Baron bekennt sich öffentlich zum Fernsehen als der herkunftsadäquaten Weltläufigkeit. Privat versteckt er den „Flachbildschirm“ vor Besucher*innen. Wäre er biografisch in der Mittelklasse vorgefahren, würde er das nicht tun. Fernsehen geht genauso wie in der Nase bohren und lachend bei jeder Gelegenheit das N- und Z-wort sagen. Hämische Selbstgewissheit gehört zum Mittelstandsportfolio.  

Dass Baron den Fernseher versteckt, bedeutet leider auch, dass ihn keiner von früher mehr irgendwo mitspielen lässt. An dieser falschen Schamgrenze scheiden sich die Geister. Da endet die Toleranz des an seinen Leisten klebenden Backwarenfilialleiters, bei dem der Fernseher (mit einem hoheitlichen Grundton) auch läuft, wenn Besuch da ist.

Die Barons sind so arm, dass es wehtut und man schnell wegsterben will. Der Vater schafft es mit dreiundvierzig und einem „Multiorganversagen“. Vor eben war er noch stärker als Hulk und eben schon zu schwach zum Atmen. Christian verpasst die letzte Gelegenheit einer kathartischen Begegnung. Die vermiedene Klärung am Sterbebett zwingt ihn zum Nachsitzen. Er schreibt den Aufsatz seines Lebens, auch um erkennen zu dürfen, dass sein Vater keine Wahl hatte.

„Unser Vater war ein Mann seiner Klasse.“

Als Zaungast des Wirtschaftswunders hatte er schon verloren, bevor er auch nur die leiseste Chance bekam, etwas zu begreifen. Ich bin in der Nähe solcher Männer aufgewachsen. Sie hatte ihre Stunde mit achtzehn, mit achtundzwanzig waren alle Spielräume verschwunden. Sie blieben die Haltestellenjugendlichen im Schwungrad der abgesoffenen Korpulenz. In ihren Vierzigern erkannte man sie auch an ihren Sonnenbränden. Das waren Wundmale der Verstocktheit und Merkmale einer Gegnerschaft. Der Klassenkampf erschöpfte sich als Statement der Uneinsichtigkeit. Die Klapper der Boomer-Unterschicht ging so: Die kleinkindliche Wundergläubigkeit verlor sich im Geschrei überforderter Erwachsener. Es folgten Rotztrotz, Resistenz, Renitenz, Resignation.

Prost Papa

Barons Mutter bindet ihre poetische Ader ab, man gönnt sich schließlich auch sonst nichts. Sie löst den Verband wieder und schreibt weiter Gedichte bis zu ihrem Tod.

Das muss man sich vorstellen, mit diesem seelisch abgetauchten, bestenfalls unangenehm vorhandenen Mann und vier Kindern. Der Fürchterliche überlebt seine Frau um acht Jahre. In dieser Zeit gelingt es ihm, Christian von allem zu trennen, was ihn mit einem Vater verbinden könnte. Erst lange nach seinem Tod erlaubt er seinem Sohn, Papa zu sagen. So postum wie man Prost sagt, beim Erheben des Glases im Andenken an einen, der einem nichts mehr sagen kann.