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22.09.2020, Jamal Tuschick

Karate und Boxen

Wie alle war auch Kadir von Bruce Lee auf die Schiene gesetzt worden. Er hatte mit Karate angefangen (Gong-fu gab es noch nicht in der Gegend), um schließlich zu den Boxern zu wechseln. Pforzheim war eine Boxhochburg, ich habe noch nicht gesagt, dass meine Großmutter eine Pforzheimerin war und meine Urgroßmutter aus Ötisheim auf der schwäbischen Seite kam.

Als Kind trug ich den Familiennamen meiner Großeltern - Conrady. Sie sehen meine Großmutter Hedwig C. (geb. Britsch) und ihren Lieblingsenkel.

Meine Oma und ich

Obwohl es nur für wenig reichte und der Preis für das Wenige hoch war, kommen wir auch Jahrzehnte später nicht auf die Idee, dass damals etwas falsch gelaufen ist. Während die anderen in die Billardhalle gingen, trainierten wir entweder im Keller des Hauses meiner Großmutter oder in einem lichten Wald, der auf einer Luftaufnahme (zwischen Feldern und Seen) wie ein grüner Nagelkopf aussah. Ich habe in diesem Wald einmal ein Jagdgewehr an mich genommen, dass der im Unterholz abgetauchte Förster achtlos in seinem offenen Offroader liegengelassen hatte.

Nennen wir ihn Kadir. Der Kurde schweifte mit nichtkurdischen Türken aus und zeigte sich gegenüber den aktivistischen Kurden verschlossen. Kadir war (schon als Heranwachsender) vorsichtig und sagte nichts Unbedachtes. Er vermied jede Auseinandersetzung. Nie wurde er Türsteher oder Sicherheitsmann. Er lernte bei einem großen Unternehmen und blieb da ewig Dreher. Eine philosophische Ader zwang ihn, allem auf den Grund zu gehen. Der Anspruch brauchte keinen Bildungsfleiß. Kadir philosophierte auf der Basis alltäglicher Beobachtungen. Ein ernsthafter Erörterungsgegenstand: Kadir fand das deutsche Klopapier für seine Belange ungeeignet.

Wie alle war auch Kadir von Bruce Lee auf die Schiene gesetzt worden. Er hatte mit Karate angefangen (Gong-fu gab es noch nicht in der Gegend), um schließlich zu den Boxern zu wechseln. Pforzheim war eine Boxhochburg, ich habe noch nicht gesagt, dass meine Großmutter eine Pforzheimerin war und meine Urgroßmutter aus Ötisheim auf der schwäbischen Seite kam, wo ihre Tochter uralt wurde. 

Manchmal verbrachte ich ein halbes Jahr am Stück bei meiner Oma, mit unglaublichen Freiheiten. Ich trainierte allein oder mit Kadir. Im Gegensatz zu ihm glaubte ich an Karate, ohne an den Vorzügen des Boxens zu zweifeln. Wir wussten beide bereits, was Keith Kernspecht vor Kurzem mal wieder auf Facebook verbreitet hat: Optimal ist eine Mischung aus Boxen, einfachen Tritten und Ringen. Das hatte man zur Verfügung, aber darin erschöpfte sich natürlich nicht die Leidenschaft. Auch Kadir konnte manche Kata durchturnen, mit der Idee, jede einzelne Bewegung habe im Verlauf einer Verschulung ihre ursprünglich tödliche Bedeutung verloren. In meiner Phantasie steckte aber noch das ganze magische Geheimpotential in den theatralisierten Techniken. Ich war entschlossen, der Sache auf den Grund zu gehen. Der Alltagsphilosoph Kadir urteilte über mein Unternehmen: Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht.

Für westlich geprägte Akteure gibt es in der ökonomischen Betrachtung nichts Effektiveres als Boxen. Das ist auch deshalb verwunderlich, weil Boxen uns evolutionär nicht in die Wiege gelegt wurde. Beobachtet man Kinder in ihrer Unwillkürlichkeit, erkennt man Neigungen zum Treten, Stoßen und Ziehen. Der Tritt ist ein Schritt. Er dient vielmehr zur Überwindung eines Abstands und zur Absicherung eines Angriffs als dem Angriff selbst. Jeder, der sich einem Tritt ausgesetzt sieht, macht irgendwas. Das ist fast immer falsch, also richtig aus der Perspektive des Angreifers. Unbewusst attackiert der Unbedarfte das Gleichgewicht seines Gegners. Im nächsten Schritt ist er am fremden Körper, um ihn (technisch gesprochen) umzulegen wie einen Schalter. Er spekuliert auf die Schwerkraft.

Das steckt so stark in uns, dass man sich dekonstruieren muss, um regelrecht zu boxen. Kinder und Jugendliche erleben das als Disziplinierung. Man treibt ihnen etwas aus.

Karate integriert die Äquivalente zur natürlichen Atmung. Das begreift niemand auf Anhieb. Die Wahrheit liegt verschüttet unter allen möglichen Aufbauten. Ich weiß nicht warum. In Wahrheit ist Karate die Kunst des Naheliegenden. Meister sprechen von einer Weisheit, die in den Bewegungen atmet. Weise erscheint es, wenn eine Bewegung zwei perfekte Punkte verbindet.

Das sah Kadir nicht. Er wurde südwestdeutscher Meister im Boxen. Das war sein Limit. Er kam nicht weiter, weil er zu schwer für seine Größe war. Seine Gegner überragten ihn. Er musste wühlen, am Mann arbeiten, Risiken eingehen, die kein Henry Maske je eingegangen wäre.

Das ist der Unterschied.

Man kann mit Willen und der Bereitschaft zum Murks über seinen Möglichkeiten agieren. Dafür bezahlt man dann immer zu viel. Denken Sie an Muhammad Ali, der seinen schwersten Gegnern in den Siebzigerjahren physisch unterlegen war.

Wir lernen, Genie allein reicht nicht. Reichweite reicht oder eben nicht.

Kadir war in jedem Kampf der kleine Mann. Ihm blieb nichts anderes übrig, als Herz zu zeigen. Cooles Konterboxen ging nicht. Kadir strukturelles Reichweitendefizit erlaubte keine intelligenten Lösungen. Kadir musste nehmen, wie man fachmännisch sagt, also einstecken. Seine Netzhaut löste sich ab. Er drohte zu erblinden. Kadir tat das Richtige und hörte auf zu boxen. Er hätte zum Karate zurückkehren können. Das tat er nicht. Er ging den Weg eines Mannes, der sich seine Gedanken macht, sich umhört, für sein Leben gern Vergleiche anstellt und sich allgemein auf dem Laufenden hält. So wurde Kadir zum Ebay-Fuchs und zu einer Gebrauchtwagen-Koryphäe. Er ist der geborene Sachverständige, Schiedsrichter, Erbsenzähler und Grillkönig.