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23.09.2020, Jamal Tuschick

Textland in Tirol © Palma Müller-Scherf

Vorweggenommene Seniorität

Richard Ford fokussiert seinen irischen Hintergrund. Seine Held*innen teilen mit ihm das Schicksal einer Migration, in der die Hauptkonflikte aus der europäischen Anglosphäre in Amerikas größte Arenen exportiert wurden. Gleichzeitig konzentriert sich der Autor auf eine „Exotik im Kleinformat“.

Vietnamesischer Kongo

Mein erster Richard Ford war „Verdammtes Glück“. Als ich den Roman zum ersten Mal las, wirkte Literatur auf mich noch so unmittelbar wie Musik. Ich las und hörte mich satt. Ich glaubte, Ford, der damals in Deutschland kaum bekannt war, schreibe Joseph Conrad fort. Ich war nicht der einzige, der Conrads Herz der Finsternis und Célines Reise ans Ende der Nacht für die Außenlinien des Spielfeldes hielten. Eben gab sich die Tatsache zu erkennen, dass ich an die Geschichte, die Ford in „Verdammtes Glück“ erzählt, Jahrzehnte überhaupt keine Erinnerung hatte. Gemerkt habe ich mir etwas ganz anderes; auf dem Sockel der Ford’schen Fiktion immerhin Fußendem. Meine Version saugt an Apocalypse Now. Lange befuhren alle meine Held*innen einen vietnamesischen Kongo; selbst wenn ich sie in Brandenburg bloß aufs Rad setzte.

Ich kriege schon noch die Kurve zu Ford, aber vielleicht nicht mehr heute.

Regina und ich reden auf einer Wanderung über Richard Fords Erzählungen „Irische Passagiere“ ... aus dem Englischen von Frank Heibert, Hanser Berlin, 22,-

Bürgerliche Kür

„Happy“ ist ein irreführender Titel, da er eine Person bezeichnet und nicht einfach nur trivial sein will. Die Bildhauerin Bobbi Happy Kamper überlebt ihren Liebhaber Mick Riordan, der bis zu seinem Tod den Irishman in New York gegeben hat. Er war als Dubliner Schriftsteller mit einigen altweltlichen Meriten nach Amerika gekommen und hatte da schnell die Seite gewechselt. Als Lektor war er eine Instanz auch auf der Partymeile seiner Branche gewesen. Sein Liebesglück mit Happy war ein Bonustrack im Nachhall der bürgerlichen Kür mit doppeltem Zeugungsnachweis.

Kleinformatige Exotik

Nichts zu verzollen - Rien à déclarer heißt eine 2010 von dem mitspielenden Dany Boon abgedrehte Komödie mit Benoît Poelvoorde in einer weiteren Hauptrolle. Nichts zu verzollen lautet der Auftakttitel in Richard Fords jüngstem Erzählband. 

Narratives Parfüm

Ford fokussiert seinen irischen Hintergrund. Seine Held*innen teilen mit ihm das Schicksal einer Migration, in der die Hauptkonflikte aus der europäischen Anglosphäre in Amerikas größte Arenen exportiert wurden. Gleichzeitig konzentriert sich der Autor auf eine „Exotik im Kleinformat“. Zuerst spielt er die Karte einer Nachmittagsszene mit einer flirtvirtuosen Akteurin im Schneiderkleid.

„Die schummrige alte Nachmittagsbastion mit der Karussellbar. Es war noch nicht voll.“

Ich schätze, die meisten erkennen das narrative Parfüm auf Anhieb. Man ist in New Orleans und hat im Monteleone eingecheckt. Bevor die grobmotorischen Nachahmer*innen des richtigen Settings die Party versauen können, trinken sich die Tresen-Champs schon mal warm.  

Erotik als alter Hut

„Ein flatternder Blick“ aus dem Sortiment des Zufalls erhält unversehens die Injektion einer Bedeutungsschwangerschaft. Im Grunde ist die Runde zu alt für solche Sperenzchen.

Ford schaltet eine Rückblende ein.

„Gute Entscheidungen ergeben nicht immer gute Geschichten“, erkennt Barbara auf dem implodierten Planeten einer Sexgemeinschaft mit Sandy McGuinness knapp vierzig Jahre vor der Sause in der Hotelbar. Man ist aus den Annehmlichkeiten des Mittelstandes zu einer rustikal-naturverbundenen Lebensweise übergegangen. Das ist ein Experiment zur Ermittlung der Persönlichkeitskerne. Nennen Sie es ruhig den Elchtest für die nicht ganz so hart gesottenen Pfadfinder*innen unter uns. Die Resultate lassen alles Mögliche zu wünschen übrig. Also trennt man sich in aller Unverbundenheit, um nun auf einem legendären Schauplatz die niemals zu biografischen Schlünden verkraterten Animositäten anzuspielen. Man schenkt sich kurz unfreundlich ein: Hostility-Shots.  

Dann versucht man es mit dem Gegenteil.   

Wollen Barbara und Sandy etwas nachholen oder auch nur auffrischen? Welche Bedeutung steckt in der Episode aufeinander gerichteter Hoffnungen?

Richard Ford wurde 1944 in Jackson, Mississippi, geboren und lebt heute in Maine. 1996 erhielt er für Unabhängigkeitstag den Pulitzer Prize und den PEN/Faulkner Award, 2019 den Library of Congress Prize for American Fiction. Bei Hanser Berlin erschien von ihm zuletzt Zwischen ihnen (2017).