MenuMENU

zurück zu Main Labor

23.09.2020, Jamal Tuschick

Kasseler Widerstand

Symbolfoto © Jamal Texas Tuschick

Der geborene Dissident

Er war ein Mann des eigenen Willens. Lothar Schirmacher absolvierte einen dornigen Lebensparcours. Verfolgt von den Nazis, sah er sich in der Adenauer-Republik zur Fundamentalopposition genötigt. Er verarbeitete den kolossalen Dissens auch in Gedichten. Das war merkwürdig in dem sozialistisch-sozialdemokratischen Milieu, das ihm Heimat gab. Mein Vater nannte Schirmacher seinen Freund. Seine Tochter Marlis Cavallaro, mein Vater und ich ehren den Aktivisten der ersten Stunde mit kleinen Erinnerungsvignetten.

Das nachfolgende Gedicht bezieht sich auf ein Ereignis vom 15. September 1957. Bei der Bundestagswahl zum 3. Deutschen Bundestag erhielten die Unionsparteien mit 269 der 497 Bundestagsmandate die absolute Mehrheit. Für Schirmacher war das ein fatal-kollektives Ja zur deutschen Wiederbewaffnung. Der dumme Ochse Volk ließ sich schon wieder vor den Militärkarren spannen. 

1957

Mein Volk, Du hast gewählt - in Nacht und Nebel

Die Berge Gold’s, die Sattheit und die Fülle,

Man zog den roten Popanz aus der Hülle,

Schon wählst Du frei - die Fessel und den Knebel.

Mein Volk, es wird zum ersten Male nicht

Dein blinder Geist gelobt als weisester Verstand

Von milden Pred’gern mit der Eisenhand,

Die Völkermord als hohe Christenpflicht

und das Naturgesetz der Herdenhengste

Ein sittlich Fundament der Evangelien nennen

Und pennen,

Wenn jemand von Gewissen spricht.

 

Nein, Du darfst nicht Experimente machen,

Sonst fällst Du Christenbrüdern in den Arm,

Die, Gott zu Ehren, experimentieren,

Um aus dem Bild des Menschen

Das Antlitz Gottes fleißig zu mutieren,

Mit sieben Armen sicher, blind und ohne Hirn.

 

Du hast gewählt die klarsten Lügen des Jahrhunderts,

Und in dem Rausche des Betrunkenen

Von Druckerschwärze, Fernsehn, Film und Funk,

Wirst Du im diesmal demokrat’schen Massengrab

Noch tiefe Angst vor der Vermassung fühlen.

Und fürchte nicht, dass wir im Sonnenlicht,

Das Menschenhände frevelnd hier auf Erden zünden,

Allein vergehn, nein, Autos, Häuser, Mopeds, Kühlbehälter,

Sie kommen mit, weil auch der Stahl verdampft.

Um soviel übersteigt die Qualität des Menschenlichts

Das Sonnenlicht, das Gott uns angezündet.

 

Bis dahin aber darfst Du weiter jeden Mann,

Der das Gewand des weißen Friedens trägt,

In abendländischer Nacht als roten Jünger kreuz’gen.

Und aus dem Dämmern leuchtet fahl

das Kreuz, von dem man den Erlöser stahl.

 

Die wir den Frieden wunden Herzens tragen,

Der Zukunft Grauen in beklomm‘nen Atemzügen,

Uns stockt der Puls ob Deiner demokrat’schen Reife.

Wie Du den Reif des Todes jungen Stirnen spendest,

Im Schlafe wandelnd Dich am Kreuzweg wendest

Zum dunklen Weg - ach Volk,

Wir Mahner gehen mit, wenn Du verendest.