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24.09.2020, Jamal Tuschick

Efeuklaue

Zum ersten Mal begegnen sie sich in einer Seebadshow zur Aufhellung der Ferienstimmung von Daheimgebliebenen. Sie entdecken sofort den Draht, den sie zueinander haben, drei versprengte Waisenkinder in der Adoleszenz: Miriam, Marc - und Walter. Walter bringt sich als Monty ins Spiel, um nicht aus dem Rahmen zu fallen.

Symbolfoto © Jamal Texas Tuschick

Miriam und Marc sind das Paar vom ersten Abend an. Sie sind ein Paar zu dritt, das ist das Besondere. Sie sind es aus ihrer Freiheit und einem Zwang, der nie besprochen wird. Miriam versorgt Monty mit Bekanntschaften, die ihre Enttäuschungen kaum verbergen. Sie kümmert sich um den Kümmerling, so wie man einem Kind Süßigkeiten an dem Argwohn der Eltern vorbei zusteckt. Sie besucht Monty heimlich in der Hausmeisterwohnung des aufgegebenen Seemannsheims. Das Haus steckt in einer Efeuklaue. Die Wände sind klamm, die Möbel robuster Schrott. Monty erfüllt Miriams Erwartungen: so wie er es in seiner Pflegefamilie gelernt hat. Seine Funktion wurde ihm eingetrichtert. Als unter Aufsicht gestelltes Mündel hatte er überhaupt nichts gemein mit leiblichen Kindern. Gemeinsam mit dem Pony, einem Papagei, einem Terrier und noch mehr privatisierten Zöglingen gehörte er zu den nach ihrem Nutzen bewerteten Mobilien.

Manche werden, was sie sind, unmerklich. Manche müssen sich entscheiden. Sartre spricht von einem schicksalhaften Augenblick. Dazu später mehr.

Mitten in der Debatte über Didier Eribons „Betrachtungen zur Schwulenfrage“ kommen wir auf dem Plateau des Hagenau zusammen, um uns an Montys Beispiel Klarheit darüber zu verschaffen, was es bedeutet, „das Joch der inneren Beherrschung abzuschütteln“, umzulernen und die Täuschung aufzugeben.    

Montys Fluidität können wir nicht erschöpfend betrachten. Sie ist zu uferlos, um etwas auszuschließen. Sexualität ist in diesem Konzept zunächst einmal nichts anderes als ein Anker. Die Modalitäten der sexuellen Sozialisierung gingen so wenig von Montys Initiative und Präferenzen aus wie die Entscheidung für eine Kaufmannslehre. Verstehen Sie mich nicht falsch, man hat ihn nicht gezwungen, zumindest erkennt Monty keine Nötigung. Das eine ist ihm so passiert und abverlangt worden wie das andere … wie fegen, einräumen, ein Regal abbauen, das Auto des Chefs waschen.    

Die Geschichte spielt 1950 in Brighton, die Sieger sehen wie Verlierer aus. Monty rekonstruiert sich selbst im Schutz seiner Funktionalität im Verhältnis zu Miriam (ungefähr Eribon). Er ahnt, wer er hätte sein können. Dass er sich schmerz- und neidlos hält, lässt Miriam Vertrauen fassen.

Zu dritt fahren sie nach London. Jede(r) ist schon mit einem Schild vor der Brust und voller banger Erwartungen irgendwo in England aus einem Zug gestiegen. Jede(r) hat mit einer Schnur am Hals gelernt, dass man mit Gnade nicht rechnen kann. Die anderen hatten wenigstens eine Oma irgendwo, oder einen lethargisch sein Notprogramm der familiären Solidarität absolvierenden Onkel, der in einer Munitionsfabrik in der Nähe von Oxford arbeitete und sich wunderte, dass Oxford nicht in Mitleidenschaft gezogen wurde, während London in Flammen stand.

Miriam, Marc und Monty spielen Karten im Zug. Ihre Stigmatisierung schirmt sie ab.