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26.09.2020, Jamal Tuschick

Muylm

Er hat alles absorbiert, sich den Hass und die Verachtung einverleibt und dabei nicht einmal den Magen verdorben. Er ist (gegen jede Wahrscheinlichkeit) gestärkt aus der Sache herausgekommen, und wenn er was gelernt hat in den sechs Jahren mit einer zupackenden Hand an seiner Kehle, dann, dass man weich bleiben muss, egal, was die anderen sagen oder machen.

Symbolfotos © Jamal Texas Tuschicks

Stoner sieht sich demonstrativ gleichgültig um. Er erscheint langsam, schwer von Begriff. Skurril. Steril. Ein alter Kauz. Stoner sieht absolut nach nichts aus, dieser Mann, der einem Lebenssturm zu trotzen den Schneid besaß, der jeden anderen, den ich kenne, nach meiner Einschätzung weggeblasen hätte.

Wir sind beide in Muylm so gelandet, dass uns da keiner von den alten Eisenbeißern und der jungen Garde an den Karren fahren kann, ohne sich selbst weh zu tun. Muylm klingt wie ein Wort aus dem Handbuch, das ich in Vaters Eisenbahnzimmer fand, nachdem allen klargeworden war, dass er zum Glück für immer nicht mehr da sein würde. Ich war der erste, der es wagte, das zu vermuten, obwohl ich sonst nie der Erste war, bis sich das Rad drehte und ich plötzlich das Kommando hatte.

Muylm liegt flach im Sand. In meinen Träumen aber steckt es fest in einer Schlucht. Die Muylmer standen in halsstarriger Staatsferne zur Deutschen Demokratischen Republik. Die Neigung, für sich zu bleiben, bewahren sie wie ein eigenes, die Zwangskollektivierung postum verhöhnendes System der Rechtspflege. Polizei ist ausgeschlossen. Legitimation ist eine Frage interner Akzeptanz. Man richtet sich gegenseitig und hält sich bis dahin gegenseitig in Schach.

Das alles weiß ich sowieso, aber eben auch von Graubner, der nie etwas anderes war als der dümmste Sohn des dicksten Bauern. Ein Muylmer von echtem Schrott und Fusel. Immer im Kornrausch und in der Arbeitsjacke mit zu kurzen Ärmeln. Immer wie nicht richtig angezogen von der Aufsicht führenden Person. Graubner ist so einer, der eisern und ausschweifend an seiner Bedeutungslosigkeit festhält. Er trägt sie vor sich her und macht die Leute zu Geiseln.

Graubner bringt den Neuen die Spielregeln bei. Es gibt erstaunlich viele Neubürger in Muylm. Fragen Sie mich später, warum sie sich Muylm antun.

Warum sind die hier?

Wie oft habe ich das schon gehört. Alle erleben das Gleiche. Sie kommen als freie Spinner und bleiben unter Bewährungsauflagen, sofern sie nicht gleich wieder abhauen. Wer nicht gleich geht, geht auch nicht später. Von den Neuen am längsten sind die Hermlins in Muylm. Seit zwanzig Jahren halten sie, vom Trotz verhärmt, die Behandlung für Unerwünschte aus.

Herr Hermlin sagt: Sonst hätte ich was anderes. So als sei das Muylmer Programm eine Krankheit, die ihn vor Schlimmerem bewahrt.

Hermlin gegenüber haust der Flügler, eine Bestie, die nirgendwo sonst auf der Welt unbehelligt bliebe. Nur in Muylm kann der Flügler ungehindert petrochemischen Abfall abfackeln. Konsequent vergiftet er die (wegen der guten Landluft nicht zuletzt) Zugezogenen.