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27.09.2020, Jamal Tuschick

Fallen für Anfänger*innen

Franco Berardi/Symbolfoto © Jamal Texas Tuschick

Da steht der Kegelhupf am Fuß des Pestalozzistraßenstichs (da steht nicht Strich) zur Parkstraße und bespannt das Orakel seines Displays. Huch, was sagt mir denn jetzt mein Telefon? Was soll ich denn nur machen?

Mich machen lassen. Was denn sonst? Nach Franco Berardi wurde „im Zeitalter des Finanzkapitalismus“ die Geschichte abgeschafft. Der italienische Marxist datiert den Wendepunkt auf das Jahr 1977. Damals habe die Evolution den Rückwärtsgang eingelegt.

Ich frage mich, ob ich gerade die Auswirkungen der retardierenden Evolution begutachte? Sehen so Akteure der Agonie-Aporie aus, von der Berardi spricht? Kenntnislose Nachlassverwalter*innen einer unschön verdunsteten Moderne?

Zum Abendbrot gibt es Schinkennudeln bayrischer Art. Inara spitzt ihren Humor mit landmannschaftlichen Eigentümlichkeiten an. Als wir zum ersten Mal gemeinsam in einem für seine Schinkennudeln berühmtes Gasthaus übernachteten, nahm sie die rotweiß karierte Gardine ab, verhüllte sich darin, erklärte die Meterware zur Robe und fand sich trotzdem gartenzwergig.

Es war alles da, einschließlich eines gemarterten Jesus lotrecht über dem Wasserhahn des Handwaschbeckens. Ich konnte an der Konstruktion erkennen, dass da mal eine Waschvorrichtung ohne fließendes Wasser gestanden hatte. Das war zu der Zeit, als man mit zwei Waschlappen reiste. Einen für untenrum.

Inara, die in der Mongolei groß wurde, konnte den Zahn der Zeit am Interieur nicht nagen sehen. Sie leugnete eine Begeisterung für Schmiedewerk, Schweineschnitzel und aus Holz geschnittenem Tinnef.

Mit Spott verbarg sie Rührung.

Wir aßen Dampfnudeln mit Vanillesoße und Apfelmus. Inara zeigte mir ihr schmalzigstes Wohlbehagen. Sie ist die Tochter eines Schamanen und wohl selbst Schamanin. Will sie das, glüht meine Haut unter ihren Händen. Gute Manieren findet sie kurios. Einst nahm Inara einer Nachbarin die Keule vom Teller. Sie wollte oder konnte es nicht länger mitansehen, wie die Frau sich mit Tischsitten zugrunde richtete.

Später aßen wir Kaiserschmarrn mit Pflaumenkompott. Der Wirtshaushund legte sich Inara zu Füßen und begehrte in der tiefen Nacht Einlass im „Fremdenzimmer“.

Ich begehre Schinkennudelnachschlag von mir selbst. Kommt so das Alter ins innere Wohnzimmer? Dass man sich am polymorphen Selbst ergötzt, die Bude ist rappelvoll, es wird gequalmt wie seit den Siebzigern nie mehr, während Inara mich für dieses und jenes zu interessieren versucht. Die Ausländerin* unterrichtet Deutsch für Ausländer*innen, wie ulkig ist das denn.

*Inara ist natürlich keine Ausländerin, wird aber so gelesen, auch von ihren Schüler*innen. Vereinzelt bezweifelt man Inaras Deutschkompetenz.

Viele arabische Schüler*innen betrachten sich nicht als Delegierte des globalen Südens. Sie repräsentieren nach ihrem Selbstverständnis eine alte und überlegene Kultur. Die Klischees vom Araber treffen sie unvorbereitet.

Inara sagt. „Ist doch praktisch für den Westen, Araber so zu sehen: als Delinquente, die auf unserem Öl sitzen.“

Die Durchsetzung westlicher Zuschreibungen setzt das koloniale Projekt fort.

Ich setze mich wieder an meinen Schreibtisch. Zurzeit lese ich Deborah Lipstadts „Der neue Antisemitismus“ und Kübra Gümüşays „Sprache und Sein“.

Ich lese über die Seiten: „Deutschland erlebe eine Normalisierung des Antisemitismus wie seit Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr“ und fast zugleich „Jede neue Sprache ist ein neuer Existenzraum.“

Inara lebt aktiv in drei Sprachen. Deutsch gleicht in ihrem Fall einem Ausweichquartier. Es ist die Sprache der Marotten; Reviere für archivierte Katzenhaare. Eine Sprache für getrocknete Blumen und manchmal auch für die Stierhaftigkeit grundwütender Männer, die nach Inaras fester Überzeugung gegen die Reiterringer ihrer ersten Heimat chancenlos sind.

Gümüşay hat ein leuchtendes Buch geschrieben. Sie erzählt, was es mit Menschen macht, keinen Schöpfermythos zu kennen und sich ohne Sonderstellung im Universum zu denken. Menschen, die zwischen zwei und vielen Dingen unterscheiden, nicht aber zwischen drei oder sieben. Menschen, deren Orientierung perfekt ist, da sie sich sprachlich navigieren. Ständig bestimmen sie ihre Position im Raum und sind dabei auf äußere Merkmale nicht angewiesen. Ihre Peilungen ergeben sich aus einem Schema, das so einfach ist wie der Unterschied zwischen links und rechts.

Eine von Gümüşay befragte Akteurin erklärt dem Sinn nach: In meinen Muttersprachen (Plural) bin ich dreizehn.

Das ist eine großartige Selbstbeobachtung. Ich hatte eine deutschtürkische Freundin, die als Erwachsene zum Studieren nach Istanbul zog und nach zwei Semestern kindlich zurückkehrte. Obwohl damals Kopftücher in der Istanbuler Universität verboten waren, trug sie nun in Deutschland ein Kopftuch. Die Konfrontation mit ihrem kindlichen Selbst hatte sie aus der vorgezeichneten Erfahrungsbahn geworfen. Sie folgte dem Trip der (wie ein Schluckauf nicht einfach abstellbaren) Mädchenhaftigkeit noch ein halbes Jahr, um eines Tages wieder eine erwachsene, in jeder Beziehung unauffällige Deutsche zu sein. Jetzt erst begreife ich den Dreh. Türkisch war ihre Kindersprache, die Sprache ständiger Zärtlichkeiten und erwartungsvoll entgegengenommener, besorgter Fürsorge. Obwohl sie auf Türkisch akademische Stoffe bewältigte, funktionierte die Spaltung. 

Inara kam erst als Jugendliche ohne kulturelle Ankerpunkte nach Deutschland und brauchte für ihre Distinktion etwas, das sie ihrer Unbeholfenheit als Deutschschülerin entgegensetzen konnte. Ihre Muttersprache gab das nicht her. Sie wich auf Englisch aus, perfektionierte sich mit geringen Mitteln, und behauptete schließlich, in England aufgewachsen zu sein, ohne dass die Legende je in Zweifel gezogen worden wäre. Ich lernte Inara als Britin kennen. Zwar deckte kein Pass ihre Behauptung, aber es fragte auch keiner danach. Erst von einer überlegenen britischen Warte aus konnte sich Inara mit der deutschen Sprache anfreunden. Sie macht daraus ein großes Puppenhaus, in dem die Niedlichkeit durch die Decke geht.

Zum Schluss noch eine Tasse Tee zu zweit, bevor uns eine Jahrzehnte alte neue Folge von True Crime das Schlaflied singt.

*

Beamte richten ihre Schienenbeinschützer mit der Konzentration von Spielern, die sich auf ein Match vorbereiten. Sie erinnern an Schwarzenegger-Weissagungen. Ihre Gegenspieler erscheinen nicht weniger uniformiert. Inara trägt ihren Tiroler Strohhut, sie täuscht Unbefangenheit vor. Geht sie alles nichts an.

Mich diskriminiert das Testosteronvorkommen auf Asphalt. Ich bedenke die Redundanz von Naturgewalt. Ständig begegnet sie einem und will was bedeuten.

Inara war auch schon zuvorkommender.    

Wo ist jetzt noch mal die Galerie? Geyer sagte doch, man müsse lediglich ...

Die Galerie ist im richtigen Leben ein Geschäft für gehobene Alltagsgegenstände in einem seit Jahren eingerüsteten Haus. Das Haus wirkt betrübt wie ein Eckensteher, der zum Versprengten in seinem Kiez wurde. Wir haben es schon ein paar Mal erst einmal nicht gefunden.

Ich gehe an allen Leuten vorbei auf die Bilder zu. Von Kontakten verspreche ich mir nichts mehr. Jemand sagt was, er steuert einen gesellschaftlichen Schmerzpunkt an, indem er ein Wort aufkochen lässt, das bei jedem Thema einen Stammplatz erworben hat: Empathie.

Na klar, der Kritiker vermisst Empathie.