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28.09.2020, Jamal Tuschick

Lachs in Béchamelsauce

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In Frankreich begann die Verlegung von Schienen 1827. Neun Jahre später lud der Hauptgesellschafter der Compagnie du chemin de fer de Paris à Saint-Germain Baron James de Rothschild zur Erstbefahrung der Strecke Paris – Brüssel die bedeutendsten Persönlichkeiten der Epoche ein.

1. Juni 1846/7.30 h. Drei mächtig unter Dampf gesetzte Lokomotiven ziehen je zwanzig offene Waggons aus einem Provisorium just da, wo heute der Gare Saint-Lazare als einer der sechs kapitalen Kopfbahnhöfe im Quartier de l’Europe des 8. Arrondissements in Betrieb ist. Das Premierenpublikum erscheint zunächst glanzvoll und in Hochstimmung. Der Fortschritt triumphiert mit dreißig Stundenkilometern. Die Passagiere rußen allmählich ein und wirken zunehmend derangierter.

Orlando Figes, „Die Europäer. Drei kosmopolitische Leben und die Entstehung europäischer Kultur“, Deutsch von Bernd Rullkötter, Hanser Berlin, 34,-

Den Frieden und die Einheit von Frankreich und Belgien beschworen die Akteure in ihren Toasts. Die pazifistischen und antinationalistischen Erwartungen eröffnen Figes‘ Ausblick auf das 19. Jahrhundert und die europäische Dominanz.

Limonaia in der Nähe von Limone sul Garda © Jamal Texas Tuschick

Ich habe euch doch erzählt, dass ich vor wenigen Tagen in einem Zitronengarten am Gardasee mit dem Ingenieur Hans F. zusammengekommen bin. Das war keine konspirative Begegnung als Tauchgang in der Zisterne. Hans meinte, der Eisenbahnbau sei von Anfang an eine militärische Sache gewesen. Die Aussicht auf eine beschleunigte Verlegung von Truppen ergab, so Hans, den Hauptantrieb für die technischen Vorleistungen. Angeblich können Fachleute bis heute erkennen, wie sich die ursprüngliche Schwerpunktsetzung auf den zivilen Eisenbahnverkehr zum Nachteil bürgerlicher Interessen auswirkt.

Figes hält sich damit nicht auf. Der Historiker schildert den Saus und Braus beim Zwischenstopp in Lille.

„Die Festlichkeiten begannen mit einem prächtigen Bankett, das Rothschild für 2000 Gäste in einem riesigen Festzelt auf der Stätte des künftigen Bahnhofs abhielt, der damals innerhalb der mittelalterlichen Mauern errichtet wurde. Sechzig Köche und 400 Kellner servierten pochierten Lachs in Béchamelsauce, außerdem York-Schinken mit Früchten, Wachteln au gratin, Rebhühner à la régence sowie Sahnebohnen …“

Aus der Ankündigung: Orlando Figes erzählt brillant vom Beginn der Moderne. „Die Europäer handelt von der Entstehung Europas, und wenn man diese Geschichte heute liest, gewinnt sie eine fast utopische Qualität.“ Karl Ove Knausgård. 1843 – Die berühmte Opernsängerin Pauline Viardot reist nach Russland, wo die Eisenbahnstrecken gerade ausgebaut werden und europäische Ideen auf der Tagesordnung stehen. An ihrer Seite der Kunstkritiker Louis Viardot, ihr Ehemann. Während Pauline in St. Petersburg auftritt, kann ein Schriftsteller im Publikum seinen Applaus kaum im Zaum halten. Iwan Turgenew wird von nun an der ständige Begleiter der Viardots sein: Es entfaltet sich eine lebenslange Dreiecksbeziehung, in der sich die Entwicklung einer neuen Epoche spiegelt: die Moderne. In "Die Europäer" erzählt Orlando Figes nicht weniger als die Entstehung unseres kulturellen Selbstverständnisses.

Orlando Figes, geboren 1959 in London, ist Professor für Geschichte am Birkbeck College und zählt zu den renommiertesten Historikern Großbritanniens. Bei Hanser Berlin erschien zuletzt Hundert Jahre Revolution. Russland und das 20. Jahrhundert (2015).