MenuMENU

zurück zu Main Labor

02.10.2020, Jamal Tuschick

Betreff: Dilek Mayatürks Gedichtband "Brache" - Berliner Premiere in der Lettrétage // Hanser Berlin

„Nach dir/ Schlug ich wie ein Blitz in mein eigenes Leben ein.“ Dilek Mayatürk

Aus meiner Besprechung von Deniz Yücels „Agentterrorist“

Katzenfreund Yücel, der nach eigener Angabe keine Ahnung hat, wie man sich selbst schützt, stolpert als Türkei-Korrespondent der „Welt“ durch die Manege von Erdoğans Repressionszirkus. Ihn alarmiert die Verhaftung von Kolleg*innen. Tunca Öğreten verliert seine Freiheit, weil er geleakte Emails aus dem Account eines Günstlings des Präsidenten veröffentlicht hat. 

Das ist das eine. Auf der anderen Seite geht eine Liebe den Bach runter. In der Rolle einer enttäuschten Geliebten formuliert Dilek Mayatürk in der Fremdsprache Deutsch:

„Ich bin erschöpft, dich an mich zu erinnern.“

Das ist sehr schön. Ich erhöhe auf: Ich bin es leid, dich an mich zu erinnern. Du erschöpfst mein Merhamet mit deiner Ignoranz.

Jedoch gibt die Entschlossenheit, an Dilek festzuhalten, Deniz die Sporen. Zugleich lässt er seiner Zerknirschung freien Lauf, während vor der Tür Schneeregen Laternenkegel punktiert.

Natürlich sagt Dilek im Übrigen jede Menge. Zum Beispiel erzählt sie dem überregional kursierenden Periodikum Cumhuriyet: „Sie wissen, wie viele Fingerabdrücke auf den Glasscheiben sind, die uns von unseren Liebsten trennen. Die Fingerabdrücke, das sind wir.“

Selbstverständlich kapiert Dilek, warum Yücel auf stur schaltet. So entgeht er dem Schicksal eines politischen Spielballs. Er muss das Gesetz des Handels nach Kräften für sich reklamieren. (Leicht ist das nicht, auch wenn der Häftling auf dem Weg der Weisheit - wie vor ihm Nâzım Hikmet - begreift, dass die Gefangenschaft auf einer keinesfalls erstrebenswerten Metaebene ungeahnte Kräfte freisetzt.)  

„Es geht nicht darum, gefangen zu sein. Sondern darum, sich nicht zu ergeben. Nâzım Hikmet

„Ich verstehe, mein Herz“, sagt (Dilek). „Ich verstehe dich.“

Deniz Yücel, „Agentterrorist - Eine Geschichte über Freiheit und Freundschaft, Demokratie und Nichtsodemokratie“, Kiepenheuer & Witsch, 394 Seiten, 22,-

„Nach dir/ Schlug ich wie ein Blitz in mein eigenes Leben ein.“ Dilek Mayatürk © Metin Mayatürk

Dilek Mayatürk: Brache

Gedichte. Zweisprachige Ausgabe. Übersetzt von Achim Wagner
Brief ins Gefängnis

Wo auch immer du bist
Richte dich auf, heb deinen Kopf
Wir sind unter demselben Himmel.
Heb deinen Kopf,
Unseren Himmel können sie nicht teilen.
 
Dilek Mayatürk ist eine neue weibliche Stimme in der türkischsprachigen Lyrik – stark, verletzlich, wütend. Ihr Gedichtband Brache ist gerade als zweisprachige Ausgabe, mit deutscher Übersetzung von Achim Wagner, bei Hanser Berlin erschienen. Im Gespräch mit Felix Schiller stellt sie ihn am kommenden Mittwoch in der Berliner Lettrétage vor.
„An unser Herz werden wir uns erst dann erinnern, / Wenn es aufhört zu schlagen“. Die Gedichte von Dilek Mayatürk sind Aufforderungen, nicht in Coolness zu erstarren. In ihren Texten fließt rotes Blut, manche pochen vor Schmerz, Wut und Liebe – ungebrochen und ungeschützt, aber in Worten gebändigt. Trennung, Verlust, die eigene Herkunft werden hier verhandelt, aber auch das aktuelle politische Geschehen in der Türkei, mit all seinen Implikationen für die eigene Biographie.
 
Mittwoch, 07.10.2020, 20 Uhr Buchvorstellung in der Lettrétage Berlin.
Moderation: Felix Schiller. Voranmeldung erforderlich. Tickets und weitere Informationen...
 

Symbolfoto © Jamal Texas Tuschick

Dilek Mayatürk, geboren 1986 in Istanbul, studierte in ihrer Heimatstadt und in Klagenfurt Soziologie. Als Dokumentarfilmerin und -produzentin arbeitete sie u.a. für IZ TV und die BBC. 2014 erschien ihr erster Lyrikband Cesaret Koleksiyonu („Mutsammlung“). Für ihre Gedichte wurde sie in der Türkei mehrfach ausgezeichnet. Sie lebt und arbeitet in Berlin. Foto (c) Metin Mayatürk. Dilek Mayatürks Brache, übersetzt von Achim Wagner, ist am 21. September 2020 bei Hanser Berlin erschienen. Dilek Mayatürk, geboren 1986 in Istanbul, studierte in ihrer Heimatstadt und in Klagenfurt Soziologie. Als Dokumentarfilmerin und -produzentin arbeitete sie u.a. für IZ TV und die BBC. 2014 erschien ihr erster Lyrikband Cesaret Koleksiyonu („Mutsammlung“). Für ihre Gedichte wurde sie in der Türkei mehrfach ausgezeichnet. Sie lebt und arbeitet in Berlin. Foto (c) Metin Mayatürk. Dilek Mayatürks Brache, übersetzt von Achim Wagner, ist am 21. September 2020 bei Hanser Berlin erschienen.