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03.10.2020, Jamal Tuschick

Friedrich Hölderlin, Vivian Maier & Yoga

„Ich fand merkwürdige Concepte seiner … Gedichte mit vielen Correkturen.“ Eduard Mörike über Hölderlins Nachlass aus der Hand von Hölderlins Schwester Marie.

Hölderlin & Yoga

Heidelberg an den Hügel gelehnt ...

Wie der Vogel des Walds ... in den Fluten der Zeit

Eingebetteter Medieninhalt

 

„I found this box, that was loaded with negatives.”  John Maloof 

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Was einen so erreicht. Unter den Briefträgern ist einer, dem ich freundschaftliche Gefühle entgegentrage. Mit ihm ergeben sich Gespräche auf der Treppe, wie ich sie schon lange nicht mehr gewohnt bin in einer feindlichen Umgebung, in der ich jedenfalls meine Form wiedergewonnen habe.   

“They can‘t kid me, the bastards”, behauptet eine Instanz in Alan Sillitoes Outrage-Thriller Die Einsamkeit eines Langstreckenläufers. Fröhlich bringt der Bote die bei Wunderhorn erschienene, von Roland Reuß in Zusammenarbeit mit Marit Müller aus den Fluten der Zeit geschöpfte Faksimileedition des handschriftlichen Entwurfs von Hölderlins Heidelberg-Gedicht und Yoga für dich mit einem kindlich-selbstzufrieden grinsenden Autor als Coverboy. Patrick Broome verspricht den Easy Jet Flow mit nur fünfzehn Minuten Aufwand pro Tag. Mich erinnert das an Robert Chus Behauptung, der Qi-Fluss ließe sich easy mit Standübungen in Gang bringen; während andere Meister sagen, dass die vorgeschriebenen Steh- und Bewegungsbefehle nur für Anfänger*innen bestimmt seien. Und wer sagte noch mal, man müsse einfach nur die Siu Nim Tao jeden Tag stundenlang langsam üben, um wushu-mäßig fit zu werden?

„Yoga spricht den ganzen Körper an.“ P. Broome

„Ich fand merkwürdige Concepte seiner … Gedichte mit vielen Correkturen.“ Eduard Mörike über Hölderlins Nachlass aus der Hand von Hölderlins Schwester Marie.

„Ungestörte Musterung“

Um keinen zu langweilen, fand ich gestern zu dem Beschluss, mich nicht länger mit Richard Fords leicht verklebten Kurzgeschichten aufzuhalten, die mir in ihren Altherrenverstiegenheiten so aus der Seele kriechen, dass ich zu vergessen geneigt bin, aus welch geschlossenem erotischen Fundus Fords Frauenbildern stammen; einer Immobilie wie sie im Buch steht. Wenn Eileen nach einer Seitensprung-Eskapade mit Tom einem aus dem Körperlichen resultierende Zufriedenheit anmeldet, sehe ich den Autor über die Szene gebeugt wie über einen glühenden Ofen in einem nicht weiter ausgeführten Kontext mit klirrender Kälte. Für Mörike war zur Sichtung der Stücke - in der Freiheit einer „ungestörten Musterung - … ein Stübchen“ eingeheizt worden. Da blieb er sich selbst überlassen, „nur hie und da kam eines der Mädchen auf eine Viertelstunde mit dem Strickzeug herauf“.

Die Abwechslung nennt Mörike eine „nöthige Ableitung“ in dieser Schreibweise. Gleichviel. Ich will mich gegen meine allgemeinsten Absichten beinah dazu nötigen, endlich etwas über Christina Hesselholdts Biofiktion „Vivian“ zu schreiben. Das Buch ist gut. Es verdient Aufmerksamkeit. Es kriegt Aufmerksamkeit.   

Der Roman beginnt mit einer deutsch-französischen Einwanderergeschichte in New York. Ein Verwandter der Titelheldin kommt zu Besuch und versaut das Thanksgivingfestessen von 1929. Eine Dreijährige wird zur fassungslosen Zeugin der Entgleisungen. Dazu zählt die Simulation der Penetration eines Truthahns (wie von Fellini in Szene gesetzt). Nach der Scheidung ihrer Eltern, bleibt Vivien bei der französischen Mutter, während ihr Bruder Carl außerhalb des Familienparcours verelendet, um schließlich in einer Nervenheilanstalt zu kapitulieren.

Christina Hesselholdt, „Vivian“, aus dem Dänischen von Ursel Allenstein, Roman, Hanser Berlin, 21,-

http://www.vivianmaier.com/

Es folgt ein Zeitsprung. Weiter geht es im Jahr der Revolte. Achtundsechzig schlafen „Sarah und Peter … getrennt. Sie haben das Kind, das sie haben wollten.“

Vivian stößt zu dem Trio als Hausmädchen. Siehe Wikipedia: 

„Vivian Dorothy Maier (* 1. Februar 1926 in New York; † 21. April 2009 in Chicago) war eine US-amerikanische Staatsbürgerin französischer Prägung, Kindermädchen, Haushälterin und Amateur- bzw. Freizeitfotografin. Bekanntheit erlangte Maier erst kurz nach ihrem Tod durch die zufällig entdeckte, unfreiwillig versteigerte Hinterlassenschaft einer ungewöhnlich großen Zahl fotografischer Schwarzweißaufnahmen.“

Peter assoziiert mit Vivian frühe erotische Sensationen. Er rechnet mit einem Nachschlag aus dem Kindheitsuniversum. Die neue Perle steht aber kerzengerade für eine knallharte Autonomiepolitik. Dem Leser leuchtet das aus verschiedenen Blickwinkeln ein. Die wechselnde Perspektive belebt die Ansichten. Sie bekommen etwas Fortlaufendes. Das könnte gewollt sein à la Christopher Isherwood: „Ich bin eine Kamera mit offenem Verschluss.“

Ein allwissender Erzähler schaltet sich ein und kommentiert die Beiträge der Akteure. Emissäre des Unglücks stellen sich ein und erklären, warum Vivian so ein abgeschlossener Mensch ist. Ich fand eben ein Gedicht von Dilek Mayatürk, das gut passt:

„Die früh aus der Brache gerissene Erde/ Ist jetzt verkrustete Wüste./ Betrauer nicht die Erde/ Versteh die Wüste.“

Es geht weiter. „Von der Erde einer Brache erntet man zuerst Geduld … Verlangen“; am Ende verflucht man sie.

Das beschreibt genau, was jedermann von Vivian zu erwarten hat. Sie ist auf die schattigste Weise exzentrisch. Sie fotografiert „Frauen mit Fuchspelzkragen“.   

Merkwürdig sondierend mischt sie sich unter die Leute; sich mit der Box am Busen stets distanzierend. 

Aus der Ankündigung: Als sie im Jahr 2009 stirbt, ist Vivian Maier eine einsame, verarmte Frau, die praktische Männerschuhe bevorzugte und skurrilerweise ständig eine Kamera bei sich trug. Kurz darauf avanciert sie posthum zur genialen Straßenfotografin: In ihrer Wohnung findet man einen riesigen Bilderschatz – an die 200.000 Fotos hat Vivian Maier über die Jahre aufgenommen, die meisten davon jedoch nie entwickelt. Wer war diese Frau, und was hat sie dazu bewogen, ein fotografisches Werk zu schaffen, ohne es je sichtbar zu machen? In Vivian geht Christina Hesselholdt der Faszination dieses Mysteriums nach. Ihr Roman ist ein vielschichtiges, zutiefst inspiriertes literarisches Porträt einer radikal unabhängigen Frau.

Christina Hesselholdt © Nadine Kunath

Christina Hesselholdt, geboren 1962, gilt längst als eine der außergewöhnlichsten Stimmen der zeitgenössischen dänischen Literatur. Ihr Werk wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Beatrice Prize (2007), dem Critics’ Prize (2010) und zuletzt (2018) dem Grand Prize of the Danish Academy. 2018 erschien ihr Roman „Gefährten“ bei Hanser Berlin.