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03.10.2020, Jamal Tuschick

„Gedichte (sind) Operationen am offenen Herzen“

Ölü doğanlar ağlamaz - In Dilek Mayatürks Gedichten klärt ein verendender Fisch die Istanbuler Inquisition als orientalische Verschwörung auf. 

Schmachtende Wäscheklammern

Ein Fisch spricht in ohnmächtiger Luzidität. Ihm zerriss das Maul ein Anglerhaken. Nun stirbt er abseits des Meeres ...

Symbolfoto © Jamal Texas Tuschick

Berauschend genau

„Nach dir/ Schlug ich wie ein Blitz in mein eigenes Leben ein.“

„Ich habe ein Wort versteckt/ Im Alltagsgeschwätz.“

*

Dilek Mayatürks Gedichte sind ultrakonkret und berauschend genau gebaut. Darin versteppt Istanbul aus (den bekannten, vom Ich persönlich genommenen) politischen Gründen.

„Ich kann mich nicht mehr durch die Stadt bewegen“, bemerkt das „schwer gewordene“ lyrische Ich. Synonyme für diese Schwere sind leicht zu finden.

Delirium der Ohnmacht und ohnmächtige Luzidität

Ein Fisch spricht in ohnmächtiger Luzidität. Ihm zerriss das Maul ein Anglerhaken. Auch eine Flosse litt. Nun stirbt er abseits des Meeres in einem roten Eimer.

Dilek Mayatürk, „Brache“, Gedichte, zweisprachige Ausgabe, übersetzt von Achim Wagner, Hanser Berlin, 20,-

Die Wüste tritt auf und weckt den Wunsch, sie zu verfluchen. 

„Gedichte (sind) Operationen am offenen Herzen“. Ich sehe die Dichterin vor der Studiobühne des Gorki Theaters © Jamal Texas Tuschick

Ich finde die Gedichte von Dilek Mayatürk so gut, das ich sie ständig anbringen möchte. Wie kann man nur so präzise sein:

„Und natürlich wird man sich nicht an mich erinnern, wenn ich tot bin/ Etwas Kleingeld, das im Wintermantel vergessen wurde.“

„Die früh aus der Brache gerissene Erde/ Ist jetzt verkrustete Wüste./ Betrauer nicht die Erde/ Versteh die Wüste.“

Es geht weiter.

„Von der Erde einer Brache erntet man zuerst Geduld … Verlangen“; am Ende verflucht man sie.

Dilek Mayatürk stellt ihre Gedichte am 07.10. in der Kreuzberger Lettrétage vor. 

Aus der Ankündigung

Brief ins Gefängnis

Wo auch immer du bist
Richte dich auf, heb deinen Kopf
Wir sind unter demselben Himmel.
Heb deinen Kopf,
Unseren Himmel können sie nicht teilen.
 

Dilek Mayatürk © Metin Mayatürk

Dilek Mayatürk, geboren 1986 in Istanbul, studierte in ihrer Heimatstadt und in Klagenfurt Soziologie. Als Dokumentarfilmerin und -produzentin arbeitete sie u.a. für IZ TV und die BBC. 2014 erschien ihr erster Lyrikband Cesaret Koleksiyonu („Mutsammlung“). Für ihre Gedichte wurde sie in der Türkei mehrfach ausgezeichnet. Sie lebt und arbeitet in Berlin. Foto (c) Metin Mayatürk. Dilek Mayatürks Brache, übersetzt von Achim Wagner, ist am 21. September 2020 bei Hanser Berlin erschienen. Dilek Mayatürk, geboren 1986 in Istanbul, studierte in ihrer Heimatstadt und in Klagenfurt Soziologie. Als Dokumentarfilmerin und -produzentin arbeitete sie u.a. für IZ TV und die BBC. 2014 erschien ihr erster Lyrikband Cesaret Koleksiyonu („Mutsammlung“). Für ihre Gedichte wurde sie in der Türkei mehrfach ausgezeichnet. Sie lebt und arbeitet in Berlin. Foto (c) Metin Mayatürk. Dilek Mayatürks Brache, übersetzt von Achim Wagner, ist am 21. September 2020 bei Hanser Berlin erschienen.