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04.10.2020, Jamal Tuschick

Daily Gong-fu/ Virtuose Mechanik  

Mühelosigkeit, Vermeidung von Kraft gegen Kraft, vor allem jedoch die Bewahrung des Gleichgewichts unter erschwerten Bedingungen. Die Bewegungen haben sich verselbständigt. Sie folgen Harmonielinien, in denen sich das Spiel der freien Hüfte und der dekomprimierten Gelenke entspannt. Sehen wir schon den Qi-Fluss oder ist das noch virtuose Mechanik?   

Eingebetteter Medieninhalt

Freundlicher Katzentisch

Polly wächst an einem freundlichen Katzentisch familiären Glücks auf. Als der Erzählfluss einsetzt, ist die Mutter schon tot. Polly parkt in einer weitreichenden ...

© Jamal Texas Tuschick

Liste des Wesentlichen

Die Erzählerin stellt sich im ersten Satz vor.

„Ich bin Polly Flint.“

Polly wächst an einem freundlichen Katzentisch familiären Glücks auf. Als der Erzählfluss einsetzt, ist die Mutter schon tot. Polly parkt in einer weitreichenden Abwesenheit des Vaters bei Schwestern der Toten. Der Vater ist „ein kleiner schwerer (Seemann) auf leichten Füßen“; ein schlechter Sänger und guter Tänzer.

Jane Gardam, „Robinsons Tochter”, aus dem Englischen von Isabel Bogdan, Hanser Berlin, 24,-

Captain Flint geht bald mit seinem Frachter unter, standhaft im Ginrausch. So launisch schildert Jane Gardam den lebhaften Prozess eines Verwaisens im erweiterten Familienkreis. Die abgeklapperten Milieus tauchen in den Farben von Pflaumenmus. Männer tragen Henkelmänner. Sie sind schwarz von Kohle.

Polly fährt in der ersten Klasse an ihnen vorbei.

Jane Gardam erzählt zunächst aus der Warte einer kindlichen Gleichzeitigkeit. Der Vater ist schon tot, lebt aber auf einer Liste des Wesentlichen weiter.

Polly erklärt sich selbst zur Verschlusssache.

Frühe Mysterien/ Vom Wind unterfüttert

„Kein besonders offenes Kind“, erkennen die Tanten. Liebe ist kein Fach, in dem man von ihnen unterrichtet wird. Es herrscht der Pragmatismus reiner Aufzucht … in einem von Polly Großvater, dem legendären Mr. Younghusband, nach vom Mainstream stark abweichenden Vorstellungen errichteten Haus namens Oversands in der Marsch. Vom Wind unterfüttert, schlagen Holzläden gegen die Rahmen. Nachmittags „kommt der Mann … und tut Dinge mit Tante Mary in der Küche“. Mary Autorität leidet in den Augen der heimlichen Zeugin. Wie derangiert und irgendwie daneben sie in den „Grausamkeiten“ des Besuchers aufgeht.  

Ich finde die Gedichte von Dilek Mayatürk ...

Dilek Mayatürk, „Brache“, Gedichte, zweisprachige Ausgabe, übersetzt von Achim Wagner, Hanser Berlin, 20,-

... so gut, das ich sie ständig anbringen möchte. Wie kann man nur so präzise sein:

„Und natürlich wird man sich nicht an mich erinnern, wenn ich tot bin/ Etwas Kleingeld, das im Wintermantel vergessen wurde.“

„Gedichte (sind) Operationen am offenen Herzen“, sagt Mayatürk. Polly nimmt im Morgenzimmer, das zur Teezeit schon keine Sonne mehr kriegt, Deutschstunden ohne das geringste Vergnügen. Vor der Tür liegt das Deutsche Meer, ich nehme an, der Ausdruck trifft die Nordsee, diese atlantische Badewanne mit einem dreigliedrigen Landmassenrand. Vielleicht ist für Engländer*innen die Insellage ihrer Heimat nicht so selbstverständlich wie Kontinentaleuropäer annehmen. Vielleicht stört es sie bis zur Furcht, so leicht erreichbar zu sein: von furchtbaren Tagesausflügler*innen, deren größte Nachteil darin besteht, keine Engländer*innen zu sein.

Aus der Ankündigung: „In Robinsons Tochter steht alles drin, was ich zu sagen habe.“ (Jane Gardam) Über das Leben einer zutiefst ungewöhnlichen Frau. Einfühlsam, witzig und raffiniert erzählt, wie man es von der Bestseller-Autorin der britischen Trilogie um „Old Filth“ kennt. England 1904 – Polly, mit sechs Jahren schon eine Pflegefamilien-Veteranin, kommt zu ihren frommen Tanten in das gelbe Haus am Meer. Hier gibt es kaum Unterhaltung, aber es gibt Bücher, und lesend entwickelt sich Polly unbemerkt zu einer stillen, unbeugsamen Rebellin. Ein Buch liest sie immer wieder: "Robinson Crusoe" wird zu ihrem Kompass in jeder Lebenslage. Ihre eigene einsame Insel verlässt Polly Flint nie ganz. Doch am Ende ihres fast ein Jahrhundert umspannenden Lebens wird sie Liebe und Enttäuschung, Depression und rettende Freundschaft kennengelernt und ihre Bestimmung gefunden haben. Ein großer Roman voller hinter gepolsterten Türen verborgener Geheimnisse, so raffiniert und klug, wie nur Jane Gardam sie inszenieren kann. 

Jane Gardam wurde 1928 in North Yorkshire geboren und lebt heute in East Kent. Für ihr viel bewundertes schriftstellerisches Werk wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Nach der Bestseller-Trilogie um Old Filth sowie dem Erzählungsband " Die Leute von Privilege Hill" erschien bei Hanser Berlin zuletzt ihr Roman " Weit weg von Verona" (2018).