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04.10.2020, Jamal Tuschick

Facebook Fund

Wie Facebook Geschichte schreibt

Jeden Tag bietet mir Facebook einen Blick in meine jüngere Vergangenheit an. Gestern ploppte ein Bild von Marie-Luise Scherer auf, das ich 2014 in der Akademie der Künste gemacht habe. Ich war seit vier Jahren aus dem Geschäft, litt aber noch am Berichterstattungsfieber. 

Tiere in der Todeszone

Marie-Luise Scherer 2014 in der Akademie der Künste © Jamal Texas Tuschick

Da gibt es die Reportage über Philippe Soupault. Er war der Mann mit dem Geld im Verein der Surrealisten um Andre Breton und Louis Aragon. Marie-Luise Scherer besucht den noblen Greis Anfang der Achtziger im 16. Arrondissement. Sie beschreibt die Begegnung so wie es kein anderer könnte, sie gibt einen Lungenflügel hin für Text & Rauch. Ich schreibe sofort, die Literatur erneuert sich im literarischen Journalismus mit Scherer, Göttle und Kapuscinski an der Spitze, ohne zu bemerken, dass Scherer Soupault in einem Altenheim besucht hat. In ihren Formulierungen verduftet die Tristesse von Verhältnissen. Unbefangen verwendet sie das N-Wort: „Ein junger ... mit bunt ausgekleidetem Einkaufskorb und einem äußerst kleinen Hund an der Leine hält einer Greisin eine Tür auf. Und während der Neger längst auf der Straße verschwunden ist, steuert die Greisin mit dem abschirmenden Lächeln der Gehörlosen immer noch das nächste Sitzpolster an.“

Scherer sei so diskret, hieß es. Das finde ich gar nicht mehr beim Wiederlesen, ihre Erlesenheitssucht klappert ganz schön. Nun liest Scherer in der Berliner Akademie der Künste „Die Hundegrenze“. Die Geschichte erschien 1994 zuerst im „Spiegel“. Sie erzählt von Hunden und ihren Führern im Sperrgebiet an der innerdeutschen Grenze. Die Tiere in der Todeszone sollten nicht von augenfälliger Trolligkeit sein. Züchter aus der Gegend (der Recherche) gaben ihre „Mängelexemplare“ an der Grenze ab. „Der Grenzdienst bescherte den tauben Nüssen erst ein Dasein.“
Marie-Luise Scherer sieht aus wie eine verschattete Schwester ihrer Kollegin Gisela Friedrichsen. Was bei Friedrichsen wie Gold schimmert, ist bei Scherer abgedunkelt zu brünett. Scherers Stimme siebt eine süddeutsche Mundart, sie fixiert „den Glühpunkt einer Zigarette“. Sie berechnet den Winkel, in dem ein Gewehrlauf vom Rücken absteht.
Auch vollendete Exemplare kamen zum Einsatz: „Seine Rute machte eine schöne Silhouette.“