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04.10.2020, Jamal Tuschick

Britisch blass

Barbara Pym weiß: „Auf so viele Probleme des Lebens ist heiße Milch eine Antwort.“

© Jamal Texas Tuschick

Der 70er+Flow am Beispiel des Profis Clive Potter. Auf gehts. Reden Sie sich nicht ein, Sie seien zu alt und hätten es nicht nötig. Wir stehen vor den Herausforderungen der Langlebigkeit. Lassen Sie uns Pioniere sein - Babyboomer im Beat der Wettbewerbsfähigkeit.  

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Ungelüftete Schossgeheimnisse

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Viola Stint wurde gerade sitzengelassen. Jetzt sucht sie Trost bei dem angejahrten Muttersöhnchen Aylwin Forbes.

Ein Mann entbindet sich von einem Eheversprechen. Ihrem gebrochenen Herzen verordnet die Sitzengelassene die Kur einer Tagung. Die Unterbringung ist dann erschreckend dürftig, „eine elende Kammer“, eingerichtet für zwei Versprengte, die nichts besseres mit sich anzufangen wissen, als in einem Kreis fremder Leute Interesse an einem Thema weit weg von den eigenen Bedürfnissen zu heucheln. 

„Sie hätte niemals hierherkommen dürfen.“

Das erkennt Viola Stint mit den „spitzen Fingern“ eines unbefestigten Snobismus sowie angesichts der Einrichtungstristesse „in einem Mädcheninternat in Derbyshire“, das als Tagungsstätte fungiert.  

Zu Viola gesellt sich „eine biedere englische Jungfrau“. Viola erhebt sich leicht über Dulcie Mainwaring. Berechtigt findet sie ihren Stolz auf eine Kombination von britisch-blassem Teint und schwarzen Stoffen in der Manier einer formbewussten Trauersuggestion. Nun entert Aylwin Forbes die Bildfläche. Vorsorglich zieht er eine Flasche Gin „aus den Falten seines (kofferfein verpackten) Schlafanzugs“. Den Koffer könnte die Mutter gepackt haben, zu der sich Aylwin nach einem Ehedesaster in Sicherheit zu bringen die Geistesgegenwart besessen hat. Viola, die ihm einst als Assistentin inbrünstig zuarbeitete, strebt den ungelüfteten Geheimnissen seines Schosses entgegen; jedes Vergnügen verneinend.

„Die Frage ist nicht, ob ich etwas genieße … Mir geht es um ihn.“

Das ich & ihn erscheint kursiv.  

Talking Heads meets Talking Hands © Jamal Texas Tuschick

Kulinarischer Counter Strike

A la recherche des sources du Qi

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Shaking Laurel’s foundation is the plaisir of her aunt Dulcie. Die intransigent biedere Gastgeberin perforiert die Souveränität der Nichte in einer Manier, die sich nach den Regeln wenigstens einer Kampfkunst in der externalen Version so darstellt:

Erstens. Die erste Bewegung führt die Technik auf den sicheren Grund der körperlichen Basis. (The first move guided the technique to the base.) Man hebt und senkt nicht bloß die Hand, sondern übt mit der leiblichen Masse in ihrer Gesamtheit Druck aus. Man setzt sich auf die Kontaktstelle. Stichworte hitting point/sitting position.

Zweitens. Man bleibt in der Angriffslinie, weil da nur Platz für eine Person ist. Geht man raus, macht man Platz. Man eröffnet dem Angreifer/der Angreiferin einen Raum. Man bietet ihm/ihr eine Lücke an. Besetzt er/sie sie, verliert der Verteidiger/die Verteidigerin seine/ihre Basis.

Drittens. Man öffnet den Gegner/die Gegnerin mit Einbrüchen in die Zentrale des Äquilibriums.

In der Sprache, die Tante Dulcie, die alte Zuchtmeisterin, zur Wahrung ihrer Interessen einsetzt, heißt das:

Schätzchen, my dear, du Schlampe hast dein Bett nicht gemacht. In meinem Haushalt verschwendet man kein Geld an ein Dienstmädchen mit Haube und Schürze, das einem so aufwartet, dass man sich wie die Königin unseres Landes fühlt. Wir sind nicht hochwohlgeboren, sondern von geringem Stand nur. Unsereins verliebt sich in einen Pastor. Wir verehren Männer wegen ihrer ansprechenden Singstimmen. Besser ist, du lernst die Lektion von mir als vom Leben persönlich als ledig Schwangere ohne Vermögen und Kompetenz in der Haushaltsführung. 

Kulinarischer Counter Strike

Wie reagiert Laurel auf den Angriff? Dazu gleich mehr. 

Neue Nachbarn

It needs an opposition of force to get strong © Jamal Texas Tuschick

Hier noch einmal meine Besprechung von Barbara Pyms Roman „Vortreffliche Frauen“, aus dem Englischen von Sabine Roth, Dumont, 349 Seiten, 22,-

Barbara Pym plaudert hinreißend aus dem Giftschränkchen & Nähkästchen einer Pastorentochter im zerschlagenen London Ende der 1940er Jahre. 

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Sie hat die Angriffe der deutschen Luftwaffe auf London erlebt. Wenige Jahre nach Kriegsende führt Mildred Lathbury ein Mauerblaukissendasein in der versehrten Kapitale des verdämmernden Empire. Ledig geblieben zu sein, ist ein Makel, dem die nun dreißigjährige Pfarrerstochter den Vorzug gibt. Sie empfindet „die Liebe als etwas Furchtbares“.

Ihrer Eitelkeit gestattet sie wenig. Gewiss könnte niemand noch weniger putzsüchtig sein, doch nutzt Mildred Anlässe, um ein bisschen Staat zu machen.

„Meine Kleidung eine Spur weniger trist.“

Barbara Pym erzählt das so, dass man es sich sehr gut vorstellen kann. Die Selbstdisziplin, die Einsamkeit, die vermodernden Gemeindehauswände, die Gerüche der Armut, die Nachrichten aus den überseeischen Kolonien, die Klatschgesellschaft „vortrefflicher Frauen“ im Dunstkreis der Kirche als ungenügender Trost für ein mit den besten Vorsätzen verfehltes Leben …

The road to hell is paved with good intentions.

Die Nachmittagsfreuden des Tees/

Zeitgenössische Buntglasbläser/ untergegangene Jahrgangsgenossinnen/ Strickereien & Stickereien spielen zusammen in einem Ensemble der Zurückhaltung.

„Also machte ich mich daran, das kleine Gästezimmer herzurichten, stellte eine Vase mit Narzissen auf den Kaminsims und holte die nutzlosen kleinen Gästehandtücher mit der Stickerei heraus.“

Monster der Vitalität

Nicht zurückhaltend sind Mildreds neue, den Erzählanlass stiftende Nachbarn. Diese Monster der Vitalität stoßen die Eingesessene mit unverblümten Meldungen aus der Fäkalsphäre vor den Kopf. Das Gediegene und Getragene ist ihnen fremd. Die Rede ist von der attraktiven Anthropologin Helena und dem charismatischen Offizier Rocky, den Mildred gegen ihren Willen anhimmelt.

Rocky entspricht einem Ideal. Dem Kampf gegen die Deutschen lieh sein Typus das Siegerimage. Man ist sich ziemlich sicher, dass er im Krieg ein Verhältnis mit einer Italienerin hatte.

Rocky schreckt vor nichts zurück. Er geht so weit, Mildred den Hof zu machen. In ihrer stillen Erregung versteigt sie sich zu Vergleichen von verblichenen Gatten mit Teekannen.

Man ersetzt einen Mann „so wie man eine neue Teekanne kauft, wenn einem die alte zerbricht.“

Rocky erkennt den Scharfsinn der Verschmähenden. Er lockt Mildred aus der Reserve und bringt sie aus der Fassung.

Ich bin hingerissen von Pyms Schilderungen post-viktorianischer Szenen im Abendglanz einer Epoche. Plötzlich hebt das Schwungrad des Lebens Mildred hoch. Sie bilanziert:

„Die Männer sind nicht annähernd so arm und hilflos wie wir uns das gern einbilden.“