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05.10.2020, Jamal Tuschick

Von Tomma Neveling

Was sich seit dem Satz geändert hat: "Der Islam gehört zu Deutschland"

Symbolfoto © Jamal Texas Tuschick

Christian Wulff war nicht der erste, der den vielzitierten Satz über den Islam sagte. Auch nicht der letzte. Doch nur um seine Rede entbrannte eine so hitzige Debatte. Denn es war der Bundespräsident, der den Satz "Der Islam gehört zu Deutschland" aussprach. Am Tag der deutschen Einheit. Und mitten in der Debatte um Thilo Sarrazins umstrittenes Buch "Deutschland schafft sich ab".

Der Beitrag erschien zuerst hier/Mediendienst Integration

Es war aber gleichzeitig auch die Zeit, in der sich viel getan hat in Fragen der rechtlichen Anerkennnung des Islams. Darauf wies die Islamwissenschaftlerin Riem Spielhaus in einer Expertise für den MEDIENDIENSTES hin. Ab 2010 ermöglichten mehrere Bundesländer eine sarglose Bestattung, wie sie im Islam vorgesehen ist. Ende 2012 und Anfang 2013 schlossen Hamburg und Bremen Verträge mit islamischen Organisationen, in denen Fragen zur Religionspraxis geregelt sind. Mehrere Bundesländer vereinbarten zudem Regelungen zum islamischen Religionsunterricht oder zum gesetzlichen Schutz der Feiertage. Die Bundesländer führten rechtliche Verbesserungen ein, die die islamischen Gemeinden schon seit Jahrzehnten gefordert hatten.

Verhandlungen stagnieren

Seit spätestens 2016 stagnieren die Verhandlungen zwischen den Ländern und den Gemeinenden jedoch. Teilweise gibt es Rückschritte, so Spielhaus. Das liegt etwa in Rheinland-Pfalz daran, dass das Land befürchtete, dass die Türkei Einfluss auf die DITIB in Deutschland ausübt.

Eine weitere Herausforderung bei der rechtlichen Anerkennung bleibt die Suche nach einem gemeinsamen Ansprechpartner auf muslimischer Seite. Den wird es laut Spielhaus trotz vielfacher Bemühung nicht geben. Im Gegenteil, islamische Akteur*innen sind laut der Islamwissenschaftlerin in den vergangenen Jahren vielfältiger geworden.

Einige Bundesländer sind dazu übergegangen, stärker auf die Vielfalt der Gemeinden einzugehen. So hat NRW im Juli 2019 die Koordinierungsstelle für muslimisches Engagement ins Leben gerufen, die mittlerweile mit knapp 200 Vereinen zusammenarbeitet. Sie soll muslimische Akteur*innen untereinander vernetzen und die Vereine auf ihrem Weg der Professionalisierung stärken. "Bis 2017 hat der Dialog in NRW vor allem zwischen der Landesregierung und dem Moscheegemeinden stattgefunden. Jetzt soll der Blick mehr auf Musliminnen und Muslime und ihr vielfältiges Vereinsleben gerichtet werden", so Serap Güler, Staatssekretärin für Integration in Nordrhein-Westfalen.

"Der Islam gehört zu Deutschland"

Diese Vielfalt im islamischen Gemeindeleben kommt auch daher, dass sich in Deutschland immer mehr junge Muslim*innen teils außerhalb der großen Dachverbände organisieren, erklärt Dennis Sadiq Kirschbaum. Er ist Vorstandsvorsitzender von JUMA, ein Verein von und für junge Muslim*innen, die sich engagieren wollen. Gemeinsam mit anderen Initiativen will er einen Dachverband von islamischen Jugendorganisationen gründen. "Bei uns sind vor allem junge Musliminnen und Muslime vertreten, die in Deutschland geboren sind", so Kirschbaum. Ob der Islam zu Deutschland gehört, ist für sie keine Frage.