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05.10.2020, Jamal Tuschick

Die Totalfiktion als Universallösung

"Erst ein Super-Tsunami machte England zur Insel

Vor 10.000 Jahren verband das riesige Doggerland Britannien mit Europas Festland. Jetzt suchen Archäologen nach Spuren der Bewohner. Vor 8000 Jahren traf eine apokalyptische Katastrophe die Region." Aus der WELT

London 2016 © Jamal Texas Tuschick

Die deutsche Nordseeküste lag erdgeschichtlich-eben-noch 600 Kilometer weiter nördlich in Norwegen nämlich. Und jetzt komme ich und weiß was. Das ist doch lächerlich.  

Eingebetteter Medieninhalt

Sie nennt England eine Festung, die das Meer schleift. Marion Forster lebt über einem Klippenstrand der Nordsee wie auf einem Außenposten der Zivilisation. Ihre Verbindungen reichen weit. Zum Beweis stehen lauter rationierte Lebensmittel in der Vorratskammer bereit. Jeden Abend schmälert sie ihren Bestand an Vorkriegsspirituosen.

Marion neigt zur Großartigkeit.  

„Le grand tour“ nennt sie die Wanderung des sechzehnjährigen Melbourne Armstrong, der die weitere Umgebung seiner Geburtsstadt erkundet. In der unmittelbaren Nachkriegszeit arbeitet er für Kost und Logis, wo immer sich eine Gelegenheit bietet. Auch Marion versichert sich der Kraft des jungen Mannes, den sie mit ihrer unverschämten Art einschüchtert.

Die einsame Exzentrikerin gefällt sich mit den Manieren der Seebär*innen. Sie verzapft Zoten. Merkwürdig plump macht sie Melbourne auf ihre Vorzüge aufmerksam. Zugleich verrät sich der weite Horizont der Einfühlsamen. Kurz gesagt, Melbourne ist von seiner Gastgeberin gleichermaßen hingerissen und irritiert. 

Wildwiesen, Wein & Wikinger

Da, wo er herkommt, liegt das Ufer zwar nicht weiter weg als vor Marions Sturmkate, aber das Volk grassiert an den Gestaden nicht anders als in den Gruben. Stets richtet sich der Blick auf Kohle. Melbournes Initiation vollzieht sich in der Gegend von Scarborough. Die Stadt wurde 966 als Skarðaborg von Wikingern gegründet; doch bald von Angelsachsen überrannt und mit Feuer geschändet. Marion erzählt ihre ahistorische Version dem Gast mit großer Geste als Hammerstory. Die Arie verfehlt ihre Wirkung. Melbourne backt von Haus aus kleine Brötchen. Ihn justiert das Spiel der Feldmäuse. Zu Marion legt er sich mit der Idee, es so wärmer zu haben. Ahnungslos macht er ihr das Kind, von dem sie träumte. Längst ist er weitergezogen, als die Schwangerschaft sichtbar wird.  

Noch steht das alles in den Sternen.

Marion macht dem Debütanten eine Leseliste. Ihre Gedankenausflüge in die weite Welt nehmen Melbourne nicht die Last der familiären Erwartungen. Seine Vorfahren sind Bergleute von jeher. Eine Minenexistenz soll auch Melbournes Schicksal besiegeln. Er stemmt sich kaum gegen den Fatalismus der Geschichte (Büchner). Seine Wanderung, von Marion als Odyssee hochgejubelt und zugleich eingepflegt in das bald endende Verhältnis, übersteigt kaum den Besteigungsaufwand beim nächsten Aussichtsturm.  

Kurz gesagt, Melbourne zieht weiter wie ein einsamer Reiter. Er pisst auf die Feldmarken.  

Glazialer Moment

Kommst du nach Cowshill, dann solltest du wissen, dass der Ortsteil Burtree Ford als eigenständiges Gemeinwesen Anspruch auf Geltung einst erheben konnte. Davon kündet noch einiges, was man heute einfach so Cowshill zuschlägt, so wie der Burtreeford Hof, die Burtreeford Brücke und die Burtreeford Mühle: ein dreistöckiger Kasten, dessen Rad von den Wassern des Killhope - und Sedling Burn bis 1939 über hundert Jahre lang angetrieben wurde.

Cowshill liegt im County Durham und in einer Ecke von England, die Jessica Andrews zu einem Schauplatz ihres ersten Romans, „Und jetzt bin ich hier“, gemacht hat. Andrews stammt aus Sunderland. Die Stadt erscheint als rostende Domäne voller verwesender Gewissheiten. Alles war mal proletenproper. Jetzt geht alles prekär den Bach runter. Andrews beschreibt Ecken und Kanten, die auch Melbourne auf dem Gang vor die Tür seiner bescheidenen Verhältnisse wahrnimmt.

Während der Trebegänger vom Bärlauch ausgeht und den glazialen Moment als erdgeschichtliches Ereignis feiert, sichert Andrews die Industriebrachen und Rust Belt Romantik nach der Dirty Old Town-Melodie.  

Nein, Melbourne ist nicht der Typ, der in einer Kneipe sentimental wird. Er geht vollkommen auf in seiner Selbstkultivierung. Dabei bezieht er sich zumal auf den Leitfaden der Scotland Yard-Legende Murphy Lee-Malone, ein in den Docklands von Hongkong stabil gewordener Brite chinesischer Bauart. Im Weiteren überlebt sein stillschweigender Adept Melbourne als Tagelöhner in einer weitgehend geräumten, vom Krieg müden Landschaft. Ich erzähle zwar von einem Adoleszenten, der einen Ausweg sucht, um die breitgetretenen Fährten der Altvorderen als an sich unvermeidlicher Gang in die Grube zu vermeiden …

You load sixteen tons, what do you get?
Another day older and deeper in debt
Saint Peter don't you call me 'cause I can't go
I owe my soul to the company store

... doch dann macht Melbourne doch nur wieder das, was schon sein Vater in dieser Standardmischung aus Widerstand und Resignation getan hat. Doch hört der Sohn nie auf zu üben. Schließlich ist die Sanduhrladung einmal durchgelaufen und das Ding wird umgedreht. Nun ist Melbourne der erfahrene und zugleich in seinen Grenzen festgehaltene Lehrkörper … eine männliche Marion. Ihm zu Gefallen ist das Bestreben von Toni aus Durham. Melbourne findet Anlässe, die nahe Wasserkante mit Erwähnungen von Versteinerungen, Einsiedlerkrebsen und der Geschichte Britanniens zu vergolden. Er erzählt vom Doggerland*, über dem sich die Nordsee wälzt. England ist so kontinental wie Frankreich und in der Steinzeit wussten das auch alle. 

*„Heute träumte mir, ich sei eine kleine Erbse mitten im Atlantischen Ozean. Ich erhob mich aus den Wellen und sagte: Mit mir fängt die Landbildung an! Darauf zerschellte ich am afrikanischen Kontinent.“ Hans Jürgen von der Wense