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07.10.2020, Jamal Tuschick

Aus einem YouTube-Kommentar

"So wonderful to see non-Portuguese ... discussing Brazilian literature."

Clarice Lispector © Paulo Gurgel Valente

Die Prosa von Clarice Lispector trifft den Leser stets unvorbereitet. Sie bewahrt ihr Geheimnis und hört deshalb nicht auf, überraschend zu sein. Ihre Strudel fesseln den Erfassten. Er verliert sich wie in Labyrinthen.

Zum Menschen gezähmt

Woher kommt die Idee, der Mensch habe eine mentale Bestimmung jenseits des Vegetativen? Verbreitet bleibt die Vorstellung, er käme mit einer aristokratischen Grundausstattung zur Welt, die ihm dann in verheerenden Prozessen abgerungen würde. Das Massenwesen Mensch strebt vielmehr zum Dung der Horde. Gleichzeitig macht es sich selbst klein in der Gefangenschaft des Egoismus.

Egoismus funktioniert für die meisten wie ein Häcksler.

Davon erzählt Clarice Lispector in „Federzeichnung eines Jungen“. Die Autorin beschwört ihre Melancholie angesichts eines „Jungen, der gerade seine ersten Zähne bekommt“ und doch ohne „die Chance auf einen Neuanfang“ startet.

Clarice Lispector, „Aber es wird regnen“, Erzählungen, aus dem brasilianischen Portugiesisch von Luis Ruby, herausgegeben von Benjamin Moser, Penguin Verlag, 281 Seiten, 22,-

Er scheißt ins Hamsterrad der Wiederholungen.

„Eines Tages werden sie ihn zu einem Menschen zähmen.“

Die Erzählerin dementiert das Lichte der Aussichten ihres Helden an allen Fenstern. Sie skizziert in einer Vorwegnahme des Unvermeidlichen die Stadien der Abrichtung. Sie betont, wie eifrig der Eleve an seiner eigenen Dressur mitwirkt.

Das ist vortrefflich formulierter Punk als Krise der Individualisierung. 

Die Erzählerin beschreibt den Verlust der seligen Innerlichkeit aus dem Wunsch, der Mutter zu gefallen. Die Mutter will die vorzeigbare Artigkeit zum Beweis, dass sie den Kontributionen der Nachbarschaft genügt. Ihr ist der Gehorsam längst in Fleisch und Blut übergegangen. Sie salbt sich mit einer Milch der Unterwerfung.

„Bist du … auch schön brav?“ fragt die Mutter, und das Kind robbt ihrem Verlangen entgegen.

„Und so wird (das Kind) weitermachen und Fortschritte (die in Wahrheit Rückschritte sind) erzielen, bis es nach und nach … aus der Zeit des Gegenwärtigen in die Zeit des Alltäglichen eintreten wird, aus der Meditation in den Ausdruck, aus der Existenz ins Leben.“

Das blitzt wieder auf:

„Sein gesamtes Gleichgewicht liegt innen.“

Die Perfektion wird ihm gerade ausgetrieben. Das Kind wird umgestülpt und nach außen gekehrt. Usurpatoren besetzen sein Gleichgewichtszentrum und zerstören die ursprünglichste Gravitation.  

Mit den Augen einer Meisterin erkennt die Autorin:

„Das Gleichgewicht löst sich auf. In einer einzigen … Bewegung fällt (das Kind) auf den Hintern.“

Beobachtung erzeugt Abstand. Folglich funktioniert sie als Distanzierungsmittel 

Die „Lebensanstrengung“ lässt das Kind speicheln. Die Erzählerin zählt jeden Tropfen wie er den Boden sprenkelt. Sie ist unfassbar genau und entsprechend distanziert. Das Kind hängt an dem Fleischerhaken einer Beobachtungsgabe, die obsessiv und zwanghaft zu nennen sich verbietet.

Imagination und Erinnerung

Die Erzählerin betrachtet eine Neunzehnjährige. Sie erkennt das vertrauensvolle Wesen auf einer Achse nicht prekärer Unvollkommenheit. Sie zitiert die Mitesser im Gesicht der Sanftmut. Sie spricht über ein Dienstmädchen. Es heißt Eremita.

Die Magd ist eine Ikone der Moderne. Joyce vergleicht Irland mit dem zerbrochenen Spiegel eines Dienstmädchens. Das Spiegel-Sujet geistert durch die Literatur, so wie die Perlen und guten Geister bürgerlicher Haushalte. Schlafwandelnde Halbsklavinnen, die in Verschlägen untergebracht sind, die die Maße begehbarer Kleiderschränke unterschreiten. Oft ist die Speisekammer größer als die Schlafstelle für das inkorporierte Gesinde.

Uralte Unterscheidungen zwischen Haus & Feld

Uralte Unterscheidungen zwischen nah & fern (der Herrschaft) steigen aus dem Gedächtnisbrunnen auf. Um dem inneren Ansturm gerecht zu werden, müsste ich schneller schreiben können. Meine Mutter ging als Au-pair nach London. Aus Trotz. Ein Tyrann war ihr Vater, der sich als mein Großvater von seiner Schokoladenseite zeigte. Die Tochter eines halbalphabetisierten Elektrikers, der als Gummiwarenhändler einen Millionär aus sich gemacht hatte, unterwarf sich lieber dem Regime einer Middle Class-Engländerin, die sich das Frühstück und die Zeitungen ans Bett bringen ließ. Die Nachlässigkeit der Hausherrin blieb ein Punkt in den Kolportagen. Der Gatte griff archaisch nach der niedrigen Frau in seinem Territorium.

Meine Mutter lernte Englisch. Sie schrieb Schulhefte voll in einer manierlichen Handschrift. (Man war in seiner Handschrift zuhause, während die Kammern vor Kälte glühten.) Nichts lief gut, aber am Ende von England, soweit es meine Mutter betraf, hatte sie immerhin mich. Mir gefiel die Pariser Au-pair-Persönlichkeit meiner Großeltern. Wir haben schon oft über Edith geredet. Sie war so schön katholisch und ging mit unserem Schäferhund Arno zur Andacht. Sie sonnte sich nackt vor den Augen der Kleinstadt. Das galt Jahrzehnte als Gipfel der französischen Lebensart in den Erzählungen meiner Großmutter.

Aufsässige Sanftmut

Für wahr hält sie nur das Unbestimmte, wie von Tau Glasierte, Verwischte. Daraus ergibt sich Eremitas vage Präsenz im Leben der (ihr Leben) bilanzierenden Erzählerin. Sie memoriert aufsässige Sanftmut: erzeugt von einer tiefen Zugehörigkeit. 

Deshalb vergrabe ich mich in der Geschichte. Sie heißt Das Hausmädchen. Ihre unabweisbare Suggestion ergibt sich aus dem Eindruck, Eremtia gehöre (in der heraufbeschworenen Vergangenheit) mehr zum Elternhaus der Erzählerin als die Erzählerin selbst - und, das wiegt viel schwerer, das Haus sei gravierender als die Eltern. 

Guckt man sich die Biografie der Autorin an, bedarf es Ihrer Zustimmung nicht, um jedermann erkennen zu lassen, dass mein Analysehammer den Nagel am Kopf trifft.   

„Manchmal antwortete (Eremita) so ungehörig, wie es nur eine tut, die zum Haus gehört. Sie sei schon von klein auf dagewesen, erklärte sie.“

In der Erklärung steckt ein Anspruch. Sie finden ihn überall. In jedem touristisch ausgeweideten Tal sowie in jeder Almpittoreske mit Seilbahnanschluss. Stets lugt so ein Einheimischer durch den Spalt der flüchtigsten lokalen Einsichten und sagt dem Sinn nach: Ich bin hier seit vierhundert Jahren.

Und dann kommen Sie als studierter Backpacker und erwidern:

Für Vierhundert siehst du noch frisch aus.

In der Antwort steckt eine Abwehr. Sie erklären sich Zugehörigkeit nämlich ganz anders. Schon im 19. Jahrhundert war der Mann von Welt überall in Europa zuhause (als gern gesehener Gast in jeder Spielbank). Das ist das nächste Thema. Ich habe es schon angerissen. Siehe. Der Historiker Orlando Figes erzählt in „Die Europäer. Drei kosmopolitische Leben und die Entstehung europäischer Kultur“ wie europäisch wir mal waren; wie viel weiter als im Augenblick. Doch schon damals gab es eine Tendenz zu einer den Kontinent überschreitenden Verlegung der Außengrenzen als Limes kolonialer Vorherrschaft.   

… wie aufgerissene Himmel

Eremita schleicht sich in ihren „Abwesenheiten“ davon. Manchmal verwendet sie unpassende Wörter, die ihren Status übersteigen und von der Erzählerin als „geliehene, klischeehafte Ausdrücke“ gerügt werden.

Es gibt eine Sehnsucht des Personals nach großen Worten.

„Ich fürchte all die großen Worte, die uns so unglücklich machen“, sagt Joyce.

Die Erzählerin bescheinigt ihrer Heldin eine leere Tiefe; eine ozeanische Verschwendung geistiger Verwendungsmöglichkeiten. Auch an dieser Stelle macht sich wieder ein narrativer Kummer bemerkbar, der mich aufhorchen lässt und mir zu denken gibt.  

So sehe ich es: Lispector beschreibt einen Kreis, der auf einer älteren Skizze bereits vorgezeichnet wurde. Sie kennt das Ergebnis, bevor sie den Zirkel ansetzt. Das entspricht einer leeren Bewegung. So leer wirkt dann auch Eremita mit ihren Tugenden und Eigenarten; so als habe dergleichen nur bei selbständigen Personen Relevanz; als sei Eremitas duftendes Wesen an ein Hausmädchen verschwendet.

Spätestens jetzt muss man sich vor Augen führen, dass Eremita im Jetzt der Erinnerungs- und Imaginationsumgebung schon lange keinen Raum mehr hat. Die Erzählerin erinnert die Bedeutungslosigkeit an sich. Erst riecht sie an einer parfümierten Fluse. Dann schnippt sie die Fluse weg.  

Aus der Ankündigung: Platz 1 der SWR Bestenliste, eine beeindruckende Anzahl hymnischer Rezensionen und eine Nominierung der Übersetzung für den Preis der Leipziger Buchmesse 2020: der erste Band von Clarice Lispectors Erzählungen (»Tagtraum und Trunkenheit einer jungen Frau«) begeisterte die Presse ebenso wie Leserinnen und Leser. Zum 100. Geburtstag der Autorin liegt nun der zweite und letzte Band vor. Auch er zeigt die brasilianische Ausnahmeautorin wieder als einzigartige Chronistin des weiblichen Lebens und seiner Abgründe: Eine junge Frau entdeckt nach vielen Demütigungen das ekstatische Glück des Lesens. Ein Hausmädchen versinkt in traurigen Gedanken, um gestärkt in den Alltag zurückzukehren. Eine Beobachterin taucht in fremde Menschen ein und wird zu deren Fleisch. In 44 Geschichten, entstanden auf dem Höhepunkt ihrer literarischen Karriere und für diese Ausgabe von Luis Ruby neu übersetzt, paaren sich widersprüchlichste Gefühle und kühne Bilder mit philosophischer Erkenntnis. Lispector macht uns staunen – nicht zuletzt über die Kompliziertheit des Lebens.