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08.10.2020, Jamal Tuschick

Gegnerdemontage

In ihrer finalen Existenzkrise setzt eine indigene Gemeinschaft auf die Usurpatoren, ohne deren kolonial-rassistisches Muster bis zu den automatisch vernichtenden Details zu durchschauen. Die Bedürftigen liefern sich einem Feind aus, den sie nicht so gut kennen wie die angestammte Konkurrenz.

Da erreicht der Niedergang seinen Gipfel noch nicht. 

Martialische Narration

Jonathan Lear denkt über die Verteidigung von Lebensweisen am Beispiel der Crow nach. Der Stamm entsteht im 17. Jahrhundert aus einer Vision. Leute aus unterschiedlichen Gruppierungen markieren sich in der Verfolgung eines gemeinsamen Zieles als Einheit. Keine ethnische Homogenitätsbehauptung begleitet den Prozess. Dass im Weiteren die Crow als Volk wahrgenommen werden, verbindet sich mit keiner Größe, die über einen somnambulen Aufbruch nach Westen hinausgeht. Bereits in der nächsten und übernächsten Generation sichert sich die Geschlossenheit des Verbandes mit Standardbegründungen ab.

Anders gesagt, als Crow ist man kein Sioux; vielmehr hat man die Sioux (so wie je Menge andere Repräsentanten des Anderen) gegen sich.

Lear macht nicht den Fehler, die Gemeinschaft aus ihren Feindschaften zu erklären. Trotzdem konzentriert er sich auf die Eigentümlichkeiten der Kriegsführung als einem ökonomischen Hauptfaktor. Generiert wird auf diesem Weg neben der Beute der Status. Die Möglichkeiten, sich auszuzeichnen, sind hoch komplex. Es geht darum, möglichst viele Coups auf der Basis einer totalen Gegnerdemontage zu landen. Den Feind einfach zu töten, zählt beinah gar nicht.   

Jonathan Lear, „Radikale Hoffnung: Ethik im Angesicht kultureller Zerstörung“, aus dem Amerikanischen von Jens Pier, Suhrkamp, 28,-

Seuchen als Killer

Das geht solange gut, bis sich die Crow nicht mehr flächendeckend-effektiv verteidigen können. Zu ihrer Schwächung tragen eingeschleppte Krankheiten bei. Schließlich ergeben sich die Versprengten. Ihre Geschichte ist aber so sehr an eine Lebensweise gebunden, dass der Stamm in den Entfremdungen des Reservats den Weltlauf ignoriert.

Ein Oberhaupt erklärt:

„Als die Büffelherden verschwanden, fielen die Herzen meiner Leute zu Boden und sie konnten sie nicht mehr aufheben. Danach ist nichts mehr geschehen.“

Das steuert noch einmal ganz anders jenen Punkt an, an dem die kolonialen Vernichter ursprünglicher Daseinsformen Indigene zu Überforderten erklärten.

Die weiße Welt kommt aus dem Geist pflügender Pioniere – macht euch die Erde untertan. Wo immer sie Neuland entdeckten, war es ihr Land und die Leute, die sie antrafen, sahen ihnen höchstens ähnlich. Sie unterschieden zwischen wilden und zahmen Wilden, in Lateinamerika unterschieden sie den Indio manso vom Indio salvajes. In ihrem Begreifen sympathisierte jeder Kulturfolger, so wie Silberfische und Wanderratten, erfolgreicher mit den Zivilisationsgesandten als die Indigenen. Die katholische Kirche bewahrte dem Indio manso ein Daseinsrecht in seiner Verniedlichung. Sie stellte ihn als Kind der Wildnis hin. Den Mut, die Sache blutig zu Ende zu bringen, forderten andere. Sie nannten es Feigheit, den aus dem Kuckucksnest der Steinzeit gefallenen Wilden im Elend zu lassen, wo er doch nichts anderes als das Elend vererben konnte.

*

Lear konzentriert sich auf eine Crow-Autorität. Plenty Coups etabliert sich in einem Regime knapper Güter und geringer Spielräume. (Er wuchs schon mit der Verdrängung seines Stammes in den 1840er Jahren auf.) Noch gibt es klare Kulturkonturen und Demarkationslinien, die eine Crow-Identität (im Unterschied zu einer Blackfeet- oder Cheyenne- oder eben Sioux-Identität) definieren. Doch findet das Crew-Konzept kaum noch eine Befestigung und schon gar keinen Quell der Erneuerung. Die Eigentümlichkeiten veröden in leerlaufenden Ritualen, symbolischen Handlungen sowie weiterer Ersatz-Dürftigkeit anstelle des vom Elend überblendeten Vollbildes. Man verlegt sich auf ein Als-ob und flüchtet sich in Racheträume, in denen die Sioux ihrer Dominanz beraubt werden.  

In ihrer finalen Existenzkrise setzen die Crow auf Zusagen der US-amerikanischen Regierung, ohne deren kolonial-rassistisches Muster bis zu den automatisch vernichtenden Details zu durchschauen. Sie liefern sich einem Feind aus, den sie nicht so gut kennen wie die angestammte Konkurrenz.

Da erreicht der Niedergang seinen Gipfel noch nicht.

Nicht nur die Crows tragen ihre Biografie auf ihrer Kleidung. Solange ihre Kultur vital bleibt, erscheint jeder Krieger als sein eigener Chronist. Im Zentrum einer martialischen Narration steht der Coup-Stab. Er erzählt die Geschichte des Mutes. Vom Mut des Mannes hängt auch das Prestige der Frau ab.  

Lear erkennt: „Wir begreifen die Zerstörung nicht, die die Crows durchlitten haben“, solange wir die Frage priorisieren, „wer die Geschichte erzählen darf“. Vielmehr dreht sich das Begreifen um die Feststellung, „dass die Crow diejenigen Begriffe verloren haben, mit denen sie ein Narrativ aufbauen könnten“.

Dieser Einsicht muss sich der Leser aussetzen.

Lear beschreibt die Verödung des Lebensnervs so. Im Reservat pubertierende Jugendliche berauschen sich an der Heldensaga ihres Volkes. Eines Tages findet eine Gang unter der Führung von Wraps His Tail einen Grund, gegen die Sioux zu reiten. Die Aspiranten gewinnen ihren Kampf und kehren, um ein paar Pferde reicher, triumphierend zurück. Man verwehrt ihnen die Anerkennung, da der Streifzug Reservatregeln verletzte. Anstatt die Heißblütigen zu ehren, bezichtigt man sie des Diebstahls.

Für alle Crow ist diese Bezichtigung bloß Bigotterie. Die europäischen Landräuber denunzieren eine ehrenhafte Inbesitznahme von Pferden des Feindes als verwerfliche Handlung. Das Schicksal der Unterlegenen vollzieht sich, indem sich die weiße Perspektive als Maßstab durchsetzt. Wer sich dagegen erhebt, geht drauf.  

Aus der Ankündigung: Diese verstörende Äußerung über ein Volk, das vor dem Ende seiner Lebensweise steht, ist Ausgangspunkt für Jonathan Lears bewegende philosophische Untersuchung. Ihm zufolge wirft die Geschichte von Plenty Coups eine tiefgreifende ethische Frage auf, die uns alle angeht: Wie sollen wir mit der Möglichkeit umgehen, dass unsere eigene Kultur zusammenbrechen könnte, wie mit dieser Verwundbarkeit leben? Ist es sinnvoll, sich einer solchen Herausforderung mutig zu stellen? Auf Grundlage der Anthropologie und Geschichte der nordamerikanischen Ureinwohner und mittels Philosophie und psychoanalytischer Theorie erforscht Lear die Geschichte der Crow im Angesicht der kulturellen Zerstörung. Sein Buch ist eine tiefschürfende und höchst originelle philosophische Studie über eine eigentümliche Verletzlichkeit, die den Kern der conditio humana betrifft.

Jonathan Lear ist John U. Nef Distinguished Service Professor im Committee on Social Thought und am Department of Philosophy an der University of Chicago sowie Direktor des Neubauer Collegium for Culture and Society. Er wurde u.a. mit dem Andrew W. Mellon Foundation Distinguished Achievement Award ausgezeichnet und ist Fellow der American