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09.10.2020, Jamal Tuschick

Die Zukunft hier schon einmal im Bild: Leuchtende Wälder, Städte im Würgegriff des Staubs © Jamal Texas Tuschick

Klimaneutral produziert

Der Mensch begann sein Gebet im Wald. Seine ersten Kathedralen waren Kronendome. Jetzt, da die Menschheit im Eimer ist, kehren Sehnsüchtige aus der gehobenen Mittelklasse zu retardierenden Andachtsritualen zurück unter Bäume, die schon vierzig Meter aufragten, als Shakespeare seine Stücke schrieb. Sie folgen Trapper*innen auf Trampelpfaden durch das letzte echte Unterholz der Welt. Davon erzählt Michael Christie in seinem klimaneutral produzierten Klimaroman „Das Flüstern der Bäume“.  

Das große Welken

2038 führt der Wald als besonders markante Erscheinungsform des Lebens eine Schattenexistenz. Das „große Welken“ dezimierte den globalen Bestand bis auf einen Wurmfortsatz seiner ursprünglichen Größe. Hinter dem Euphemismus steckt biologische Kriegsführung. Die vom Menschen enervierte Natur geht in den Overkill-Modus über. Biblisch dimensioniert setzt sie Pilze, Insekten, Feuer und Dürre ein.                                                                            

2038 in der Baumkathedrale von Greenwood © Jamal Texas Tuschick

Empfindungsloser*innen in der Baumkathedrale von Greenwood

Die Botanikerin Jacinda Greenwood* führt solvente Spinner*innern, die als Spitzenkräfte der Wirtschaft täglich an der Vernichtung der grünen Lebensbasis beteiligt sind, in die „Baumkathedrale von Greenwood“. Da überlebt unter extrem erschwerten Bedingungen einer der weltweit letzten Primärwälder. Im Fluidum der ökologischen Klimaxgesellschaft erreichen die Pilger*innen hohe Grade der esoterischen Verzückung. Sie umarmen Bäume und lecken lecker Borke. Für sie ist Mother Nature eine verwüstete Puffvettel, die ihnen Wahrnehmungsorgasmen in der Preisklasse hochgestochener Besinnungsaufsätze verschaffen soll.

Michael Christie, „Das Flüstern der Bäume“, Roman, auf Deutsch von Stephan Kleiner, Penguin Verlag, 560 Seiten, 22,-
Manche Pilger*innen scheitern am Sockel der Erregung. Kein Veitstanz rockt sich. Die bedauernswerten Empfindungsloser*innen müssen ihre Höhepunkte vortäuschen.

Wie erbärmlich ist das denn.   

*Der Familienname verweist auf ein Imperium. Jacinda, genannt Jake, ist aber so dunkel & arm wie die indonesischen Zimmermädchen und salvadorianischen Hausmeister. Dem geborenen Gesinde erscheint die Waldläuferin Jake als Verkörperung „eines kaum vorstellbaren Niedergangs“.

Jake macht sich Sorgen um zwei - von milder Bräune gezeichnete - Tannen. So geht die Geschichte los. 

Jetzt, da die Menschheit im Eimer ist, kehren Sehnsüchtige aus der gehobenen Mittelklasse zu retardierenden Andachtsritualen zurück unter Bäume, die schon vierzig Meter aufragten, als Shakespeare seine Stücke schrieb. © Jamal Texas Tuschick

Aus der Ankündigung: Jacinda Greenwood weiß nichts über ihre väterliche Familie, deren Namen sie trägt. Sie arbeitet als Naturführerin auf Greenwood Island, doch die Namensgleichheit, so glaubt sie, ist reiner Zufall. Bis eines Tages ihr Ex-Verlobter vor ihr steht. Im Gepäck hat er das Tagebuch ihrer Großmutter. Jahresring für Jahresring enthüllt sich für Jacinda endlich ihre Familiengeschichte. Seit Generationen verbindet alle Greenwoods eines: der Wald. Er bietet Auskommen, ist Zuflucht und Grund für Verbrechen und Wunder, Unfälle und Entscheidungen, Opfer und Fehler. Die Folgen all dessen bestimmen nicht nur Jacindas Schicksal, sondern auch die Zukunft unserer Wälder … Michael Christies grandiose Familiensaga ist großes Kino: farbenprächtig, mitreißend, bewegend!

Michael Christie, in Thunder Bay, Ontario, geboren, studierte Psychologie und arbeitete in der Obdachlosenhilfe, bevor er 2011 sein Debüt, »The Beggar’s Garden«, veröffentlichte. »Das Flüstern der Bäume« ist sein zweiter Roman, der mehrfach nominiert wurde, u.a. für den bedeutendsten kanadischen Literaturpreis, den Scotiabank Giller Prize. Michael Christie lebt mit seiner Familie in einem selbst gezimmerten Holzhaus auf der Insel Galiano vor Vancouver.