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11.10.2020, Jamal Tuschick

Der Anrufbeantworter als Relikt vergangener Zeiten

Aus der Ankündigung: Ein Paar trifft sich zum Mittagessen. Er erzählt dies und das, bis er die Bombe platzen lässt: Er hat sich in eine jüngere Frau verliebt. Eine der ältesten Geschichten der Welt. Doch dann, nur wenige Stunden später, wird Mauro bei einem Verkehrsunfall getötet. Schockstarre. Fassungslosigkeit. Paula steht vor den Trümmern ihrer Liebe. Über zehn Jahre war sie mit Mauro zusammen: Mit einem Schlag ist das vorbei. Wie trauern um den Mann, der einen kurz vor seinem Tod verlassen hat?

Während die eheliche Sexualität sich vollständig erschöpft und als leeres Formular lustlos, aber vorwurfsvoll hin- und hergeschoben wird, revitalisiert sich Mauro ... © Jamal Texas Tuschick

Nach dem Tod ihres Mannes Mauro begegnet die Ärztin Paula Cid einer Frau, die auch gerade Witwe geworden ist. Der vergleichbare Verlust schafft nicht nur keine Gemeinsamkeit. Vielmehr ergibt sich in einer krassen Viertelstunde ein Konkurrenzverhältnis als Donnerwetter wie aus heiterem Himmel. Kalt rezensiert Paula den Auftritt der anderen. Offenbar erlebt Senyora Maria Rubiés den Tod ihres Komplementärs als Wintereinbruch. Jedenfalls trägt sie warme Sachen im August. Paula nimmt ihr die Vermummung, die ganze verstrickte Wolle, übel.

„Mein Schmerz gehörte allein ihr, und ich wollte (Senyora Maria Rubiés) nicht in seiner Nähe haben.“

Paula baut die Aversion auf einer Linie von Mundgeruch, Biskuitkuchen und Matronenhaftigkeit aus.

Das ist ein Punkt der Relevanz:
Paula absolviert ihren Passionsweg in besserer Verfassung als Senyora Maria Rubiés. Sie leidet in einer urbanen Form, die mich an ein fein ausgestanztes Plätzchen denken lässt. Paula ist das schickere Trauerplätzchen und sie will, dass das wahrgenommen wird.

Marta Orriols, „Der Moment zwischen den Zeiten“, Roman, aus dem Katalanischen von Ursula Bachhausen, Deutscher Taschenbuchverlag, 287 Seiten, 20,-

Die Rivalin turnt an ihrem eigenen Reck. Zum konventionellen Basis-Set gehört Pragmatismus. Paula ist jung genug für einen Neustart. Das wagt Senyora Maria Rubiés zu erwähnen.

„Du kannst noch mal ganz von vorn anfangen.“

Die Aufmunterung haut Paula aus der Fassung. So will sie nicht gesehen werden, so als Gelegenheitsinselhopperin. Ihre Liebe war so tief und rein.  

Wie tief Paulas Gattenliebe auch gewesen sein mag, kurz vor seinem Unfalltod hatte Mauro die Trennung ausgesprochen. Das weiß keiner außer einer. Vom ersten Augenblick der Witwenexistenz fälscht Paula die Geschichte ihrer Ehe. In einer gefälligen Version riss der Tod ein liebestüchtiges Paar auseinander. Die Person, wegen der Mauro Paula verlassen wollte, fällt unter den Tisch und wird unter den Chronikteppich gekehrt.

Mauro wurde auf dem Weg zu seiner Geliebten aus dem Verkehr gezogen.

Wenig später macht es sich Paula im Garten ihres Vaters unter einem Feigenbaum „gemütlich“. Eine „efeuberankte Steinmauer“ trennt das Grundstück vom Wald.

Grippen „zirpen“. Ein Bach „murmelt“. „Die majestätischen Rufe eines Steinkauzes“ ergänzen das Programm.

Marta Orriols, geboren 1975 in Sabadell/Barcelona, arbeitet als freie Kulturjournalistin für diverse Tageszeitungen, Zeitschriften und Kulturportale. Nach einem von Kritik und Lesern hochgerühmten Erzählungsband ist dies ihr Romandebüt, das mit dem Premi Òmnium a la Millor Novel·la de l'Any 2018 ausgezeichnet wurde und in ein Dutzend Sprachen übersetzt wird.