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12.10.2020, Jamal Tuschick

Sexuelle Gehhilfe

Paula & Mauro.

Die Ärztin und der Verleger.

Während die eheliche Sexualität sich vollständig erschöpft und als leeres Formular lustlos, aber vorwurfsvoll hin- und hergeschoben wird, revitalisiert sich Mauro mit Hilfe der jungen Carla und ihrer grünen Tangas. Mauro enerviert die sexuelle Gehhilfe (aus Gehhilfe macht ein phonetischer Kurzschluss Gehilfin) mit dem Krückstock des ständigen Hinweises auf sein Alter. Carla soll in der „Verjüngung“ des Liebhabers ihr erotisches Auskommen leidenschaftlich finden.

Das ist dumm gedacht. Niemand findet seine Mission ausschließlich in der Erfüllung fremder Erwartungen. Eine leere Wohnung, die man voller Erwartungen bezieht, bietet sich als Herausforderung an. Eine volle Wohnung, die man erwartungslos betritt, ist so verheißungsvoll wie ein Sarg.     

Marta Orriols, „Der Moment zwischen den Zeiten“, Roman, aus dem Katalanischen von Ursula Bachhausen, Deutscher Taschenbuchverlag, 287 Seiten, 20,-

© Jamal Texas Tuschick

Aus der Ankündigung: Ein Paar trifft sich zum Mittagessen. Er erzählt dies und das, bis er die Bombe platzen lässt: Er hat sich in eine jüngere Frau verliebt. Eine der ältesten Geschichten der Welt. Doch dann, nur wenige Stunden später, wird Mauro bei einem Verkehrsunfall getötet. Schockstarre. Fassungslosigkeit. Paula steht vor den Trümmern ihrer Liebe. Über zehn Jahre war sie mit Mauro zusammen: Mit einem Schlag ist das vorbei. Wie trauern um den Mann, der einen kurz vor seinem Tod verlassen hat?

„Asche mit der Textur von Schnee“

Von Carla in den siebten Himmel geliftet, kündigt Mauro den Ehevertrag. Er eröffnet Paula die Trennung in einem Café, meldet der Geliebten Vollzug und setzt sich ins Auto. Auf dem Weg zu Carla wird Mauro final aus dem Verkehr gezogen.

Nun hat ihn Paula wieder zur freien Verfügung. Sie entsperrt Mauros Mobile ohne Schwierigkeiten. Man kennt sich eben. Sie können den Satz in die Vergangenheit setzen. Das nimmt dem transportierten Vorgang nichts von seiner Zukunftsfähigkeit. Fortan reibt sich Paula am Carla-Chat.

Carlas Schwung, ihre Bereitschaft, sich in ein Abenteuer zu stürzen, spornt Paula bei einem Flirt mit der Flughafenbekanntschaft Quim an. Im Grunde hat sie von dem routinierten Getue des Edelschreiners in der Lounge schon genug, als ihr Carlas (ungelöschte) Lust auf einen neuen Anfang einfällt.

Anfeuernde Formulierungen

Das im Statusmeldungsmodus konservierte Vergnügen manifestiert sich in vorübergehend unvergänglichen Formulierungen, die abtastenden Bewegungen entsprechen.

Quim setzt im ersten Annäherungsstadium auf Weinwissen. Im zweiten Durchgang erscheint er als erotischer Schausteller mit Fitnessstudiomuskeln, gewachster Haut und einem „staatlichen Glied“. Paula genießt die Show.

Mauros Beerdigung liegt vier Wochen zurück. Beigesetzt wurde er in einer „biologisch abbaubaren Ökokiste“. Seine „Asche (hat) die Textur von Schnee“.

Marta Orriols vermeidet eine Diskussion der Frage, ob der zeitliche Engpass zwischen dem Hotelkammerspiel mit einem Fremden und Mauros Tod auf Paula als Zusatzreiz wirkt. Vielmehr unterstellt sie ihrer Erzählerin einen Extragenuss.

„Als ich Quims Erektion spürte, ließ ich mich einfach gehen.“

… „dieser Körper voller Leben“ …

Paula stellt ihr Erlebnis in einen Rezeptionszusammenhang mit der Bonobo’schen Zügellosigkeit. Brehms Tierleben lässt grüßen.

Schickes Trauerplätzchen

Die Rivalin turnt an ihrem eigenen Reck. Zum konventionellen Basis-Set gehört Pragmatismus. Paula ist jung genug für einen Neustart. Das wagt Senyora Maria Rubiés zu erwähnen.

© Jamal Texas Tuschick

Nach dem Tod ihres Mannes Mauro begegnet die Ärztin Paula Cid einer Frau, die auch gerade Witwe geworden ist. Der vergleichbare Verlust schafft nicht nur keine Gemeinsamkeit. Vielmehr ergibt sich in einer krassen Viertelstunde ein Konkurrenzverhältnis als Donnerwetter wie aus heiterem Himmel. Kalt rezensiert Paula den Auftritt der anderen. Offenbar erlebt Senyora Maria Rubiés den Tod ihres Komplementärs als Wintereinbruch. Jedenfalls trägt sie warme Sachen im August. Paula nimmt ihr die Vermummung, die ganze verstrickte Wolle, übel.

„Mein Schmerz gehörte allein ihr, und ich wollte (Senyora Maria Rubiés) nicht in seiner Nähe haben.“

Paula baut die Aversion auf einer Linie von Mundgeruch, Biskuitkuchen und Matronenhaftigkeit aus.

Das ist ein Punkt der Relevanz:
Paula absolviert ihren Passionsweg in besserer Verfassung als Senyora Maria Rubiés. Sie leidet in einer urbanen Form, die mich an ein fein ausgestanztes Plätzchen denken lässt. Paula ist das schickere Trauerplätzchen und sie will, dass das wahrgenommen wird.

Die Rivalin turnt an ihrem eigenen Reck. Zum konventionellen Basis-Set gehört Pragmatismus. Paula ist jung genug für einen Neustart. Das wagt Senyora Maria Rubiés zu erwähnen.

„Du kannst noch mal ganz von vorn anfangen.“

Die Aufmunterung haut Paula aus der Fassung. So will sie nicht gesehen werden, so als Gelegenheitsinselhopperin. Ihre Liebe war so tief und rein.  

Wie tief Paulas Gattenliebe auch gewesen sein mag, kurz vor seinem Unfalltod hatte Mauro die Trennung ausgesprochen. Das weiß keiner außer einer. Vom ersten Augenblick der Witwenexistenz fälscht Paula die Geschichte ihrer Ehe. In einer gefälligen Version riss der Tod ein liebestüchtiges Paar auseinander. Die Person, wegen der Mauro Paula verlassen wollte, fällt unter den Tisch und wird unter den Chronikteppich gekehrt.

Mauro wurde auf dem Weg zu seiner Geliebten aus dem Verkehr gezogen.

Wenig später macht es sich Paula im Garten ihres Vaters unter einem Feigenbaum „gemütlich“. Eine „efeuberankte Steinmauer“ trennt das Grundstück vom Wald.

Grippen „zirpen“. Ein Bach „murmelt“. „Die majestätischen Rufe eines Steinkauzes“ ergänzen das Programm.

Marta Orriols, geboren 1975 in Sabadell/Barcelona, arbeitet als freie Kulturjournalistin für diverse Tageszeitungen, Zeitschriften und Kulturportale. Nach einem von Kritik und Lesern hochgerühmten Erzählungsband ist dies ihr Romandebüt, das mit dem Premi Òmnium a la Millor Novel·la de l'Any 2018 ausgezeichnet wurde und in ein Dutzend Sprachen übersetzt wird.