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13.10.2020, Jamal Tuschick

Aus der Ankündigung: Wirtschaftswunder, Mauerbau, die 68er-Bewegung – und eine vielschichtige junge Frau, die aus dem Schweigen der Elterngeneration heraustritt.

Die Kotzote im Mietskasernenhofton

Beinah verblutet wäre die Mutter bei Adas Geburt. So „platt wie ein Blatt“ folgt der Überlebenden ein toter Zwilling. Der Gynäkologe, „ein alter Naziprofessor“, zieht Ada wie mit glühenden Zangen in die Welt, just als „Deutschland endlich am Boden“ liegt.  

Adas Vater spielt erst einmal keine Rolle. Die Mutter „emigriert“ mit der Tochter nach Buenos Aires, wo Ada als fleischige Zwielichtigkeit einer Putzfrau ihre Erfahrungen macht. Neun Jahre später findet die Familienzusammenführung im Berliner Mietskasernenhofton statt.

Christian Berkel, „Ada“, Roman, Ullstein, 24,-

Christian Berkel lässt nichts aus. Er addiert sämtliche im Reimzwang der niedrigen Stände aufschäumenden Leerformeln in den Verdauungskanälen des Sonntagsbratens. Der Autor greift in einen Fundus des Notstandes als Normalfall. Er geht ans Eingemachte. Raus haut er den Humor mit der Brechstange, den schlüpfrigen Mutterwitz, die Kotzote.

Karriere macht man bei der Müllabfuhr und zieht ein Schammäntelchen darüber.

Der Vater durchbricht als Arzt das Gesetz der Serie. Auch die Mutter hat einen anderen Hintergrund. Sie wuchs am Lago Maggiore im Schatten des Monte Verità auf: „diesem sagenumwobenen Berg, wo sie zwischen Lebensreformern, Anarchisten, Vegetariern, tanzenden Nudisten“ herumturnte.

Ada will davon wenig hören. Es passt nicht zu ihrem geistig ausgeräumten Alltag. Die Heranwachsende muss sich arrangieren. Auch auf den feinen Klotz passt nur der grobe Keil. Es gibt nichts anderes, zumindest vorderhand nicht. Den Erwachsenentext überragt eine anarchistische Großmutter, die in Spanien gekämpft hat.

Ada stemmt sich gegen den Verdrängungseifer der „Eingeborenen von Trizonesien“ mit der Bereitschaft, ihrer Kohorte „suspekt“ zu erscheinen. Ständig fürchtet sie den Niedergang ihrer Familie in der Konsequenz väterlicher und mütterlicher Eigenmächtigkeit.

Und dann kommt auch noch ein Bruder, der nicht unbedingt ein Gebärmutterprodukt aus der familiären Reihe sein muss. Sputnik könnte als vertauschtes Baby ins Spiel kommen. Ada macht aus ihm einen Rock’n’Roller in Windeln.   

In der noch jungen Bundesrepublik ist die dunkle Vergangenheit für Ada ein Buch, aus dem die Erwachsenen das entscheidende Kapitel herausgerissen haben. Mitten im Wirtschaftswunder sucht sie nach den Teilen, die sich zu einer Identität zusammensetzen lassen und stößt auf eine Leere aus Schweigen und Vergessen. Ada will kein Wunder, sie wünscht sich eine Familie, sie will endlich ihren Vater – aber dann kommt alles anders. Vor dem Hintergrund umwälzender historischer Ereignisse erzählt Christian Berkel von der Schuld und der Liebe, von der Sprachlosigkeit und der Sehnsucht, vom Suchen und Ankommen – und beweist sich einmal mehr als mitreißender Erzähler.

Christian Berkel, 1957 in West-Berlin geboren, ist einer der bekanntesten deutschen Schauspieler. Er war an zahlreichen europäischen Filmproduktionen sowie an Hollywood-Blockbustern beteiligt und wurde u.a. mit dem Bambi, der Goldenen Kamera und dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet. Sein Debütroman »Der Apfelbaum« wurde von Kritikern und Lesern gleichermaßen gefeiert.