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14.10.2020, Jamal Tuschick

Ada unternimmt immer neue Anläufe, um ihrer weltweit überall hin ausgreifenden, weltanschaulich bunten Familiengeschichte gerecht zu werden. 

Die Beschwörung der Missa solemnis als Einsegnung einer Generation (die Heimholung der westdeutschen Nachkriegsjugend in die transatlantische Western Union) auf der Waldbühne unter der Ägide von Kardinal Jagger gerät zum Dauerlauf gegen die verlorene Zeit.

Schwangerschaftsnachweis per Froschtest

Christian Berkel lässt nichts aus. Er addiert sämtliche im Reimzwang der niedrigen Stände aufschäumenden Leerformeln in den Verdauungskanälen des Sonntagsbratens. Der Autor greift in einen Fundus des Notstandes als Normalfall. Er geht ans Eingemachte. Raus haut er den Humor mit der Brechstange, den schlüpfrigen Mutterwitz, die Kotzote.

„Hab’ nur an mich gedacht, hab’ mich von dem nächstbesten Idioten auf dem Rummelplatz ficken lassen, hab mir … »Sie wissen ja gar nicht, wie …“ Ada Nohl in ihren eigenen Worten

Adas illustre Verwandtschaft, die anarchisch-kommunistisch-extravaganten Großeltern leben, halbwegs versöhnt mit der Mangelwirtschaft, in der DDR. Die adoleszente Enkelin unterzieht sich da einem amphibischen Schwangerschaftstest.

„Einem Apothekerfrosch wird Urin oder Blutserum der Testperson subkutan in den dorsalen Lymphsack injiziert. Wenn das Weibchen nach 12 bis 24 Stunden Laich absetzte bzw. beim Männchen eine Spermatorrhoe zu beobachten ist, dann gilt die getestete Frau als schwanger.“ Wikipedia  

Der Arzt hat Ada zufällig auch (im Februar Fünfundvierzig) auf die Welt gebracht, wie außerdem einen als Fetus Papyraceus nachgerutschten Zwilling. Er nimmt dann auch die Abtreibung vor. 

Christian Berkel, „Ada“, Roman, Ullstein, 24,-

Ada unternimmt immer neue Anläufe, um ihrer weltweit überall hin ausgreifenden, weltanschaulich bunten Familiengeschichte gerecht zu werden. Gleichzeitig sucht sie ihre Konturen im Dampf der Rolling-Stones-Ära. Die Beschwörung der Missa solemnis als Einsegnung einer Generation (die Heimholung der westdeutschen Nachkriegsjugend in die transatlantische Western Union) auf der Waldbühne unter der Ägide von Kardinal Jagger gerät zum Dauerlauf gegen die verlorene Zeit. 

Die Kotzote im Mietskasernenhofton

Beinah verblutet wäre die Mutter bei Adas Geburt. So „platt wie ein Blatt“ folgt der Überlebenden ein toter Zwilling. Der Gynäkologe, „ein alter Naziprofessor“, zieht Ada wie mit glühenden Zangen in die Welt, just als „Deutschland endlich am Boden“ liegt.  

Adas Vater spielt erst einmal keine Rolle. Die Mutter „emigriert“ mit der Tochter nach Buenos Aires, wo Ada als fleischige Zwielichtigkeit einer Putzfrau ihre Erfahrungen macht. Neun Jahre später findet die Familienzusammenführung im Berliner Mietskasernenhofton statt.

Christian Berkel lässt nichts aus. Er addiert sämtliche im Reimzwang der niedrigen Stände aufschäumenden Leerformeln in den Verdauungskanälen des Sonntagsbratens. Der Autor greift in einen Fundus des Notstandes als Normalfall. Er geht ans Eingemachte. Raus haut er den Humor mit der Brechstange, den schlüpfrigen Mutterwitz, die Kotzote.

Karriere macht man bei der Müllabfuhr und zieht ein Schammäntelchen darüber.

Der Vater durchbricht als Arzt das Gesetz der Serie. Auch die Mutter hat einen anderen Hintergrund. Sie wuchs am Lago Maggiore im Schatten des Monte Verità auf: „diesem sagenumwobenen Berg, wo sie zwischen Lebensreformern, Anarchisten, Vegetariern, tanzenden Nudisten“ herumturnte.

Ada will davon wenig hören. Es passt nicht zu ihrem geistig ausgeräumten Alltag. Die Heranwachsende muss sich arrangieren. Auch auf den feinen Klotz passt nur der grobe Keil. Es gibt nichts anderes, zumindest vorderhand nicht. Den Erwachsenentext überragt eine anarchistische Großmutter, die in Spanien gekämpft hat.

Ada stemmt sich gegen den Verdrängungseifer der „Eingeborenen von Trizonesien“ mit der Bereitschaft, ihrer Kohorte „suspekt“ zu erscheinen. Ständig fürchtet sie den Niedergang ihrer Familie in der Konsequenz väterlicher und mütterlicher Eigenmächtigkeit.

Und dann kommt auch noch ein Bruder, der nicht unbedingt ein Gebärmutterprodukt aus der familiären Reihe sein muss. Sputnik könnte als vertauschtes Baby ins Spiel kommen. Ada macht aus ihm einen Rock’n’Roller in Windeln.   

In der noch jungen Bundesrepublik ist die dunkle Vergangenheit für Ada ein Buch, aus dem die Erwachsenen das entscheidende Kapitel herausgerissen haben. Mitten im Wirtschaftswunder sucht sie nach den Teilen, die sich zu einer Identität zusammensetzen lassen und stößt auf eine Leere aus Schweigen und Vergessen. Ada will kein Wunder, sie wünscht sich eine Familie, sie will endlich ihren Vater – aber dann kommt alles anders. Vor dem Hintergrund umwälzender historischer Ereignisse erzählt Christian Berkel von der Schuld und der Liebe, von der Sprachlosigkeit und der Sehnsucht, vom Suchen und Ankommen – und beweist sich einmal mehr als mitreißender Erzähler.

Christian Berkel, 1957 in West-Berlin geboren, ist einer der bekanntesten deutschen Schauspieler. Er war an zahlreichen europäischen Filmproduktionen sowie an Hollywood-Blockbustern beteiligt und wurde u.a. mit dem Bambi, der Goldenen Kamera und dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet. Sein Debütroman »Der Apfelbaum« wurde von Kritikern und Lesern gleichermaßen gefeiert.