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14.10.2020, Jamal Tuschick

Was zuvor geschah

Die Hochzeit im Rahmen einer arrangierten Ehe erzwingt „Wochen der Verstellung“ in der mütterlichen Ursprungsgesellschaft.

Najat El Hachmi, „Eine fremde Tochter“, aus dem Katalanischen von Michael Ebmeyer, Orlanda, 232 Seiten, 22,-

Die belesene, im Kosmos der deutschen Philosophie geistig, in Katalonien leiblich beheimatete Ich-Erzählerin erfüllt die Erwartungen unter lauter Analphabetinnen. Vom westlichen Kanon empowert, stößt es die Braut ab, nur als Werkzeug ihres Mannes betrachtet zu werden. Sie soll ihm Europa aufschließen und ihn in Spanien etablieren.

So geht es weiter

Interessant ist die Folgsamkeit, das Einverständnis mit den traditionellen Vorgaben. Die Erzählerin sprengt nicht nur nicht den Rahmen der ursprungsgesellschaftlichen Konventionen. Vielmehr nutzt sie moderne Verkehrsformen für ein anachronistisches Projekt der Selbstunterwerfung.

Sie „möchte sich geben“, wenn auch nicht ihrem Gatten. Sie ergibt sich aber dem Zwang.  

Selbsthass legt eine Spur. Die Erzählerin beneidet die spanische Dezenz. Sie verflucht sich und treibt ihre Deklassierung voran als Zimmermädchen in einer christlichen Einrichtung. Der Tunnel, in dem sie sich rückwärts bewegt, ist die Ehe. Obwohl die näheren Umstände alles entbehren, was die Braut mit ihrer Herkunft verbindet, kerkert sie sich doch in dieser Konstruktion ein. Das ist deshalb so grotesk, weil der Selbstausschluss auf einem Sockel der Überlegenheit erfolgt.

„Und es ist nicht der Bräutigam, der mich abholt, sondern ich hole ihn. Er wird mich auch nicht ernähren, sondern ich ihn.“

Driss, der Gatte, eignet sich sofort alles an. Er okkupiert die Wohnung, bringt die Fernbedienung an sich. Seiner Wege geht er ohne Absprache. Seine Dominanz verbindet sich mit keiner Leistung, findet aber in schwiegermütterlicher Hingabe einen komplizenhaften Halt. 

Die Mutter verrät die Tochter ohne Not. Driss ist ihr Neffe. In der Ehe steigt er zum Sohn auf. Er lässt sich verwöhnen. Unbewusst begreift er, was von ihm erwartet wird: nämlich nichts Praktisches. Driss fungiert als Symbol der Eigenständigkeit sowie als arabisches Wahrzeichen. 

Er verkörpert die Herkunft und deren diasporische Grenzen. Seine Frau steckt in einem Experiment der Anpassung an spanische Standards. Heimlich nimmt sie die Pille. Im Widerstand gegen die zunehmende Entfremdung verstößt sie gegen Regeln, die sie beiläufig auf der islamischen Seite halten (sollen). Sie isst in Schweineschmalz gebackene Ensaïmadas.  

Die lange auf ihre schlanke Linie bedachte Heldin verliert als (in einem Gatter der Lieblosigkeit gefangene) Gattin ihre Selbstbeherrschung. Sie fängt an zügellos zu essen und hört gleichzeitig auf zu lesen. 

Rippenbogendesign

Lernen ist Zeitvertreib, Lesen eine Universallösung. Sie liest Nietzsche auf dem Klo und betitelt die Szene (als Regisseurin ihres Lebens): Marokkanisches (?) Mädchen liest Nietzsche auf dem Klo. Das Fragezeichen deutet eine Migrationsspaltung an, die in ihrer Geläufigkeit zunächst kaum der Rede wert zu sein scheint. Fast alles ist möglich und spielt doch keine Rolle in der Diaspora.

Dann erzwingt die Hochzeit im Rahmen einer arrangierten Ehe „Wochen der Verstellung“ in der mütterlichen Ursprungsgesellschaft.

Die belesene, im Kosmos der deutschen Philosophie geistig, in Katalonien leiblich beheimatete Ich-Erzählerin erfüllt die Erwartungen unter lauter Analphabetinnen. Sie gibt sich „zurückhaltend und keusch“. Sie kehrt zu den Ausläufern eines Lebens zurück, das ohne sie weiterging. 

Rippenbogendesign

Sie möchte den zurückgebliebenen Verwandten gefallen.

Ihr fehlen die europäischen Freiheiten, eine ungestörte Besinnlichkeit vor dem Einschlafen, der tägliche Dauerlauf und die Gewichtskontrolle; ein allgemein gültiges Schönheitsversprechen, das (die Haut aufspannende) den Rumpf definierende Rippenbögen idealisiert.   

„Kriegt ihr in Europa nichts zu essen?“ wird sie gefragt.

Das sind natürlich Nebenschauplätze der Differenz. Vom westlichen Kanon empowert, stößt es die Braut ab, nur als Werkzeug ihres Mannes betrachtet zu werden. Sie soll ihm Europa aufschließen und ihn in Spanien etablieren.

Die Herkunft im Staubsauger der Zukunft

Das Schweigen im Wald als letzte Auskunft © Jamal Texas Tuschick

Pressetext

Geboren in Marokko, aufgewachsen in Katalonien – die junge Frau in Najat El Hachmis »Eine fremde Tochter« ist hin- und hergerissen zwischen ihrer Herkunftskultur und der Kultur im Ankunftsland. Ständig muss sie sich entscheiden: Zwischen den Sprachen, der Tradition und Moderne, ihrem eigenen Glück und den Erwartungen ihrer Mutter.

Denn die, eng mit der traditionellen marokkanischen Lebensweise und der muslimischen Religion verbunden, hat sehr klare Vorstellungen von der Zukunft ihrer Tochter. Zunächst beugt die junge Frau sich auch dem Willen der Mutter und stimmt einer arrangierten Ehe zu, obwohl es da einen anderen Mann gibt, zu dem sie sich hingezogen fühlt.

Doch diese Entscheidung hebt den (inneren) Konflikt nicht auf. Im Gegenteil, er macht die beidseitige Verbundenheit zwischen Mutter und Tochter und zugleich ihre doppelte Fremdheit noch spürbarer.

Es dauert lange, aber schließlich gelingt es der jungen Frau, die Bande zu zerreißen und ihren eigenen, selbstbestimmten Weg zu gehen.

Dieser Roman schildert mutig und eindringlich den Konflikt, den junge Migrantinnen oft austragen müssen. Ein mitreißendes, interkulturelles Lesererlebnis.

Najat El Hachmi © Alex Akeru

Najat El Hachmi ist eine katalanisch-marokkanische Autorin, die im Alter von acht Jahren gemeinsam mit ihrer Mutter von Marokko nach Spanien migrierte und heute in Barcelona lebt. El Hachmis Werk beschäftigt sich mit den Themen Identität, kulturelle Verwurzelung und Entfremdung. 2015 gewann sie mit »Eine fremde Tochter« den BBVA-San-Juan-Preis und den Ciutat-de-Barcelona-Preis für den besten katalanischen Roman. Ihr Buch »Der letzte Patriarch« ist 2011 in Deutschland erschienen.