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15.10.2020, Jamal Tuschick

An einem Strand der Zeit

„Jedes Mal, wenn man in Venedig ankommt, ist es, als wäre es das erste Mal.“ © Jamal Texas Tuschick

Der Suite erhält die Direktion den antichambrierenden Charakter eines Kuriositätenkabinetts. Stellt man sich die Zeit als Ozean vor, dann entspricht einem Strand der Raum, in den Ilja Leonard Pfeijffer von Signore Montebello in seiner Eigenschaft als Majordomus des Grand Hotel Europa geführt wird.

Pfeijffer trägt in seiner Doppelrolle als Schöpfer & Akteur dick auf. Barock ist Dreck dagegen. Da raucht einer Europa in der Pfeife seiner gebildet-blühenden Phantasie.

Der marode Prachtkasten, in dem Pfeijffer sein Quartier bezieht, hat gerade den Besitzer gewechselt. Er gehört nun einem chinesischen Liebhaber von Plastikgewächsen. Ein Geflüchteter im Pagenrock kreuzt antipodisch auf. Abduls Lebensneugier ist ein Fass ohne Boden. 

Ilja Leonard Pfeijffer, „Grand Hotel Europa“, auf Deutsch von Ira Wilhelm, Piper, 556 Seiten, 25,-

Die erste Rückblende vereint Pfeijffer mit Venedig. Der Schriftsteller besucht die Kunsthistorikerin Clio, die ihm in einem „spektakulär kurzen schwarzen Elsa-Schiaparelli-Kleid“ die Tür öffnet. Das Stück mündet in einem „frivolen … Raffia-Kragen“. Darin spricht sich die Melancholie von gestern aus. Clio weiß sich aber ganz vorn:

„Die Vergangenheit kommt wieder in Mode.“

Das steile Paar folgt Stendhal, Lord Byron, Alexandre Dumas … Marcel Proust … Rainer Maria Rilke ins Caffé Lavena.  

„Venedig lächelte mich an wie eine Geliebte, die auf mich gewartet hatte.“

Der Held fährt nach Venedig, um da seine Geliebte Clio zu treffen. Ich stelle mir gerade Clio so vor wie Dianna Agron. Ich traf Dianna in einem Berliner Hotel, ich weiß gar nicht mehr, in welchem. Ich war akkreditiert und schoss auf meine halbblinde Art ein paar nahezu klassische Fotos. Dianna Agron © Jamal Texas Tuschick

Venedig lächelte mich an wie eine Geliebte, die auf mich gewartet hatte

Ich weiche kurz vom Thema ab. Die Szene konnte man früher in jedem guten Hotel beobachten.

„Meine liebe Tochter, Concierge leitet sich ab von Comte des cierges – Graf der Kerzen.“

Während der Vater (von sich selbst hingerissen) padroniert, betrachtet Marie ihre Fingernägel, die am Morgen von Amber* poliert wurden. Die junge Gräfin Plantagenêt-Woodstock fühlt sich perfekt in diesem Augenblick. Eben ist ihr ein Satz gelungen, der es in sich hat: Didier Eribon findet bei Jean Genet das Material für eine „Anamnese der verborgenen Konstanten“ (Pierre Bourdieu).

*Marie beneidet Amber um kleine Freiheiten rund um einen Gaskocher, den Maries Vater der Haushaltshilfe zugesteht. Amber haust im Zofenhort, der einst als Wildkabinett diente und in Maries Kindheit eine Schreckenskammer war.

Amber und ihr Vater, ein Rettungsschwimmer, waren auf der Flucht über das Mittelmeer gekentert, vom Rest der Familie getrennt, und nach Stunden im Wasser von Sklavenjägern aufgefischt worden. Man hatte beide zu niedrigen Tätigkeiten herangezogen, ohne sie seelisch zu ruinieren. 

Amber liest Nietzsche. Fast alles ist möglich und spielt doch keine Rolle in ihrer Diaspora.

... 

Marie ist die kluge Tochter eines pomadigen Mannes, der, jung zum Witwer geworden, Jahrzehnte als glänzende Partie galt. Eine Ähnlichkeit mit Schah Reza Pahlavi lässt sich kaum übersehen. Zumal der Graf den Skischwung in den Hüften sogar im Sitzen zu haben scheint, als Hinweis auf eine Befähigung zu überirdischer Entspannung. 

Aus der Ankündigung: Ein junger Page, Abdul, empfängt den Schriftsteller auf den Marmorstufen des Eingangsportals, über dem in goldenen Lettern der Name "Grand Hotel Europa" zu lesen ist. Sie rauchen eine erste Zigarette und kommen miteinander ins Gespräch. Der Schriftsteller spricht von Venedig und von Clio, seiner großen Liebe, die ihn verlassen hat. Nun ist er hier, bezieht sein Zimmer in diesem geheimnisvollen Hotel, und während er die eleganten Gäste kennenlernt, fragt er sich, wie er Clio zurückgewinnen kann. - "Grand Hotel Europa" erzählt von einem alten Kontinent, auf dem vor lauter Geschichte kein Raum für die Zukunft ist und die einzige Perspektive der Tourismus. Es ist ein Roman über unsere europäische Identität und die Nostalgie am Ende einer Ära.

Ilja Leonard Pfeijffer, geboren 1968 in Rijswijk/NL, schreibt Romane, Geschichten, Gedichte, Kolumnen, Essays, Theaterstücke und Songtexte. 2008 übersiedelte er nach Genua, wo er auch heute noch lebt und arbeitet. 2014 erhielt er den Libris Literatuur Prijs für seinen vierten Roman "Das schönste Mädchen von Genua", der allein in den Niederlanden 80.000 Exemplare verkauft hat und zurzeit verfilmt wird. "Grand Hotel Europa" steht seit seiner Publikation 2018 in den Niederlanden an der Spitze der Bestsellerliste und wird von Kritikern und Lesern gleichermaßen geschätzt.