MenuMENU

zurück zu Main Labor

15.10.2020, Jamal Tuschick

Offroader im Schrebergarten

Agron, De Niro, Pfeiffer in einem Berliner Hotel am Potsdamer Platz. Als ich die Stars fotografierte, glaubte ich, ich hätte es weit gebracht. © Jamal Texas Tuschick

Lob von der HNA-Redakteurin Christina Hein

Lieber Jamal, Michael Kellner hat mir die neue Ausgabe der Trompete geschickt. Sehr schöne Publikation! Ich bleibe ein Fan von Dir und würde gerne mal wieder ein Buch von Dir lesen! Das nur zur Buchmesse von mir.

Das Lob bezieht sich auf folgende Geschichte. Heute mit Anschreiben:

Am 28.01.20 um 18:44 schrieb Jamal Tuschick:
Lieber Michael (Kellner),
 
ich bin nicht kosmopolitisch. Ich kann aus Gründen, die mir unklar sind, nichts zu Peer (Schröder) sagen. Ich sehe ihn immer nur hier und da. Er war ja älter und hatte einen Weg für sich. Er musste durch viel hindurchgucken, um mich zu sehen, als wir noch alle in Kassel waren. Da waren andere viel deutlicher als Dichter vorhanden. Ihr hattet eure Meilensteine, ich war vor allem verwirrt. Hier ein schmaler Kasseler Prosastreifen.
 
Herzlich
Jamal
 

Offroader im Schrebergarten

Es war die Zeit der Ölkrise, der abflauenden Entspannungspolitik und der Verschärfungen auf dem Arbeitsmarkt. Willy Brandt erreichte seine Grenzen als einziger Visionär der regierenden Klasse. Das Ansehen des vierten Bundeskanzlers schwand. Seine Gegner, die ihn Jahrzehnte als Vaterlandsverräter denunziert hatten, witterten Morgenluft. Die schweigende Siedlungsmehrheit und die Wutbürger von damals nannten ihn „Asbach-Willy“, während die Molle zum Bauarbeiter gehörte wie die frische Luft, und Führungskräfte sich vormittags mit Sekt und Likör in Form brachten.   

Im März 1974 wurde die Volljährigkeitsgrenze herabgesetzt. Das ging als Reform durch, der in Kassel geborene und in Immenhausen aufgewachsene Gerhard Jahn zeichnete verantwortlich. Der soziale Rückstoß war gewaltig. Was vorher mit achtzehn möglich war, erschien nun in Reichweite der Vierzehnjährigen. Sie verwandelten ihre Elternhäuser in Wohngemeinschaften, im Geist einer grandiosen Verspätung. Ästhetisch waren wir noch auf dem Stand von Easy Rider, als die Sex Pistols ihren ersten Auftritt hatten.

Unter der Woche reichte die Katzenwäsche. Wasser war mit Vorsicht zu genießen, Wasser tat der Haut nicht gut. Selbstgemachte Marmelade hatte einem besser zu schmecken als gekaufte. Die eingelagerten Äpfel und Kartoffeln schmeckten vor ihrer Neige im Frühjahr nach bitterer Not und ließen sich nur mit schwersten Ermahnungen und Hinweisen auf den Kohldampf der Kriegskinder herunterwürgen.

Kassel war die letzte Stadt vor der Grenze. Unsere Verwandten in Eisenach lebten in der Deutschen Demokratischen Republik. Die Verwandten der anderen lebten in der Ostzone.

Holger sagte manchmal Ostzone und manchmal fand er die Worte der Anerkennung. Es kam darauf an, ob er als Pfadfinder- oder als Jungsozialistenführer zu uns sprach.

„Das Dichten darf nicht aufhören“.

Mit diesem Appell von Peter Suhrkamp aus der Frühzeit der alten Bundesrepublik begann ein großer Gesang des SPD-Apachen Holger im Habichtswald. Gezogen von der traurigsten Mähre der Gegend, rumpelten wir in einem lächerlichen Prärieschonernachbau zu den Elfbuchen. Der Kutscher sah nach Mistwetter und Alkoholnebel aus, aber auch nach einem verschwiegenen Glück im sozialen Unterholz. Madeleine studierte Soziologie in Frankfurt am Main, Adorno und Horkheimer zu Ehren. Sie war fünf Jahre älter als ich und prunkte mit ihrem Seminar- und Wohngemeinschaftsvokabular. Wir waren in Kassel zu ahnungslosen Adepten der Frankfurter Schule geworden; nicht zuletzt deshalb, weil unsere sozialdemokratischen Eltern über Brecht und Biermann nicht hinauskamen. So konnte man die intelligente Reaktion nicht kontern. Mein humanistisch gebildeter Deutschlehrer vertrat den Standpunkt, dass eine Hochkultur ohne Sklaven nicht zu haben sei. Er führte Mesopotamien, Griechenland und Rom an, um uns Beispiele zu geben. Er sprach von Prädestination und Destination.

Holger sah aus wie ein ramponierter Steve McQueen. Er deklamierte hemmungslos. Ihm fehlte die Angst, sich lächerlich zu machen. Seine Ode schweifte aus bis zu Bernd Lunkewitz, der 1969 von einem NPD-Ordner in Kassel angeschossen worden war. Das hatte die Stadt zu einem heißen Pflaster gemacht.  

Roland zapfte Bier vom Fass. Er war der einzige eingeborene Genosse, der Madeleines Frankfurter Verhältnisse kannte. Er verhehlte den Eingeweihten ein Unbehagen. An ihm nagte das Wissen. Die Frankfurter spielten in einer anderen Liga. Im Häuserkampf war der Staat aufgemischt worden. Die Danys und Joschkas weilten nicht hinter den Sieben Bergen im Grimms Märchenland.

Roland lebte gern weit vom Schuss. In Kassel konnte er sich ein Auto, ein Motorrad, eine noble Altbauwohnung und zwei Garagen leisten. Stets fand er einen Parkplatz direkt vor der Kneipe seines Vertrauens. Sonntags aß er bei den Eltern. Er hing auch an seinen Geschwistern.

Roland hatte alles, was er brauchte, abgesehen von der Gewissheit, Madeleines Eskalationen gewachsen zu sein. Sie war dabei, ihn abzuhängen, so wie sie mich zwei Jahre zuvor aus dem Rahmen ihres Lebens genommen hatte. Ein alter Schmerz fühlte sich wohl in mir. Längst genoss ich das Ziehen der Sehnsucht. Das war mein Vorsprung. Ich kostete schon die Süße des Liebeskummers aus.

Viele hatten nach Holgers Anweisungen gelernt, sich im Wald zu bewegen, aber nur in mir war das Verlangen gewesen, mit der Nacht und ihren Schatten zu tanzen. In unserer Nachbarschaft sangen Falken ein Lied der kubanischen Revolution - Hasta Siempre ComandanteAprendimos a quererte ... Die Jugendarbeit war sozialistisch und weit weg von den Leitlinien der erwachsenen SPD. Den Falken erschien Schmidt als Fremdkörper und Parteizerstörer. Se despierta para verte ... Der Nachwuchs chilenischer Exilanten sang richtiger als der Rest. Ein Jahr nach Allendes Sturz hatte die Nelkenrevolution stattgefunden und wir waren alle Portugiesen gewesen.

„Du musst den Gegner delegitimieren“, erklärte Holger spät in der Nacht. Madeleine schmiegte sich an Roland und quittierte die kämpferische Attitüde des alten Jungsozialisten mit den Signalen eines schwachen Interesses.

Ich hörte gespannt zu. Holgers Janusköpfigkeit zählte zu den schönsten Rätseln meiner Jugend. Er hatte mich (wie viele Jungen aus dem Kasseler Osten) mit Karten-, Knoten-, Kompasskunde, Geländespielen und Überlebenstraining Jahre auf Kurs gehalten. Holger war der ewige Hessenmeister im Kraftdreikampf. In der Gesamtschule bot er Kraftunterricht an. Sprach er zu uns als Pfadfinderführer, klang er wie ein Revanchist beim Referat über die verlorenen Ostgebiete. Der Juso Holger gehörte hingegen zu einem semi-konspirativen Netzwerk radikaler Linker, das den Feierabendterrorismus der Roten Zellen zumindest unterstützte.  

In jeder Rolle erschien Holger eindeutig. Ich zweifelte auch nicht an ihm. Ich kannte Holgers Widersprüchlichkeit von meinem Großvater.  

Der Habichtswald war unsere Domäne. Von allen Waldläufer*innen war ich der glücklichste. © Jamal Texas Tuschick

Zwei Funde

"A Tresnoble Damoiselle Adelheit, ma treschere maitresse. Meine allerliebste Dame, die große perfection, womit der Himmel selbst euwre glorificirte Sehle hat erfüllet, zwinget alle amoureuse Cavalliers, daß sie sich für euwrer hochwürdigen grandesse humliijren und alß unterthänigste gehorsamste Schlaven zu den Scabellen euwrer prächtigen Fueße nieder legen". Wilhelm Schmidt "Deutsche Sprachkunde"
Fast jeder Schneider/ Will jetzt und leider/ der Sprach erfahren sein/ und redt Latein/ Welsch und Französisch/ Halb Japonesisch/ Wenn er ist toll und voll/ Der grobe Knoll. /Der Knecht Matthies/ spricht bona dies … Aus dem Jahr 1617 als Gegenschrift zur Mode à la Versailles