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18.10.2020, Jamal Tuschick

Die Prosa von Clarice Lispector trifft den Leser stets unvorbereitet. Sie bewahrt ihr Geheimnis und hört deshalb nicht auf, überraschend zu sein. Ihre Strudel fesseln den Erfassten. Er verliert sich wie in Labyrinthen.

Obsession

Clarice Lispector © Paulo Gurgel Valente

Atmende Mauer

Einschluss im Ausschluss. Seit Tagen arbeitet in mir der Wunsch, einer Sache Ausdruck zu verlieren, die mir ständig Charles Bronson zu denken gibt. Dabei bin ich mir nicht sicher, ob ich die überbelichtete Szene mit Bronson im Zentrum des Geschehens gesehen oder erfunden habe. Jedenfalls sieht Bronson noch nicht so aus wie eine alte Squaw. So erschütternd desolat wie am Ende des Weinenden Weges. Noch erscheint er viril, und zwar in dieser nicht-weißen Spielart des Wilden Westens, die mir eine Stärkeimpuls gab als alles noch schwarzweiß ablief. Bronson ist das an sich allgemein verachtete Halbblut und dabei einerseits wilder als jeder Indianer und andererseits gefährlicher als jeder weiße Hitman. Mit messerscharfen Blicken konfrontiert er alle mit der Frage des Mutes. Zugleich wirkt er so somnambul und abgefuckt unzuständig wie ein Wiederkäuer auf einer Parkbank. Wenn es aber darauf ankommt, zieht er die Stiefel aus und bindet sich Lappen im Mokassins-Stil an höchst flotte Füße.

Bronson hat einen Snake-Body, der halbautomatisch absorbierende Bewegungen absolviert. Der Mann rollt durchs Leben wie die Schlange durch Gras.

Ich merke gerade, dass ich viel Bronson zur Verfügung habe. Doch im Augenblick will ich nur noch Folgendes fokussieren: Bronson wird arrestiert. In der Zelle bequemt er sich in den Schneidersitz, schließt die Augen und versinkt sichtlich in sich selbst.

Das ist ein großer Moment. Seine Wächter und alle anderen, die den Außenseiter hängen sehen wollen, bilden eine atmende Mauer, die Bronson einschließt. Er entzieht sich der Bedrängung, indem er nach innen ausweicht. Zum ersten Mal verstehe ich, was es bedeutet, in sich zu ruhen.

Die Kamera schmeichelt Bronsons Elitemuskulatur. Das nur am Rand. Ich bespreche noch schnell „Obsession“ von Clarice Lispector.

Für jeden hatte sie ein anderes Gesicht. Der postume Charakter dieser Feststellung rührt daher, dass sie ihre Verstellungskraft kaum je noch braucht.

Clarice Lispector „Tagtraum und Trunkenheit einer jungen Frau“, Erzählungen, aus dem brasilianischen Portugiesisch von Luis Ruby, herausgegeben von Benjamin Moser, Penguin Verlag, 411 Seiten, 24,-

Es liegt alles in der Vergangenheit, die zu beschwören der Erzählerin ein letztes Vergnügen bereitet. Sie erinnert heitere Zeiten als ausgeglichene Tochter wenig überspannter Vorstadteltern. Das bringt mich sofort wieder auf die Erzählbeine. Vor einiger Zeit waren Regina und ich in … Da sahen wir junge Leute, die tristen Empfindungen allegorisch an den Haltestellen ihrer Passionswege Raum gaben. Es war die typische, variantenarm inszenierte Hier-bleiben-wir-nicht-Attitüde von Kindern, deren Eltern etwas an den Füßen haben. Und wieder schüttelte Regina den entscheidenden Satz aus dem Ärmel:

„Die werden sich noch umgucken in Berlin, bis ihnen aufgeht, dass man das nicht einfach abstreifen kann: im Eigentum großgeworden zu sein.“

Well, auch Lispectors Heldin ist so eine Elevin des Kleinglücks und der leise gurgelnden Winkelentzückung; affiziert von Dachbodengerüchen.   

Schon ist alles da, vor allem das Ressentiment im Singular seiner Auslese:

„Meine helle Haut (machte) mich den Leuten sympathisch.“

Aus dem Leutesieb schüttelt das Schicksal den Langweiler Jamie.

„Angesichts seines wenig glühenden Temperaments.“

Dem ist nichts hinzuzufügen. Ich glaube, Robert Gernhardt war es, der sagte: „Für Geilheit gibt es keinen Ersatz, Spatz.“

Schöner Wohnen ist nicht genug. Die Unzufriedenheit beginnt fies ihr Zersetzungswerk. Man ist verstimmt und rügt sich für „grundlose Melancholie“.

Im Nachgang soll die Seelenruhe der Debütantin schon Apathie gewesen sein. Ich glaube, dass man sich das so erzählt, wenn man mit Schwung von den Beinen geholt wurde. Dann war das Davor nichts, außer eben Apathie und „Grau in Grau“.

Ein Fieber befällt die Erzählerin. Sie erzählt sich die Krankheit als klärende Phase. Die Genesung gleicht einer Rückkehr jedoch nicht zu Jamie, sondern zu Daniel, einer in das Leben der Rekonvaleszentin hineindrohenden Person.

Sie sieht sich selbst mit „flatterndem Rock“ vorbehaltlos eingenommen, beinah als Modell eines skrupellosen Malers. Natürlich kenne ich den Inhalt dieser Chiffremuschel. Ein halbes Leben lang hätte ich fatalistisch zugestimmt und ja, da kann man nur den Rock flattern lassen … so wie sich die Wipfel im Sturm neigen. So umtost.     

Abgebügelt vom Wind © Jamal Texas Tuschick

Die Entflammte beobachtet Daniel im Gespräch mit Zorro*. Beide rauchen verdächtig.

„Sie redeten ohne Eile, so vertieft in ihre Gedanken.“    

*„Ein hagerer schwarz gekleideter Mann.“

Daniel attestiert der Erzählerin „die Naivität eines Tiers“. Solche Herabsetzungen wagt Jamie noch nicht einmal zu denken. 

Begrüßter Abschied

Ein Mann zieht am liebsten um die Häuser der Welt. Kofferaufkleber verkünden seinen Radius. Ein Diener sorgt sich um seine Bequemlichkeit, eine Frau vergeht vor Liebe. Luísa wähnt sich vom Tod ergriffen, sobald sich der Mann einmal wieder zur Abreise fertigmacht.

Er könnte sich glücklich schätzen. Doch fühlt sich der „feine … Intellektuelle“ nur behelligt nach eigener Angabe:

„Du machst mich kaputt. Behalt deine Liebe, gib sie … irgendwem, der nichts anderes zu tun hat.“

So spricht der Überdruss im Rausch der Überfülle. Noch ein paar Jahre und der Schwadroneur wird sich die Finger nach Luísas klebrigen Zärtlichkeiten lecken. Dann wird ihn niemand mehr mit „übertriebener Aufmerksamkeit … an sich zu ketten versuchen“.

Doch noch verheißt seine schiere Gegenwart Glück. Das Glück „überspült Luísa so intensiv und klar“ wie ein gerade noch rechtzeitig, im Grunde jedoch stets zu spät wirkender Suchtstoff.

Geschmackvoll gebildet

Luísa verliert ihre Würde an den Moment. Sie verlässt die Logenplätze der Ironie und kriecht den Freuden der Selbsterniedrigung auf den Leim.

„Sie fleht ihn an zu bleiben“, anstatt seinen Abschied zu begrüßen.

Soweit der äußere Aufbau von „Der Triumph“. Eine geschmackvoll gebildete Frau gefällt sich in der Rolle der frenetisch Liebenden. Sie verschwendet sich an einen beliebigen Fetzen, der sich indes für genial hält. Er fährt sie an, da sie ihn „dümmlich … unterbricht“, gerade als ein Geistesblitz seinen jüngsten Erzähleinfall illuminiert. Es geht einmal wieder darum, einen Roman zu schreiben, beglaubigt von einem Furioso auf den Klippen der Inspiration.   

Falsche Fröhlichkeit

Der Mann lässt die Frau in einen Teich der Verachtung fallen. Dann geht er, beschwingt nehme ich an. Ihr bleibt immerhin das „monotone Wispern“ der Hauszikade. Sie begibt sich ins Esszimmer. Es ist „dunkel, feucht und stickig“. Luísas Unglück trägt solange die Zeichen einer müßig leidenden Oberschicht, bis die Akteurin ihre Pyjamaärmel aufrollt und sich am Zuber zu schaffen macht. Sie walkt Wäsche, übermannt von unerwartet zutraulicher Lebensfreude. Alle Sorgen fallen von ihr ab in der plötzlichen Gewissheit, „die Stärkere zu sein“.

Der Schluss könnte überraschen. Ebenso plausibel wäre eine Vertiefung der Verzweiflung. Lesen wir die Geschichte noch einmal. Ich warte auf Sie. Ich hoffe, Sie habe die in der Ambivalenz verborgene Richtung bemerkt. Die Lebensfreude ist ein Cover des Unglücks. Die hochfahrende Tüchtigkeit der Erniedrigten verrät dem geübten Fährtenleser, wo auf der grünen Wiese der Narration die Nilgänse der Resignation rasten.

Luísa macht eine Wäscherin aus sich, während der Mann als Schriftsteller steilgeht. Und dann kommt Clarice Lispector um die Ecke und erzählt uns was von Luísas Fröhlichkeit.

Zum Menschen gezähmt

Woher kommt die Idee, der Mensch habe eine mentale Bestimmung jenseits des Vegetativen? Verbreitet bleibt die Vorstellung, er käme mit einer aristokratischen Grundausstattung zur Welt, die ihm dann in verheerenden Prozessen abgerungen würde. Das Massenwesen Mensch strebt vielmehr zum Dung der Horde. Gleichzeitig macht es sich selbst klein in der Gefangenschaft des Egoismus.

Egoismus funktioniert für die meisten wie ein Häcksler.

Davon erzählt Clarice Lispector in „Federzeichnung eines Jungen“. Die Autorin beschwört ihre Melancholie angesichts eines „Jungen, der gerade seine ersten Zähne bekommt“ und doch ohne „die Chance auf einen Neuanfang“ startet.

Clarice Lispector, „Aber es wird regnen“, Erzählungen, aus dem brasilianischen Portugiesisch von Luis Ruby, herausgegeben von Benjamin Moser, Penguin Verlag, 281 Seiten, 22,-

Er scheißt ins Hamsterrad der Wiederholungen.

„Eines Tages werden sie ihn zu einem Menschen zähmen.“

Die Erzählerin dementiert das Lichte der Aussichten ihres Helden an allen Fenstern. Sie skizziert in einer Vorwegnahme des Unvermeidlichen die Stadien der Abrichtung. Sie betont, wie eifrig der Eleve an seiner eigenen Dressur mitwirkt.

Das ist vortrefflich formulierter Punk als Krise der Individualisierung. 

Die Erzählerin beschreibt den Verlust der seligen Innerlichkeit aus dem Wunsch, der Mutter zu gefallen. Die Mutter will die vorzeigbare Artigkeit zum Beweis, dass sie den Kontributionen der Nachbarschaft genügt. Ihr ist der Gehorsam längst in Fleisch und Blut übergegangen. Sie salbt sich mit einer Milch der Unterwerfung.

„Bist du … auch schön brav?“ fragt die Mutter, und das Kind robbt ihrem Verlangen entgegen.

„Und so wird (das Kind) weitermachen und Fortschritte (die in Wahrheit Rückschritte sind) erzielen, bis es nach und nach … aus der Zeit des Gegenwärtigen in die Zeit des Alltäglichen eintreten wird, aus der Meditation in den Ausdruck, aus der Existenz ins Leben.“

Das blitzt wieder auf:

„Sein gesamtes Gleichgewicht liegt innen.“

Die Perfektion wird ihm gerade ausgetrieben. Das Kind wird umgestülpt und nach außen gekehrt. Usurpatoren besetzen sein Gleichgewichtszentrum und zerstören die ursprünglichste Gravitation.  

Mit den Augen einer Meisterin erkennt die Autorin:

„Das Gleichgewicht löst sich auf. In einer einzigen … Bewegung fällt (das Kind) auf den Hintern.“

Beobachtung erzeugt Abstand. Folglich funktioniert sie als Distanzierungsmittel 

Die „Lebensanstrengung“ lässt das Kind speicheln. Die Erzählerin zählt jeden Tropfen wie er den Boden sprenkelt. Sie ist unfassbar genau und entsprechend distanziert. Das Kind hängt an dem Fleischerhaken einer Beobachtungsgabe, die obsessiv und zwanghaft zu nennen sich verbietet.

Aufsässige Sanftmut

Für wahr hält sie nur das Unbestimmte, wie von Tau Glasierte, Verwischte. Daraus ergibt sich Eremitas vage Präsenz im Leben der (ihr Leben) bilanzierenden Erzählerin. Sie memoriert aufsässige Sanftmut: erzeugt von einer tiefen Zugehörigkeit. 

Deshalb vergrabe ich mich in der Geschichte. Sie heißt Das Hausmädchen. Ihre unabweisbare Suggestion ergibt sich aus dem Eindruck, Eremtia gehöre (in der heraufbeschworenen Vergangenheit) mehr zum Elternhaus der Erzählerin als die Erzählerin selbst - und, das wiegt viel schwerer, das Haus sei gravierender als die Eltern. 

Guckt man sich die Biografie der Autorin an, bedarf es Ihrer Zustimmung nicht, um jedermann erkennen zu lassen, dass mein Analysehammer den Nagel am Kopf trifft.   

„Manchmal antwortete (Eremita) so ungehörig, wie es nur eine tut, die zum Haus gehört. Sie sei schon von klein auf dagewesen, erklärte sie.“

In der Erklärung steckt ein Anspruch. Sie finden ihn überall. In jedem touristisch ausgeweideten Tal sowie in jeder Almpittoreske mit Seilbahnanschluss. Stets lugt so ein Einheimischer durch den Spalt der flüchtigsten lokalen Einsichten und sagt dem Sinn nach: Ich bin hier seit vierhundert Jahren.

Und dann kommen Sie als studierter Backpacker und erwidern:

Für Vierhundert siehst du noch frisch aus.

In der Antwort steckt eine Abwehr. Sie erklären sich Zugehörigkeit nämlich ganz anders. Schon im 19. Jahrhundert war der Mann von Welt überall in Europa zuhause (als gern gesehener Gast in jeder Spielbank). Das ist das nächste Thema. Ich habe es schon angerissen. Siehe. Der Historiker Orlando Figes erzählt in „Die Europäer. Drei kosmopolitische Leben und die Entstehung europäischer Kultur“ wie europäisch wir mal waren; wie viel weiter als im Augenblick. Doch schon damals gab es eine Tendenz zu einer den Kontinent überschreitenden Verlegung der Außengrenzen als Limes kolonialer Vorherrschaft.   

… wie aufgerissene Himmel

Eremita schleicht sich in ihren „Abwesenheiten“ davon. Manchmal verwendet sie unpassende Wörter, die ihren Status übersteigen und von der Erzählerin als „geliehene, klischeehafte Ausdrücke“ gerügt werden.

Es gibt eine Sehnsucht des Personals nach großen Worten.

„Ich fürchte all die großen Worte, die uns so unglücklich machen“, sagt Joyce.

Die Erzählerin bescheinigt ihrer Heldin eine leere Tiefe; eine ozeanische Verschwendung geistiger Verwendungsmöglichkeiten. Auch an dieser Stelle macht sich wieder ein narrativer Kummer bemerkbar, der mich aufhorchen lässt und mir zu denken gibt.  

So sehe ich es: Lispector beschreibt einen Kreis, der auf einer älteren Skizze bereits vorgezeichnet wurde. Sie kennt das Ergebnis, bevor sie den Zirkel ansetzt. Das entspricht einer leeren Bewegung. So leer wirkt dann auch Eremita mit ihren Tugenden und Eigenarten; so als habe dergleichen nur bei selbständigen Personen Relevanz; als sei Eremitas duftendes Wesen an ein Hausmädchen verschwendet.

Spätestens jetzt muss man sich vor Augen führen, dass Eremita im Jetzt der Erinnerungs- und Imaginationsumgebung schon lange keinen Raum mehr hat. Die Erzählerin erinnert die Bedeutungslosigkeit an sich. Erst riecht sie an einer parfümierten Fluse. Dann schnippt sie die Fluse weg.  

Aus der Ankündigung: Platz 1 der SWR Bestenliste, eine beeindruckende Anzahl hymnischer Rezensionen und eine Nominierung der Übersetzung für den Preis der Leipziger Buchmesse 2020: der erste Band von Clarice Lispectors Erzählungen (»Tagtraum und Trunkenheit einer jungen Frau«) begeisterte die Presse ebenso wie Leserinnen und Leser. Zum 100. Geburtstag der Autorin liegt nun der zweite und letzte Band vor. Auch er zeigt die brasilianische Ausnahmeautorin wieder als einzigartige Chronistin des weiblichen Lebens und seiner Abgründe: Eine junge Frau entdeckt nach vielen Demütigungen das ekstatische Glück des Lesens. Ein Hausmädchen versinkt in traurigen Gedanken, um gestärkt in den Alltag zurückzukehren. Eine Beobachterin taucht in fremde Menschen ein und wird zu deren Fleisch. In 44 Geschichten, entstanden auf dem Höhepunkt ihrer literarischen Karriere und für diese Ausgabe von Luis Ruby neu übersetzt, paaren sich widersprüchlichste Gefühle und kühne Bilder mit philosophischer Erkenntnis. Lispector macht uns staunen – nicht zuletzt über die Kompliziertheit des Lebens.