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19.10.2020, Jamal Tuschick

Schirach über Camus:

„Vielleicht hat Camus nie besser als zum Schluss geschrieben, seine Bilder sind hart und karg, abgezirkelte Schatten. Sie sind wie der Sand in diesem Wüstental, der in die Haut schneidet.“

Aus der Ankündigung: »Terror« von Ferdinand von Schirach – eines der erfolgreichsten Theaterstücke unserer Zeit - behandelt einen Stoff von brisanter Aktualität: Wollen wir, dass die Würde des Menschen trotz der Terrorgefahr noch gilt? Der Fall des Kampfpiloten Lars Koch, der ein von Terroristen gekapertes Flugzeugs mit Kurs auf die vollbesetzte Allianz-Arena abschießt, ist in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert worden und mittlerweile Thema im Ethikunterricht. Hat der Mann sich schuldig gemacht oder nicht? In diesem Band widmen sich namhafte Expertinnen und Experten den politischen, juristischen, ethischen und künstlerischen Fragestellungen des Stücks. Sie beleuchten Hintergründe, schildern persönliche Erfahrungen, geben Denkanstöße. Außerdem enthalten ist Ferdinand von Schirachs Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele sowie ein umfangreiches Interview mit dem Autor.

Gesichter der Macht

© Jamal Texas Tuschick

In seiner „Salzburger Rede“ spricht Ferdinand von Schirach über die Gesichter der Macht. Er erwähnt die „Macht der Besiegten“ in einem Atemzug mit der „Macht der Frauen“.

Bernd Schmidt, Herausgeber, „Terror - Das Recht braucht eine Bühne“, mit Beiträgen von Ferdinand von Schirach, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Robert Habeck u.a., btb, 190 Seiten, 12,-

Beide „Gesichter“ stellt er in einen Epochenrahmen. Der Autor vergleicht den Status quo mit dem Wetterleuchten am Vorabend des I. Weltkriegs. An den historischen Anker legt er eine Reihe von Beobachtungen rund um Trump & Twitter. Im Bürger erkennt er einen „mächtigen Sender“. Indirekt charakterisiert Schirach ihn als Revolutionär an einer Front „vulgärer“ Kommentarspaltenbehauptungen.

„Noch überwiegt das Schrille … und Bösartige.“

Dem Flaneur auf einem Boulevard der billigen Ansichten entgeht nicht, dass Karrieren in Stunden beendet werden: in der Konsequenz militanter Meinungsäußerungen. Gleichzeitig erscheinen „Belanglosigkeiten als Staatsereignisse“.

Die politischen Filter versagen, demokratische Dämme brechen. Wir erreichen einen neuen Naturzustand in der Verantwortungslosigkeit. Jeder quatscht so vor sich hin und keiner unterscheidet mehr zwischen zulässig und unerträglich. So sieht die Spreu einer umfassenden Partizipation aus. Wen das nicht zur Monarchistin macht, dem fehlt das Feingefühl auf der ganzen Linie.

Kleiner Scherz. Wir ergötzen uns an der Schwarmintelligenz in Annäherung an die absolute Demokratie im Geist Rousseaus, der sich gegen die Repräsentation ausspricht.

„Jedes vom Volk nicht persönlich ratifiziertes Gesetz sei nichtig.“

Schirach verweist auf die Dellen am Apfel Plebiszit. Kein Kunstwerk entstand je demokratisch, „noch nie beruhte ein bedeutendes Buch auf Kompromissen, und Prozesse werden nicht dadurch gewonnen, dass alle einer Ansicht sind.“

Schirach nimmt Voltaire in die Pflicht, sein Zeuge zu sein. „Elegant, skeptisch und sarkastisch“ ist V. in der ewigen Gegenwart der Götter, „vor allem jedoch (ist er) stur“.

„Das Sture, meine Damen und Herren, das Unbeugsambleiben, das ist ja oft ein Schlüssel.“

Wir erreichen einen neuen Naturzustand in der Verantwortungslosigkeit. Jeder quatscht so vor sich hin und keiner unterscheidet mehr zwischen zulässig und unerträglich. © Jamal Texas Tuschick

Mit Mick Jagger im Kino

Der Tod des Vaters berührt ihn kaum. Die Teilnahme an der Beerdigung ist ein solistisches Ereignis für den fünfzehnjährigen Zögling Schirach. In der ersten Reihe der Münchner Aussegnungshalle sitzt eine „fremde Frau“ als Nachfolgerin jener, der es obliegt, dem in einem schattigen Schwarzwaldtal internierten Spross eines sorbischen Geschlechts eine Erziehung im Geist jener Elite angedeihen zu lassen, deren Ideal der preußische Offiziersadel in Friedrichs Diensten war. Ihnen nach kam der unglückliche Kleist, auf den Schirach sich bei einer suizidalen Anwandlung beruft. 

Der Selbstmord misslingt im Vollrausch. Bald distanziert sich Schirach von der Empfindsamkeit seiner Jugend. In groben Zügen ergibt ein autobiografischer Abriss folgendes Bild. Schirach erlebt eine lieblose Kindheit und unfrohe Internatsjugend. Eine Synästhesie steigert seine Wahrnehmung und isoliert ihn. Mit achtzehn will er sterben, bald darauf hat er Sex. Thanatos und … als Siebzehnjähriger genießt er in Yorkshire die Gesellschaft eines exzentrisch verarmten Adligen, der Königin Elisabeth von England „very middle class“ findet und einen dreißig Jahre alten Rolls Royce fährt. In einem Kino begegnet Schirach Mick Jagger, seit zwei Jahren „regiert Margaret Thatcher mit eiserner Hand“. 

Schirach treibt ein Vergnügen auf die Aussichtsplattformen über den menschlichen Abgründen. Seine Vergleiche und Zusammenstellungen fokussieren stets ein maßloses Scheitern. Angeregt von einer Dokumentation, vergleicht er die Karrieren von Otto Schily, Hans-Christian Ströbele und Horst Mahler, die alle auch im Kontext des bewaffneten Kampfs gegen „eine verunsicherte Republik“ in Erinnerung geblieben sind. Schirach gelingt psychologische Genauigkeit in wenigen Zeilen. Er arbeitet Ströbeles Farblosigkeit heraus und erkennt in einer Rechtsstaatsversessenheit Schilys stärksten Antrieb. Den „rechtsradikale Holocaustleugner“ und RAF-Gründer Mahler schildert Schirach als einen in Hegels nicht-euklidischer Gedankengeometrie Verhedderten. Er beschreibt das Hegel’sche Gedankengebäude als geschlossene Anstalt ohne die Exkulpationskuren der Psychiatrie.

Ich kann mich dem Schirach’schen Sog nicht entziehen. Nach einem Termin in einem heruntergekühlten Prestigebau in Jordanien mietet sich der Autor einen Landrover und brettert ins Wadi Rum, um einen historischen Filmschauplatz bei dreißig Grad im Schatten in Augenschein zu nehmen. Er macht keine Bilder, „die Wüste lässt sich nicht fotografieren … hier gibt es kein Ziel, keine Vergangenheit, keine Erzählung. Die Wüste ist nicht für die Menschen gemacht“. 

In der gleißenden Stille geht Schirach Camus durch den Kopf. Er erinnert an das Manuskript, das Camus‘ Unfalltod überlebte – ein Roman, der als Brief an die Mutter deklariert ist. Zum Schluss erfährt man, dass die Mutter nicht lesen kann. Schirach sucht diese Perfektion, Kreise, die sich magisch schließen. Er schreibt: „Vielleicht hat Camus nie besser als zum Schluss geschrieben, seine Bilder sind hart und karg, abgezirkelte Schatten. Sie sind wie der Sand in diesem Wüstental, der in die Haut schneidet.“

Turbo der Aufklärung

Ferdinand von Schirach und Alexander Kluge unterhalten sich über das Virus im Kontext der Aufklärung in einer entzauberten Welt.

*

Lissabon am Allerheiligen 1755 – Ein Erdbeben und ein Tsunami machen gemeinsame Sache. Sie lösen eine Feuersbrunst aus, die wie eine „Pranke“ (Voltaire) eine Stadt trifft, die als phönizische Gründung lange vor Rom zu einem historischen Subjekt wurde. Ein Chronist des Grauens war der Engländer Daniel Braddock. Er schrieb:

„The morning of All Saints' Day, November 1, 1755, was fine and clear in Lisbon. There was a light breeze from the north-east. The city had been cleaned and decorated for the greatest religious feast of the year. The bells of Lisbon's 40 churches and 90 convents rang to herald High Mass.“

Unmittelbar nach der Katastrophe erklärte Voltaire „die Natur zur Feindin“. „Er protestierte öffentlich gegen das Verbrechen der Natur.“ Im Sturm und Drang der Aufklärung wollte er sie absetzen.

Schirach und Kluge arbeiten sich gründlich an der Idee Fortschritt via Katastrophe ab. Der Mensch ist eine Grille der Natur, die sich ungerührt kritisieren lässt. Kritischer auf Kritik reagiert der Staat, der im Spiegel seiner Ohnmacht hässlich erscheint. Kluge bezeichnet das Lissaboner Erdbeben als Katalysator der Aufklärung. Man setzte die Vernunft an die Stelle Gottes und weiter ging es im Universaltext. Das nimmt Schirach als Ansporn: Nach der Pest von Florenz und dem Erdbeben von Lissabon nun das Virus von nebenan.

„Ich glaube, dass (es) uns an eine Zeitwende gebracht (hat).“

Der Helmut Schmidt von Lissabon

Als die Beulenpest 1348 Florenz erreichte, begann das große Sterben unter Aufsicht eines Schriftstellers. Boccaccio hielt fest, wie man mit dem massenhaften Tod verfuhr. Er protokollierte die Prozesse der Verrohung.

Daran erinnert Ferdinand von Schirach in seinem Corona-Gespräch mit Alexander Kluge. Schirach sieht sich in der Lage um, die Boccaccio im „Decamerone“ schildert. Der Autor machte ein Landhaus vor Florenz zum Schauplatz einer Begegnung Heimgesuchter. Sieben Frauen und drei Männer sind vor der Pest in die florentinischen Hills geflüchtet. Angehoben von Sommerfrische-Empfindungen und gedämpft von Angst stellen sie die Gegenwärtigkeit eines schrecklichen Todes in den Glanzschatten der Erzählkunst. Der italienische Literaturvorsprung ergibt sich aus dem Einschluss schwerwiegender Bedrückung und altem Wissen. Die Pest gebar die Neuerer der Renaissance auf einem römischen Feldbett.

Kluge bilanziert:

„Aus der Seuche entsteht etwas Neues.“

Die Gelehrten unterhalten sich fortlaufend über Shutdown, Lockdown & Touchdown. Sie bringen die akuten Spitzenwerte mit der Geschichte Europas zusammen. Mal reden sie über den Gran Giro als Kavalierstour des italienischen Adels, der im Gegensatz zu englischen Debütanten im Grunde zuhause, jedenfalls kontinental bleiben konnte, um sich da den Feudalismus als eine Sache der Zugehörigkeit mit Vorbehaltsklauseln klarzumachen.   

Ferdinand von Schirach und Alexander Kluge: „Trotzdem“, Luchterhand, E-Book, 6,99 Euro
Kluge ordnet den Shutdown historisch-rechtlich als kriegsrechtliche Generalanweisung ein. Sie gehört in den Themenkreis des Belagerungszustandes. Schirach verstärkt den kritischen Ton: „Unsere Freiheitsrechte (wurden uns) nicht auf Bewährung verliehen.“

Er erwähnt, dass wir ohne jedes Verdienst Maschinen benutzen, die eine hunderttausend Mal höhere Rechnerleistung erbringen als das NASA-Computersystem „zur Zeit der ersten Mondlandung“.

Was macht diese Ungleichzeitigkeit mit uns? Führt das Nichtbegreifen der Dinge, die unser Verhalten steuern, nicht zwangsläufig in die Regression? Schirach kommt vom Smartphone auf Papst Gregor VII., der von seinen Zeitgenossen als „reißender Wolf“ wahrgenommen wurde. Er zwang einen Kaiser auf die Knie. Jenem Heinrich ward mit fünf ein Weltreich angetragen. Das konnte er genauso wenig begreifen wie wir in der Mehrzahl unsere Wischtelefone. Die sie begreifen/ sind nicht wir.

Schirach erzählt, wie er am Eierkochen scheiterte. Ein Schmorschaden ergab sich, da die Transportsicherungen unter den Herdplatten nie entfernt wurde. Das Nie betrifft einen Zeitraum von fünfzehn Jahren. Schirach überbietet die Feststellung:

„Seit dreißig Jahren gehe ich zum Frühstück ins Café. Ich esse nie zuhause.“

Die in Kombination mit einem starken Distanzbedürfnis. Kluge dazu:

„Ihre Haltung im Café ist auch eine der Ferne.“

Das ist schon ganz schön freakig. Nicht zu kochen: erscheint mir als Defizit kurz vor einem Makel. Ich kann mir das nicht vorstellen, ein Mensch, der keine Zwiebeln schneidet; der nicht die auf dem Markt getroffenen Entscheidungen auf einer blanken Arbeitsfläche noch einmal bedenkt. Der nicht darauf achtet, nicht in den Vegetationsresten zu hausen. Der nicht bemerkt, wie viel Verpackungsmüll anfällt. Die größte europäische Naturkatastrophe fand 1755 in Lissabon als Erdbeben-Flutwellen-Kombi statt. Sie forderte im ersten Rutsch dreißigtausend Tote. Goethe fasste das Glück im Unglück: „Und der Glücklichste darunter ist der zu nennen, dem keine Empfindung, keine Besinnung über das Unglück mehr gestattet ist.“ Das Ereignis bestimmte die Richtung des aufgeklärten Katastrophendiskurses. Es transformierte das europäische Denken nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass zwar so gut wie alles in der Erde versankt, dass Rotlichtquartier aber verschont blieb. Während das Ausmaß der portugiesischen Verheerungen seine Konturen allmählich erkennen ließ, wurde in Paris getanzt.

Die Feststellung dieser Gleichzeitigkeit verdankt sich Voltaire. Für Goethe gewann die Kunde vom Beben und der mit dem Beben einhergehenden „Wasserbewegung“ (Immanuel Kant) aka Tsunami die Kraft eines Schlüsselerlebnisses: „Durch (das) außerordentliche Weltereignis wurde jedoch die Gemütsruhe des Knaben zum erstenmal im tiefsten erschüttert.“ Originale Rechtschreibung aus „Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit“.

Voltaire dichtete empathisch: „Betrogene Philosophen. Ihr schreit: „Alles ist gut!“

Er riet der Gemeinde: Kommt her und seht selbst. Guckt euch das Desaster an … die schwelenden Ruinen und abgesprengten Gliedmaße.“

Kluge gleich wieder: „Was für ein schöner Tag jener katastrophale gewesen sei, ein himmlisch-hoffnungsfroher Herbsttag nämlich, und so war auch das Erdbeben beinah verträglich. Die D-Day-Dimension bekam das Desaster in der Konsequenz einer Verkettung fataler Umstände.

Schirach kennt den Helmut Schmidt von Lissabon: ein Marquês des Pombal. Am Tag des Unglücks setzte der Superminister den Wiederaufbau in Gang. Man begrub die Toten und hängte die Plünderer. Man ließ sie hängen, um allen, die noch kreuchten klarzumachen, wo der Barthel den Most holt.

„Praktizierte Vernunft“, nennt das Kluge.

Der Benefit des Schadens ergab sich aus dem Willen zu einer erdbebenresistenten Bauweise. Auch wir werden von dem Sars-Cov-2-Virus profitieren. Der Plural schließt jene aus, für die das nicht gilt.

Die Vernunft trat an die Stelle Gottes.

„Die einzige Entschuldigung Gottes ist, dass er nicht existiert.“ Stendhal

So wurde das Erdbeben von Lissabon zum Turbo der Aufklärung. 

Bernd Schmidt wurde 1958 in Bochum geboren. Er studierte Theaterwissenschaft, Germanistik und Anglistik an der Freien Universität Berlin. Er ist geschäftsführender Gesellschafter des Gustav Kiepenheuer Bühnenvertriebs und lebt in Berlin. ZUR HERAUSGEBERSEITE