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19.10.2020, Jamal Tuschick

„Wir sind unsere Metaphern“, behauptet Susan Sontag.

Was erfahren wir dann noch auf unseren Erkundungen, die wir Romane nennen?

Camp ist (nach Sontag) „eine Art, die Welt als ästhetisches Phänomen zu betrachten“. Heiner Müller stößt in Sontags Horn, wenn er „die Kunst als Mittel begreift, die Wirklichkeit unmöglich zu machen“. 

Für Sontag ist „die Realität nie ganz akzeptabel“; erlaubt sie doch nicht, sich der Einsicht zu entziehen, dass es „andere Menschen wirklich gibt. Sie sollen mehr sein als Figuren im solipsistischen Kabinett des begabten Kindes, das mühelos um sich selbst kreist.  

„Ich träume, daher bin ich“

Haltbare Erfindungen/Geistige Muskulatur - Die Mutter trinkt, um sich zu betäuben. In Susans Phantasie avanciert „die öde Vorstadtstraße (ihrer Anschrift zum) mythischen Parnass“. Die Debütantin arbeitet mit Seelenkraft, also mit Internal Force. Vorstellungen im Spektrum haltbarer Erfindungen gehören zu den Bewegungen der geistigen Muskulatur.

© Jamal Texas Tuschick

Die Diagnostikerin einer Epoche definiert Camp so: „Alles Stil, nichts Substanz.“ Das ragt heran an die Totalfiktion als Universallösung zwischen Soziopathie und Effizienz. Ich erinnere mit diesen Stichworten lediglich an die Trump-Debatte in Tuschicks Textland. Wir waren vorläufig zu dem Ergebnis gekommen, dass Trump als sicherheitsverwahrter Hochstapler nicht pathologischer erscheinen müsse als in der Rolle des Präsidenten. Ich finde überdies, dass Trump Hollywood auf die Plätze verweist.   

Benjamin Moser, „Sontag. Die Biografie“, aus dem Amerikanischen von Hainer Kober, Penguin Verlag, 925 Seiten, 40,-

Zielperson

Sontag thematisiert die „ungewollte Preisgabe des Selbst vor dem Auge des Voyeurs. Jedem Zücken der Kamera wohnt Aggressivität inne“.

In einer geheimen FBI-Akte steht:

„Eine geeignete Fotografie der Zielperson steht zur Verfügung.“

Was macht die bedeutendste amerikanische Intellektuelle ihrer Generation zur Zielperson?

Traumtaten

Ich jage dieser Frage nach, will aber nicht unterschlagen, was Sontag ihrem ersten Roman als Descartes-Paraphrase im Sinne des sich einprägenden ersten Satzes (gleichsam) voranstellte:

„Ich träume, daher bin ich.“

„Ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt“, sagt Hölderlin.

Sontags Held erlebt seine Träume als Taten.  

"She Made Thinking Exciting" (New York Times)

No writer typified the American twentieth century like the mythologised and misunderstood, celebrated and lambasted Susan Sontag (1933-2004). No writer dealt with so many different worlds. Sontag wrote novels, diaries and essays about art and camp, porno and politics, feminism and homosexuality, fame and style, and fascism and communism. And no serious writer had so many exceptional lovers. Quelle

Haltbare Erfindungen/Geistige Muskulatur

Die Mutter trinkt, um sich zu betäuben. In Susans Phantasie avanciert „die öde Vorstadtstraße (ihrer Anschrift zum) mythischen Parnass“. Die Debütantin arbeitet mit Seelenkraft, also mit Internal Force. Vorstellungen im Spektrum haltbarer Erfindungen gehören zu den Bewegungen der geistigen Muskulatur.

Vergeblich hoffte Sontag, „berühmt zu sein würde mehr Spaß machen“. © Jamal Texas Tuschick

Das digitale Kartenhaus

In „Mode und andere Neurosen“ (Essays, Aufbau, 208 Seiten, 20,-) liefert Katja Eichinger den Diskurs nach Roland Barthes und Susan Sontag: Selfies sind „Zertifikate der Anwesenheit“ und „Fototrophäen“. Eichinger unterscheidet die degradierenden Konnotationen der Selbst-Ikonografie vom kulturellen Stellenwert des Selbstporträts. Wo die technische Leistung über die individuelle Vorzüglichkeit hinausgeht, gibt es jedenfalls keinen großen Markt für Exklusivität. Trotzdem steckt in dem Massenprodukt Selfie eine Selbstermächtigungspotenz, mit der Kraft Lücken zwischen Ego und physischem Selbst zu schließen. Eichinger spricht von einer „digitalen Überlebensstrategie“. So sehe ich das auch. Ich habe Jahrzehnte Literaturphänomene nur schriftlich aufgenommen. Für die Fotos kamen Fotografen. Aufnahmen hatten die Gravität und das Gravitätische von Papas Sonntagsausflugsdokumentationen. Das ist vorbei. Zur Smartphone-Kompetenz gehört der vorsorgliche Schnappschuss, letztendlich die eigene Bildzeitung in Echtzeit.

Susan Sontag - In der Person dieser Ikone weiblicher Intellektualität fusionierte das alte europäische Emigrantenwissen mit dem Rock’n’Roll des amerikanischen Go’n’Get. Geh und hol es dir!

Wie eine von Picasso gemalte Mona Lisa

Ikone weiblicher Intellektualität – Verführung ist die wahre Gewalt (Schiller)

Der Biograf will das erloschene Licht des 20. Jahrhunderts für seine Leser*innen noch einmal anmachen; das Licht, in dem seine Heldin überlebensgroß erscheint. Susan Sontag war ein Rockstar wie Patti Smith. Wenn diese Ikone weiblicher Intellektualität die europäischen Sheros (blend of she & hero) vom Schlag Lukács und Sarraute kritisierte, war das eine Show. Benjamin Moser beschwört den Teint (die verführerisch auf Hochglanz gebrachte Schauseite) der femme de lettres und erkennt in ihr eine von Picasso gemalte Mona Lisa, „begehrt von den größten Fotografen“ der Epoche.

„Sie war Athene, nicht Aphrodite.“

Globaler Underground

Sontags Ruhm erlebt das internationale Auditorium als „etwas nie zuvor Dagewesenes“. Moser haut in die Tasten. Er beschreibt „eine schöne junge Frau von furchterregender Bildung … und unnachgiebiger Strenge“. Gleichzeitig kommt Sontag als Promoterin des voroffiziellen Kulturbereichs in die Arena; als Avantgarde-Aktivistin mit den Zugangskodes für den globalen Underground.    

In ihrer Person fusioniert das alte europäische Emigrantenwissen mit dem Rock’n’Roll des amerikanischen Go’n’Get. Geh und hol es dir!

Sontag ist zu schnell für ihre Nachfolger*innen. In ihren Fußstapfen versinken die Epigon*innen. Sie schafft Formen, um sie zu zerbrechen. Jacqueline Kennedy erachtet Sontag als ebenbürtig im Rumble in the Jungle of New York.   

Amerikanisiertes Andenken

Die vernichtende Verfolgung der Armenier im Auflösungsterror des Osmanischen Reichs war noch in vollem Gang als man in Hollywood eine Zusatzchance zu der soeben erfundenen Wochenschau zu kapitalisieren begann. Das phantasievoll hochgezuckerte Echtzeitdrama als Doku-Soap ist eine Erfindung des frühen 20. Jahrhunderts. Im Entstehungsrahmen jeder neuen Kunstform ist sofort alles da. Wir liefern heute die Nachträge im ewigen Nachgang jener Moderne, die der Industriellen Revolution folgte und den Kulturkatechismus bis auf Weiteres immer noch vorgibt. 

Im Sandbett eines im kalifornischen Winter verdunsteten Flusses fand man einen „idealen Drehort“, „um die grausamen Türken und Kurden zu filmen, wie sie die zerlumpte Schar von Armeniern … über Seitenwege“ in die Wüste trieb. Unter den Komparsen waren nicht wenige dem Genozid entronnen. Man bot echte Armenier auf und hing das Schild der Authentizität vor die Schaufenster eines Massenmords. Die Chronisten der Produktionskalamitäten von „Auktion der Seelen“ versäumten es nicht, die Szenen im posttraumatischen Stress kollabierende Überlebende als Nachschwenk mitzuliefern; dies als Schauspiel für picknickende Profis.

Und wieder weht ein Faulatem der Geschichte genau jene perverse Volte ins Geschehen, die wir, wäre sie nicht verbürgt, für erfunden halten müssten.

Anders als die Verkaufsbotschaft behauptet, sind „nicht alle Armenier im Film … Armenier“. Ein für Standfotos ausgewähltes Paar der Verzweiflung setzt sich aus der Jüdin Sarah Leah Jacobson und ihrer Tochter Mildred zusammen. Die Mutter stirbt bald. Zehn Jahre später bekommt Mildred eine Tochter von einem Mann, der sie umgehend zur Witwe macht. Sie nennt das Kind im amerikanisierten Andenken an Sarah Leah Susan Lee.

Während man „Auktion der Seelen“ auf einem historischen Vorsprung entstanden wähnte, „der an die (andauernde) Vergangenheit erinnern sollte“, zeigte der Film in Wahrheit das Gespenst der Zukunft. Leah-Lee sieht als Zwölfjährige zum ersten Mal „Fotos vom Holocaust“. Die Ansichten entwickeln Saugkraft. Sie lassen den Rockstar der Literatur nie mehr los.

Das erzählt Benjamin Moser in seiner Sontag-Biografie, die mich wochenlang begleiten wird.   

Für seine monumentale Biografie dieser Literaturikone des 20. Jahrhunderts konnte Benjamin Moser zahlreiche private Aufzeichnungen auswerten und erstmals Lebensgefährten wie Annie Leibovitz befragen. Sein tiefgründiges, intimes Porträt vermisst das Leben und den geistigen Kosmos dieser Intellektuellen, die wohl ebenso sehr bewundert wie gehasst wurde und für die ihre Freundin Jamaica Kincaid einmal die Worte fand: »Sie war großartig. Ich glaube, seit ich Susan kenne, möchte ich nicht mehr großartig sein.« Benjamin Moser © Beowulf Sheehan

Benjamin Moser, geboren 1976 in Houston, Texas, lebt in den Niederlanden, wo er an der Universität Utrecht promovierte. Er verfasst regelmäßig Beiträge für Harper’s Magazine und The New York Review of Books und ist als Biograph von Clarice Lispector außerdem Herausgeber ihrer Werkausgabe in neuer Übersetzung bei dem amerikanischen Verlag New Directions. Zuletzt erschien von ihm die autorisierte Biographie der amerikanischen Philosophin und Publizistin Susan Sontag, für die er den Pulitzer-Preis für die beste Biographie gewann.