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24.10.2020, Jamal Tuschick

Die Peitsche als „Kulturwerkzeug“

Drei Tage lässt man König Rudolf Duala Manga Bell (1873 - 1914) zur Abschreckung hängen. Seine Delinquenz erschöpfte sich darin, dass er die widerrechtliche Vertreibung der Duala aus ihren angestammten Siedlungsgebieten juristisch angriff.  

Zwar verhandelten Repräsentanten der Duala mit jenen deutschen Kaufleuten, die als Vertreter des Deutschen Reichs im Sommer 1884 die Hoheitsrechte über einen Kameruner Küstenstreifen einstrichen, doch betrachteten die Kolonisatoren das Vertragswerk vor allem als effektiven Einwand gegen die Interessen der europäischen Konkurrenz. Die Verabredungen begründeten in der deutschen Lesart einen Rechtsanspruch, während sie in der afrikanischen Lesart den weißen Expansionsdruck kanalisieren und verringern sollten.

Die Fürsten der Duala wähnten ihre Monopolstellungen garantiert. Sie begriffen den Kontrakt als Versicherung gegen alle möglichen Interventionen. Die wilhelminischen Emissäre sollten und wollten aber lediglich einen Fuß in die Tür kriegen. Die Tür wurde dann mit Gewalt aus den Angeln gehoben.  Dreißig Jahre nach der Ratifizierung „sah sich das Bezirksgericht Duala zu zwei Justizmorden veranlasst“. Christian Bommarius geht einem Verbrechen auf den Grund, mit dem die Obrigkeit das Sprachrohr eines legalistischen indigenen Widerstands, der auf Vertragstreue (Pacta sunt servanda) pochte und den „tiefsten Sinn des Rechts als gewaltfreie Konfliktlösung“ (im Geist einer „kulturellen Hebung“ infolge der Erziehung zur Zivilisation) reklamierte, verstummen ließ.

Drei Tage ließ man König Rudolf Duala Manga Bell (1873 - 1914) zur Abschreckung hängen. Sein 1897 geborener Sohn Alexander Douala-Bell erfuhr davon als Studierender und Königlich-Württembergischer Offizier in Deutschland. Alexander Douala-Bell war am deutschen Kaiserhof akkreditiert. Er sprach Deutsch, Französisch, Englisch, Spanisch, Russisch, Lateinisch, Altgriechisch und Hebräisch. Die Bibel nahm er sich in der griechischen Urfassung vor. (Nach Wikipedia.) Der Ulane kämpfte im Verein mit Türken 1915 gegen eine britisch-französische Allianz auf den Dardanellen. 1919 schob man ihn nach Paris ab. Der I. Weltkrieg hatte aus Prinz Alexander einen französisch Kolonisierten gemacht. Den II. Weltkrieg bestritt der ewig designierte Kameruner König auf französischer Seite.   

Christian Bommarius, „Der gute Deutsche. Die Ermordung Manga Bells in Kamerun 1914“, Berenberg Verlag, 171 Seiten, 16,-

Am Anfang

Am 14. Juli 1884 hisst man in Douala zum ersten Mal die deutsche Flagge. Der auf einem Kanonenboot angereiste Arzt Gustav Nachtigal erscheint als Reichskommissar für Deutsch-Westafrika. Stellvertretend ergreift er Besitz von Land und Leuten. Das geht nicht ab ohne Schießereien, Brandschatzungen und begeisterten Rassismus. Nachtigals Stellvertreter, Max Buchner, durchkämmt fremdes Eigentum, bevor er es anzünden lässt. Buchner sammelt „ethnografische Merkwürdigkeiten“.

„Meine Hauptbeute ist eine große Schnitzerei.“

Kaiserliche Spätzünder

Im Weiteren fühlt sich der Münchner höchst unwohl am „giftigsten Fieberort unserer schönen Erde“. Die Engländer nennen die Gegend white man’s grave.

Schließlich reist Buchner abgemagert ab. In guter Erinnerung behält er allein den Tribun King Bell und dessen Verwandtschaft. Buchners Nachfolger regieren mit Strafexpeditionen. Die Duala haben seit dem 16. Jahrhundert Umgang mit Weißen. Ihre strategischen Leitlinien und taktischen Moves werden von weltläufigen Leuten festgelegt beziehungsweise veranlasst. Das übliche Erfahrungsgefälle steht in Kamerun auf dem Kopf. Die eingesessenen Kader sind länger im Kolonialbusiness als die kaiserlichen Spätzünder.   

Bommarius unterstellt dem Regime der Unterdrückten eine Strategie nach der Konvergenztheorie: Wandel in der Annäherung. Man macht den Usurpatorenbetrieb zu seiner Geschäftsgrundlage. Die Duala lernen Deutsch und treten „in deutsche Dienste“. Sie erfüllen Aufgaben im Spektrum zwischen Handel und Bekehrung. „Oberhäuptling“ ist ein geldwertes Amt, das von der Administration vergeben wird.

Ein Akteur der King Bell Dynastie erlebt in Deutschland seine Sozialdemokratisierung und weckt so Argwohn und Unmut auf allen Seiten. Doch kennt er nun den Unterschied zwischen Recht und Willkür - zum Nachteil der so konzertiert wie offensiv Recht brechenden Vollstrecker der Gouvernementsdirektiven in Wilhelms und Ottos Namen.

„Denn ein Duala, der als Alfred nach Deutschland zur Ausbildung geschickt wird, kommt als Herr Bell zurück.“  

Die Herrn Bell haben sich allesamt von der Bedeutung des Rechtswesens überzeugt. Deshalb beschließt August B., dass sein Sohn Manga in Deutschland Jura studieren soll.

Das muss man sich klarmachen, um zu begreifen, wie ausgeschlafen die Ausgebeuteten sind: Obwohl sie in der Repression festsitzen und von Veränderungen in Bausch und Bogen träumen, versuchen sie das Herrschaftssystem nach den Buchstaben des Gesetzes kleinteilig zu schlagen. Sie paaren Verstand mit Geduld in Verhältnissen, die von Peitschengewalt bestimmt werden. Die deutsche Presse erfindet für die koloniale Terrorpraxis den Exkulpationsbegriff „Tropenkoller“.

„Bell soll … ca. 80 Hiebe bekommen haben … Ein rohes, gehacktes Beefsteak ist nichts dagegen.“

Prinz Manga gerät 1891 gemeinsam mit Tube Meetoms nach Aalen in die Familienobhut der Oesterles. Der Lehrer Gottlob G. freut sich über Mangas Lerneifer. Dem Schüler voran gingen 1887 die Duala Alfred Bell, Etuman Ekwalla, Etuman Mungu und Ekwe Monsy; allesamt nachgeborene Angehörige der westafrikanischen Elite rund um den höchstrangigen Gegenüber der Kolonialherren.  

In der ruhmlosen deutschen Kolonialgeschichte dürfte das Kapitel über Kamerun eines der finstersten sein. In einträglicher Zusammenarbeit verleibten sich wilhelminische Kolonialbeamte und ehrbare Kaufleute das Land und seine Schätze ein und unterjochten die Bevölkerung. Einem Sohn des Häuptlings der Duala wurde dennoch gestattet, nach Deutschland zu reisen und sich dort zu bilden. Als Prinz Manga Bell allerdings von seinen Kenntnissen des deutschen Rechtssystems Gebrauch machte und gegen die nicht nur grausame, sondern auch vertragsbrüchige Kolonialregierung klagte, wurde er des Hochverrats bezichtigt und in Windeseile aufgehängt. Christian Bommarius, Publizist und Jurist, hat den Fall aufgerollt: Seine Geschichte eines infamen Justizmordes ist zugleich eine Fallstudie über Rassismus, Gier und abgrundtiefe politische Dummheit.

Christian Bommarius, geboren 1958 in Frankfurt am Main, aufgewachsen in Bonn, lebt in Berlin. Er ist Journalist und Jurist und arbeitet als Kommentator u.a. für die Berliner Zeitung und die Frankfurter Rundschau. Bisherige Buchveröffentlichungen: »Das Grundgesetz: Eine Biographie« (Rowohlt Berlin, 2009); »Wir kriminellen Deutschen« (Siedler, 2004).