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29.10.2020, Jamal Tuschick

Imperiales Interieur

© Jamal Texas Tuschick

„Denn um die vier großen rituellen Mahlzeiten des Sonnengottes dreht sich ein Volk von Priestern, Sklaven, Herolden und Helfern.“ Antonin Artaud

Visualisiertes Herstellungsgeräusch

Bereits vor einer unerwarteten Schwangerschaft empfing sie die passende Werbung in der Umgebung ihrer Netzsucht. Für die virale Vorausschau fand sie das Wort zugespielt angebracht; als existiere eine Instanz, die fürsorglich in ihre Zukunft zu schauen sich die Mühe machen würde. Inzwischen erscheint sich Antonia ‚Toni‘ Melbourne auf eine vorweggenommene Weise zu alt für jede Instanz, die mehr als das Notdürftigste bereitstellt. Sie kann das an ihrer Realität vorbei voraussehen. Die Reklamen für Inkontinenz- und andere Seniorinnenhygieneprodukte sind einfach zu reizlos, um sich erkannt oder bearbeitet zu fühlen. Da reicht etwas thematisch abschüssig vom Reizdarm bis zur Verstopfung. Irgendwo spricht Updike von der verstopften Trägheit der daheim zurückgelassenen Toiletten, die so voll von uns sind, dass sie kaum noch ebben können. 

Den von einer Auffälligkeitssehnsucht zu markant heimgesuchten Patienten, Tonis Wort für alle möglichen Leute, in ihrer Reichweite, erledigt die Akteurin, indem sie ihn sich beim Onanieren vorstellt, das schleppend hart werdende Glied würgend. Du armes Schwein, sagt sie sich lautlos vor.

Verachtung ist legale Gewalt. Das hat Toni von ihrem Survivel-Scout Tillmann Rasmussen gelernt. Tillmann verwendet für Sport- & Freizeitaktivitäten Arbeitsweltwörter. Verachten ist Arbeit. Du arbeitest an deinem Verachtungs-Portfolio. Du arbeitest mit Verachtung. Die Verachtung arbeitet mit dir. Jemand arbeitet sich mit Verachtung an dir ab. Jemand arbeitet sich an deiner Verachtung ab. 

Was ist das denn?

Kurze Pause. Vertreten Sie sich die Füße. Beachten Sie die Corona-Regeln. Sie sehen, Toni trägt Maske. Sie sucht einen gedanklichen Ausgang. An der Einlasskontrolleurin vorbei sieht sie in den Lichthof des Gropiusbaus. Sie bemerkt eine Genossin, deren hässlichen Füße ihr ein Graus sind. Geschaffen für Hühneraugenapplikationen. Toni träumt von einem Daiquiri, serviert in einem professionell eingezuckerten Glas. 

Eingebetteter Medieninhalt

Die Erschütterung des Archetyps

Pressetext: "In den letzten sechs Jahrzehnten haben Künstler*innen konsequent versucht, die engen Genderdefinitionen zu destabilisieren, die unsere sozialen Strukturen bestimmen, und somit Identität, Gender und Sexualität neu zu denken. Die Erschütterung des Archetyps untersucht die Darstellung konventioneller und bisweilen klischeehafter männlicher Subjekte wie Soldaten, Cowboys, Athleten, Stierkämpfer, Bodybuilder und Ringkämpfer. Indem sie das Bild traditioneller Männlichkeit – lose definiert als eine idealisierte, dominierende heterosexuelle Männlichkeit – hinterfragen, fordern die hier präsentierten Künstler*innen unsere Wahrnehmung dieser hypermaskulinen Stereotype heraus."

Penisbeulen

Im Raum steht die Erschütterung des Archetyps. Die Frage ist doch, wird der Archetyp von der Bildgewalt nicht vielmehr bestätigt. Wenn eine Fotografin kaschierte Penisbeulen zu einer seriellen Angelegenheit macht, geht sie über Sexualisierung und Objektivierung nicht hinaus, findet Toni. Sie zeigt einfach nur, wer das Recht hat, den Schritt zu fotografieren.

„Bisher war es nur eine Ordnungswidrigkeit: Mit dem Handy unter den Rock zu fotografieren (Upskirting), wird künftig härter bestraft. Ob der Schritt das Problem löst, ist umstritten.“ Katharina Redanz im Tagesspiegel 

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In „With my Family“ nimmt Hans Eijkelboom fremde Kinder auf den Schoss und spielt mit ihnen Familie. "For another series, With My Family, he rang on the doorbell of various houses after the husbands had just gone to work and managed to somehow convince the wives to let him pose in a family portrait in place of the dad. Seen together, the photos are strangely convincing, not least because he seems to fit right in every time – wearing clothes similar to the women's and often balancing a happy-looking child on his knee. Somewhere in here is a critique of the nuclear family and collective identity, but mostly it's just funny." Quelle

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Die Bilder der Herrschaft fesseln Toni an die Rolle einer ausdauernden Betrachterin. Sie moussiert vor Richard Avedons Werk The Family*, einer Wand voller Politiker*innenporträts, schwarzweiß auf weißem Grund. Die Abzugsmarken gehören zur Ästhetik ... ein visualisiertes Herstellungsgeräusch.

*”Early in 1976, with both the post-Watergate political atmosphere and the approaching bicentennial celebration in mind, Rolling Stone asked Richard Avedon to cover the presidential primaries and the campaign trail. Avedon counter-proposed a grander idea — he had always wanted to photograph the men and women he believed to have constituted political, media and corporate elite of the United States.”

Alle männlich und weiß, abgesehen von einer Handvoll Frauen und Schwarzen

Phantastisch erscheinen die Akteure, Präsidentschaftskandidaten, Pressemoguls, Superspreader der Wirtschaft und des Rechts und dieser notorisch provinzielle oder eben newyork‘sche Kleckerrest am Saum der Macht, der akademische Fettfleck im letzten Frühling vor seiner Korruption im Fußbad der Washingtoner Verheißungen. Die man noch kennt, von Gerald Ford, über Richard Kissinger, Ronald Reagan, Jimmy Carter, Barbara Jordan, George Wallace, Rose Kennedy, A. Philip Randolph, Katharine Graham bis George Bush, kannte man damals schon, und mit den anderen Köpfen könnte man ein postumes Volkskammerscherbengericht besetzen, die belanglosen Gesichter über schlechten Anzügen, während die Anzüge auf den Abzügen selbstverständlich durch die Bank nicht von der Stange sind.

UK versus US

Toni wechselt zu einer britischen Gegenfolie und lauter Oberhausaufnahmen der in Frankfurt am Main geborenen, britisch basierten US-Künstlerin Karen Knorr. Knorr liefert das exakte Gegenstück zu Avedons US-Potenzschau. Margaret Thatcher ist an der Macht, ihre neoliberale Elite säuft sich durch die Clubs. Davon erzählt die Fotoreihe „Gentlemen“.

*Karen Knorr‘s Gentlemen

Imperiales Interieur

Knorr belichtete die Nischen einer maskulinen Upperclass-Vertraulichkeit, deren Signatur imperiales Interieur ist. Die Möbel lügen nicht. Sie stellen sich keiner erschwindelten Bedeutung zur Verfügung, denkt Toni. Sie bleiben Bollwerk so wie die Butler an den Bildrändern … Randfiguren mit Schweißrändern unter den Achseln. Ihre physische Anwesenheit sagt für sie gut als Männer, die zwar keine Aufnahme-, wohl aber Zugangsberechtigung haben. Obwohl Großbritannien von Frauen regiert wird, gibt ihnen keine Rolle das Recht, in jenen Clubs zu verkehren, die Knorr dem gemeinen Blick öffnet.

“These kind of corridors of power women have been excluded from these …”

*“The photographic works Gentlemen (1981-1983) photographed in English gentlemen’s clubs in Saint James’ in central London consider the patriarchal values of the English upper middle classes with text constructed out of speeches of parliament and news. A series of 26 images and texts investigate the values that ally these classes to conservative aristocratic values where primogeniture is still an issue. Until the early 1970’s a married women still needed her husband’s endorsement for any household purchases. Whilst women now have full property rights, they still remain under-represented in key positions of governance and in financial and academic worlds. It is still a boys club in which some women are honorary members.” 

Aus der Ankündigung: Die Gruppenausstellung Masculinities: Liberation through Photography versammelt unter anderem Arbeiten von Laurie Anderson, Richard Avedon, Rotimi Fani-Kayode, Isaac Julien, Annette Messager sowie Wolfgang Tillmans und untersucht, auf welche Weise Männlichkeit seit den 1960er Jahren erlebt, performativ hergestellt und sozial konstruiert wird.

© Jamal Texas Tuschick

Schnellkraft und Transmaskulinität

In den akuten Befunden erscheint sie transmaskulin und beinah wie eine Botschafterin fluider Genderbegriffe. In der Wahrheit ihrer Hochzeit kommt Lisa Lyon als Solistin ihrer selbst in die Arena. Der wie ein Wolf umherschweifende Highlight-Fotograf Robert Mapplethorpe erkennt Lyons Autonomie. Er überliefert sie monumental. Selbstverständlich erkennt man an den Konturkanten die Fragilität der Künstlerin. Denn nichts weniger ist LL. Die Kalifornierin aus Los Angeles verkörpert 1979 die erste Weltmeisterin der International Federation of Bodybuilding & Fitness (IFBB). Sie performt danach nie wieder diese Rolle. Vielmehr trainiert sie Kendo und Gewichtheben.

Ein kurzer Witz über den Unterschied zwischen Gewichtheben und Bodybuilding ging in meiner Kindheit so, dass mein Trainer mich von der Bank (Bankdrücken) wegzog mit der Hammerbegründung:

„Muskeln, mein Sohn, machen langsam.“

In den Verkehrsformen der Sechziger- und Siebzigerjahre war Bodybuilding queer markiert. In Ermangelung eigener Räume trainierten die Adepten des Muskelkults in der Sphäre der Leicht- und Schwerathletik. Im Gewichtheben dreht sich das Training wie im Ringen und Boxen um Explosivität, das heißt um Schnellkraft. Entscheidend ist das optimierte Verhältnis von Masse und Klasse. Mit Bankdrücken baut man Muskeln auf, die man beim Reißen und Stoßen nicht braucht. Man wird also (in der Logik des Gewichthebens) nur sinnlos schwerer … und, das war das große Narrativ, langsamer. In diesem langsam verbarg sich eine Verachtung für die queere Konkurrenz. Die alten Sporthasen, unglaubliche Nussknacker und zweifellos gar nicht so selten bi, bauten eine Mauer vor die Erkenntnis, dass wir alle (mehr oder weniger kryptisch) Bodybuilding betrieben. Dass jeder sich in Spiegeln betrachtete und im besten Fall von sich selbst entzückt war.

Es gab exzentrische Sportler. Sie wirkten nicht weniger queer als der bügelnde Wrestler in seiner Filmkonserve, die ich zu meiner Freude gesehen habe, aber leider im Augenblick nicht identifizieren kann. Ich gucke später noch mal, ob sich daraus was machen lässt.  

Spott oder Würdigung

Arnold Schwarzenegger, porträtiert von Robert Mapplethorpe 1976. Die Darstellung kann sowohl als „Hommage als auch als Parodie“ gesehen werden, so Allen Ellenzweig in „The Homoerotic Photograph: Male Images from Durieu/Delacroix to Mapplethorpe“ 1992. Man beachte, wie solide Schwarzenegger sich am Ende seiner Karriere als Bodybuilder in eine gesellschaftsfähige Form gebracht hat. Der hypertrophe Aufbau wurde fast vollständig abgetragen. Schwarzenegger sieht so alert aus wie ein Schwimmweltmeister. Mapplethorpe inszeniert ihn wie einen Jahrmarkts- oder Varietékünstler des 19. Jahrhunderts. Der Vorhang geht auf und die Sensation erscheint. Meine Idee ist, dass Fotograf und Modell sehr unterschiedliche Vorstellungen von dem dokumentierten Augenblick hatten.