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29.10.2020, Jamal Tuschick

Lieber Jamal,

Ich freue mich, dass Du ausführlich auf Annette Mingels Buch eingehst!

Herzliche Grüße, Susanne

Susanne Klein, Leiterin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für die Belletristik des Verlagsbereichs Penguin innerhalb der Verlagsgruppe Random House. 

Annette Mingels © Hendrik Lüders

5 Fragen an die Autorin

Prägnanz im weiten Bogen

Ihr letztes Buch war ein autobiographischer Roman aus dem Norden Deutschlands, das neue Buch, „Dieses entsetzliche Glück“, ist ein Episodenroman, der in einer fiktiven amerikanischen Kleinstadt spielt. Erfinden Sie sich mit diesem Buch neu?

Nein, so würde ich das nicht bezeichnen. Das letzte Buch war eher eine Ausnahme. Das Autobiographische ist eigentlich nicht mein Ansatz, doch für „Was alles war“ fand ich es die richtige Herangehensweise. Seitdem hat sich mein Lebensraum (mal wieder) geändert. Von Hamburg bin ich an die Westküste Amerikas gezogen, nachdem ich zuvor schon einmal für zwei Jahre in einer kleinen Stadt nahe New York gelebt hatte. Damit hat sich auch der Handlungsort meines Romans geändert. Ich empfinde neue Lebensräume immer als sehr inspirierend und nutze das gern für meine Bücher. Mit Amerika verbindet mich darüber hinaus eine lange Geschichte: schon als Kind war ich immer wieder hier, bei meinen Verwandten auf Long Island. Durch diese Kindheitserinnerungen scheint mir hier vieles vertraut, allerdings mehr im Osten des Landes als im Westen. Wohl darum spielt der Roman vorwiegend dort.

Auch die Form des Episodenromans ist eine typisch amerikanische.

Schon seit langem fasziniert mich diese Verbindung von Kurzgeschichte und Roman, spätestens seitdem ich sie bei James Joyce, Amy Tan und Alice Munro entdeckt habe. In den letzten Jahren sind noch andere Lektüreerfahrungen hinzugekommen, von Sherwood Anderson und Carson McCullers über Elizabeth Strout bis hin zu Louise Erdrich: sie alle haben Romane geschrieben, die mit den sogenannten ‚story cycles‘ operieren. Oft spielen diese Romane in kleineren, irgendwie überschaubaren Städten. Wobei ich von meiner fiktiven Kleinstadt Hollyhock das Netz bis nach New York, San Francisco und Montreal auswerfe. An der amerikanischen Kleinstadt interessiert mich vor allem das Gefälle, das ihr oft innewohnt: die heile Welt auf der einen Seite, aber schon am Stadtrand oder im Nachbarort kann es ganz anders aussehen mit verwahrlosten Vierteln, vernagelten Fenstern, Schmutz und Abfall überall. Der Schönheit wohnt oft eine gewisse Fragilität inne, als könnte alles immer in die eine oder andere Richtung kippen. Vielleicht ein Merkmal des amerikanischen Lebens generell.

Was gefällt Ihnen an dieser speziellen Erzählform?

Für mich verbindet sich hier das Beste aus zwei Welten - die Prägnanz und stilistische Eleganz der Kurzgeschichte mit dem weiten Bogen, den der Roman spannt. Auf mein Buch bezogen: Die Einheit von Raum, Zeit und Personal ergänzt für mich jedes der fünfzehn eigenständigen Kapitel. Indem sich in jedem Kapitel die Perspektive ändert, ist es für mich zudem die ideale Form, um mich meinem Lieblingsthema anzunähern: die Vielfalt subjektiver ‚Wahrheiten‘. Das war schon früher an der Uni mein Fokus - damals als philosophische Fragestellung -, und offenbar bleibt es so etwas wie mein Lebensthema. Wenn ich mir die oben genannten Autorinnen anschaue, kommt mir übrigens der Gedanke, dass dies vielleicht nicht nur etwas spezifisch Modernes sondern auch Weibliches ist: der Blick auf den Einzelnen statt die große Pose des Weltdeuters.

Verglichen mit Ihren früheren Büchern kommt mir Ihr neues Buch sehr warm und versöhnlich vor, weniger rational, weniger distanziert. Woran könnte das liegen?

Ich glaube, das stimmt. In meinen früheren Büchern gab es eine gewisse Lust, die schlimmstmögliche Wendung herbeizuführen. Irgendwie ist die nicht mehr so ausgeprägt. Ich denke, diese Versöhnlichkeit hat zwei Gründe: Zum einen werde ich, je älter ich werde, persönlich weniger streitlustig; manchmal bin ich gar nicht sicher, ob das so gut ist. Zum anderen habe ich weniger Angst vor Klischees. Ich meine, ich will sie natürlich nach wie vor vermeiden, aber ich habe nicht mehr das Gefühl, dass jeder Trost literarisch gesehen nur Kitsch sein kann. Aber auch im neuen Buch sollte man sich nicht täuschen lassen. Die Kleinstadt Hollyhock kommt wie ein Idyll daher, fast wie der Urbegriff von Heimat, aber diese Heimatvorstellung ist durchaus gebrochen: für viele wird sie eben dies nicht, sie bleiben in gewissem Sinne fremd oder können nur außerhalb der Kleinstadt so sein, wie sie wirklich sind.

Hat dieser Wandel auch Einfluss auf den Schreibprozess selbst?

Schon, wobei das vielleicht auch an der für mich beglückenden Verbindung von Kurzgeschichte und Roman liegen kann. Auf jeden Fall habe ich das Schreiben so sehr genossen wie nie zuvor. Am liebsten hätte ich noch mehr Kapitel geschrieben - ich hatte noch etliche Ideen -, aber irgendwann musste mal Schluss sein, alleine schon, damit man bei all den Namen noch durchsteigt. Meine Lektorin Claudia Vidoni hat einmal eine Liste angefertigt mit den ganzen Personen, die vorkommen, und die war schon ziemlich lang… Aber ich schreibe natürlich trotzdem weiter - irgendwie mag ich Hollyhock noch nicht verlassen.

Annette Mingels, geboren 1971 in Köln, studierte Germanistik, Linguistik und Soziologie in Frankfurt, Köln, Bern und Fribourg. Promotion in Germanistik. Nach Stationen in der Schweiz, in Montclair (USA) und Hamburg lebt sie seit Mitte 2018 mit ihrem Mann Guido Mingels und den drei Kindern in San Francisco.