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31.10.2020, Jamal Tuschick

#Gropiusbau - Die Gruppenausstellung Masculinities: Liberation through Photography versammelt unter anderem Arbeiten von Laurie Anderson, Richard Avedon, Rotimi Fani-Kayode, Isaac Julien, Annette Messager sowie Wolfgang Tillmans und untersucht, auf welche Weise Männlichkeit seit den 1960er Jahren erlebt, performativ hergestellt und sozial konstruiert wird.

Female Masculinity

Hank Willis Thomas – “Welcome to Full Contact Culture” © Jamal Tuschick

Das Schweigen der Wölfe - Adi Nes' Bilder suggerieren eine Solidarität der Körper in einem unklaren Verhältnis zwischen Lamm und Wolf, Lamm und Schlachter, Wolf und ... Indirekt spielt sich dynamische Migration dazu und natürlich der Ausschluss von Frauen als archaische Lösung. Eine unausgeführte Variante ist das Hineinschlüpfen hypermaskuliner Frauen in die Bilder. Sie halten Waffen zwischen den Schenkeln und Männer auf dem Schoss. Ich sage euch, das kommt als nächstes ... genauso wie Gong-fu und Karate an der Volksbühne. 

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Cowboys und Soldaten

Dass es Israelis sind, sieht man sofort. Die Evidenz fährt dich wie ein Lift hoch. Die Gewissheit manifestiert sich im Gegensatz zwischen Uniform und Diversität. Osteuropa und Nordafrika treffen sich wie auf einer gedachten Linie und zugleich unter dem Druck einer Gemeinschaft, die den Druck, der sie hervorbringt und (nach der Logik des Kampfes erhält), an die kaum erwachsenen Wehrpflichtigen weiterreicht.

Im Großen und Ganzen geht es um „die Erschütterung (eines) Archetyps“, um Kritik an „hypermaskulinen Stereotypen“ in der Konsequenz einer Kulturkampf-Agenda. Ein neuer Hegemon wird etabliert. Man sieht Female Masculinity in der Ausstellung. Das Männliche verschwindet nicht. Es erlebt eine Neuformatierung, zumindest in dem Avantgardekonzept.

Man ahnt eine Traumatisierung der Soldaten auf den Bildern von Adi Nes*. Der Fotograf leuchtet Homoerotik in ihrem martialischen Nest aus. Brüderlichkeitsbegriffe erscheinen wie übereinandergeschrieben. Ungleich sind die Brüder. Auf einer Aufnahme sieht man zuerst (da aus dem körperlichsten Gruppenzusammenhang herausgenommen) einen russisch erscheinenden Jüngling, der sich auch in einer Inszenierung sowjetischer oder post-sowjetischer (erschöpfter soldatischer) Männlichkeit gut machen würde. Wählt man Afghanistan als Kulisse, Wehrpflichtige der Roten Armee in post-heroischer Gloom zwischen zerschossenen Panzern, kommt man Nes‘ orientalisch-ländlicher Kulisse nah genug, um in einer Ideennische auf den Gedanken zu kommen, dass Nes vermutlich ohne Absicht eine Söldnerfiguration assoziativ in den Raum stellt und insofern über ein uraltes Thema spricht: die von alten Männer oft großartig herbeizitierten Waffenfähigen. Dazu verdammt, in ihrem Kreis zu bleiben.   

Jedes Kunstwerk beginnt da, wo die Intentionen seines Urhebers aufhören. Ungefähr Adorno

Die anderen Jünglinge wirken wie in der Umgebung Ausgehobene: zumindest in einer Unterstellung des Naheliegenden. Wären sie Schauspieler, könnten sie im nächsten Durchgang arabische Partisanen darstellen. Man darf sich nicht zu lange mit den Varianten aufhalten, sonst wird einem schwindlig.  

“Between Queerness and Jewishness …” Marilyn Reizbaum

*“Adi Nes, selbst homosexuell und Mizrahi-Jude, fotografiert in seiner Serie Soldiers (1999) Infanteriesoldaten des israelischen Militärs. Sonst zum nationalen Sinnbild treuer Staatsbürgerschaft stilisiert, wendet sich Nes ihrer menschlichen Nähe und Verletzlichkeit zu. Wir ertappen die uniformierten Männer erschöpft, schlafend auf einer Busfahrt. Die Abendsonne taucht die jungen Männer in warmen Dunst, der Atem liegt still. Ein intimer Blick, der nicht von ihren „Heldentaten“, ihrem nationalstaatlichen Auftrag berichtet.“ Quelle 

Gay Politics

“My photography wasn’t like snapshots of us. I was photographing gay politics.”  Sunil Gupta 

Peter Hujar - Preludes to Sex/New York, Christopher Street - A moment of Desire and Liberation © Jamal Texas Tuschick   

Sarkastische Dekonstruktion

„Die Mode ist am Ende stärker als die Persönlichkeit: alle Mätressen Ludwigs XV. (dem Verehrer der Marquise de Pompadour) sahen gleich aus.“ John Updike  

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Die Geschichte ist so gut, dass ich sie zweimal erzähle. In den frühen Siebzigerjahren begehrte Hans Eijkelboom in einem Amsterdamer Viertel an Haus- und Wohnungstüren nachmittags mit der Erwartung Einlass, keinen männlichen Erwachsenen zu treffen. Die Kuratorin Alona Pardo spricht umwunden davon, dass die Hausherren durch die Bank verlässlich damit beschäftigt gewesen seien, „ein Leben zu verdienen“. Der Fotograf habe eine „soziale Geschlechtskonstruktion ausgenutzt“. Eijkelboom bat die Hausfrauen und Mütter, den Platz des Mannes im Haus einnehmen zu dürfen. Die Backdoor-Man-Konnotation lässt sich nicht einfach abweisen.

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"I wanna be your backdoor man"
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Der Fotograf kam zwar nicht als Liebhaber, beanspruchte aber Positionen des Ehemanns im arroganten Übergriff. Er arrangierte die Familien zu (heute) absurd natürlich wirkenden patriarchalen Ensembles. Auf den Schwarzweißfotos sieht alles enorm echt aus, einschließlich des (mitunter) aufschauenden Frauenblicks. Man muss sich mit der Legende vertraut machen, um den Witz der Fotos zu begreifen. Die Willfährigkeit der Gekaperten ist dramatisch. Die mechanisch installierte Dominanz des Usurpators, der sich gerade auf mehr als einer Ebene zu Lasten der gastgebenden Familie bereichert, zeigt, wie einfach es war, Prisen männlicher Privilegien einzustreichen, sofern man nur im Schema blieb. In einem Gruppenbild scheint eine komplizenhafte Zustimmung der falschen Gattin auf. 

Auf der anderen Seite reproduziert Eijkelboom das Genre mit einem Aufwand, dessen Ursprung man am liebsten in der Liebe zur Sache vermutet; so wie ein überwältigend aufgetakelter Weihnachtsbaum das Werk eines Begeisterten sein soll und keine Dekonstruktion im Zuge einer sarkastischen Nachlese.

In „With my Family“ nimmt Hans Eijkelboom fremde Kinder auf den Schoss und spielt mit ihnen Familie. "For another series, With My Family, he rang on the doorbell of various houses after the husbands had just gone to work and managed to somehow convince the wives to let him pose in a family portrait in place of the dad. Seen together, the photos are strangely convincing, not least because he seems to fit right in every time – wearing clothes similar to the women's and often balancing a happy-looking child on his knee. Somewhere in here is a critique of the nuclear family and collective identity, but mostly it's just funny." Quelle