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02.11.2020, Jamal Tuschick

Der Billingham aus Birmingham

Wir waren eben in der Ausstellung Masculinitites: Liberation through Photography. Ich sehe gern muskulöse Frauen und Männer. Fitness ist ein Ruf. Wo immer ich ihn vernehme, fühle mich aufgefordert und eingeladen. Aber jetzt reagiere ich auf das Gegenteil … auf das Bild eines im Elend ergrauten, fröhlich aus der Wäsche guckenden Fuselsäufers, der einen flaschenförmigen Plastiklumpen ansetzt. Die Minderwertigkeit der Zutaten stiftet die erste Evidenz. Der Protagonist himmert seine Begeisterung in die Discount-Welt à la Herbert Achternbusch: „Die Gegend hat mich kaputt gemacht. Jetzt bleibe ich so lange hier, bis man der Gegend etwas davon anmerkt.“

Der Billingham aus Birmingham

„Kunst als Exit-Strategie“ nannte es die ZEIT. Der in Birmingham geborene Richard Billingham wuchs auf in den West Midlands, der bevölkerungsreichsten Gegend Englands nach der Londoner Agglomeration. 1996 veröffentlichte er Ray’s A Laugh.

Vielleicht vernimmt auch er das leise Lachen am Ohr eines anderen als spätes Echo eines guten Anfangs © Jamal Texas Tuschick

Rhodas Rumpf

Wir sitzen im Beba, dem wenigstens für uns neuen Restaurant im Gropius Bau. Aus der Werbung: „Beba bietet neben hausgeröstetem Kaffee und Gebäck kreative und farbenfrohe Gerichte an. Die Speisekarte ist von traditionellen jüdischen Rezepten inspiriert und setzt auf Frische, Vielfalt und Nachhaltigkeit: So werden im vertikalen Garten im Restaurant Blattgemüse aus aller Welt angebaut, die erst wenige Minuten vor dem Verzehr geerntet werden.“

Die Lampen im Beba © Jamal Texas Tuschick

Die Bedienung ist zuvorkommend, das Essen schmeckt so, dass wir sofort zu einem Strand des Nahen Ostens aufbrechen wollen. Wir sind in einem Alter, da kann ein starker Genussimpuls Kettenreaktionen auslösen. Plötzlich schießt eine Geschichte hoch. Ich erzähle sie gleich. Wir waren eben in der Ausstellung Masculinitites: Liberation through Photography. Ich sehe gern muskulöse Frauen und Männer. Fitness ist ein Ruf. Wo immer ich ihn vernehme, fühle mich aufgefordert und eingeladen. Aber jetzt reagiere ich auf das Gegenteil … auf das Bild eines im Elend ergrauten, fröhlich aus der Wäsche guckenden Fuselsäufers, der einen flaschenförmigen Plastiklumpen ansetzt. Die Minderwertigkeit der Zutaten stiftet die erste Evidenz. Der Protagonist himmert seine Begeisterung in die Discount-Welt.

Der Billingham aus Birmingham

„Kunst als Exit-Strategie“ nannte es die ZEIT. Der in Birmingham geborene Richard Billingham wuchs auf in den West Midlands, der bevölkerungsreichsten Gegend Englands nach der Londoner Agglomeration. 1996 veröffentlichte er Ray’s A Laugh. Die Arbeit dokumentiert Billinghams Herkunftsarmut. Er benutzte das billigste Material mit der Absicht eines Chronisten. Er porträtierte seinen Vater Ray und seine Mutter Liz als ein bis zum Abwinken groteskes Porzellanfigurinenduo.  

“The critic Julian Stallabrass describes Ray and Liz as embodiments of ‘what is in legend a particularly British stoicism and resilience, in the face of the tempest of modernity’.” Wikipedia

„Seine ebenso zarte wie triste Porträts des Vaters, eine Untersuchung seines Alltags, die der Künstler in Ray’s a Laugh (1996) festhielt, werfen einen brutal ehrlichen Blick auf seinen alkoholkranken Vater Ray und schildern dessen sozialen Abstieg.“ Ausstellungstext

„Billingham macht sein Trauma zur Kunst. Während andere Künstler abstrahieren und verfremden, der Rezipient interpretieren oder rätseln muss, wer oder was den Schöpfer quälte oder noch immer quält, nimmt sich der britische Filmemacher sein eigenes Leben zum Sujet: seine Kindheit und Jugend in einem verwahrlosten Elternhaus.“ DIE ZEIT

Mich beschäftigt ein Umfüllmanöver, das dem Gebrauch der Plastikflasche vorangegangen sein könnte. Mein Gewährsmann für diese Einsicht in eine Suchtroutine ist Doktor Fynn Jeremy-Elias Delaware. Stets goss Fynn gleich nach dem Kauf einer Glasflasche Billigwodka oder -Whisky den Sprit in einen bauchigen Einskommafünfschlauch, der für Eistee oder etwas in der Art hergestellt worden war. So vermied Fynn das Alkoholiker*innenklirren in dem Beutel seiner ständigen Begleitung. Er führte zu seiner Sicherheit Schnaps mit und glaubte doch mit der Zuversicht eines jeden Dumpers, dass er als normaler Verkehrsteilnehmer wahrgenommen würde. Billinghams Bilder zeigen, dass Ray über den Punkt der Scham und der Sehnsucht nach Normalität hinaus war, als die Aufnahmen entstanden. Der Vater ließ sich nicht mehr deklassieren. 

Nun zur Geschichte aus dem Beba.   

Was hatte sie mit ihm gemacht? Sein höriger Körper vibrierte in der Erwartungsspannung. Er hatte sich absolut nicht mehr im Griff. Sie stand im Türrahmen und genoss es, ein Suchtstoff zu sein. So weit trat er über seine Ufer, dass er dachte, sie genösse es, sein Suchtstoff zu sein. Das Phantasieprodukt der Personalisierung elektrisierte ihn. Obwohl sie bekennend mit anderen schlief, unter anderem mit ihrem Ehemann, wähnte sich Flynn in einer exklusiven Lage.

Ich gehe wieder in die Simplizität der grammatischen Gegenwart. Vergesst nicht, die Geschichte spielt vor dreißig Jahren in einem toten Winkel von Harlow in den West Midlands, der bevölkerungsreichsten Gegend Englands nach der Londoner Agglomeration. In Harlow kriegt man von dem Gedränge nichts mit. Fynn Jeremy-Elias Delaware ist mit Tina verheiratet, das macht die Sache nicht einfacher. Außerdem ist er Rhoda Walsalls Chef. Sie unterstellt ihm die Nutzung einer Zwangslage und obwohl sie die Neigung hat, Dinge verdreht und verzerrt darzustellen, geht sie selten so weit, die Behauptung mit Ernsthaftigkeit zu unterkellern. Zu offensichtlich frisst ihr Fynn aus der Hand.

Und auch wieder nicht. Die Liebe ist ein seltsames Spiel (Connie Francis). Rhoda trumpft mit ihrem Knabenrumpf auf, von dem Flynn in der ersten gemeinsamen Nacht unangenehm berührt wurde. Natürlich wusste er damals längst, dass Rhoda kein Dekolleté zum Prahlen besitzt, doch selbst der bescheidene Schwung unter den oft ockerfarbigen Pullovern, mit denen sie am Arbeitsplatz ihre Zurückhaltung unterstreicht, entspricht einer bra-vourösen Täuschung.

Die kleinsten BH-Körbe bilden auf Rhodas Rumpf Hohlräume.     

Ja, die beinah totale Abwesenheit weiblicher Rundungen hatte Flynn zuerst erschreckt und dann abgestoßen. Allerdings fand er das Übrige so anziehend, dass der Staubsauger seiner Gier darüber hinwegging und in den Sexpausen sah er generös und bald auch schon ein bisschen gerührt über die Abwesenden hinweg. Dem Vermissen eines schwellenden Busens folgte eine stille Sympathie für die rehbraune Ebene und dieser Verspieltheit von einer Empfindung nach kam eine brennende Faszination. Inzwischen liebt Flynn Rhodas Rumpf so inbrünstig, dass es ihm wehtut, wenn er daran denkt. Ihr wisst schon woran. Die Federleichte wird von einer equilibristischen Leidenschaft gesteuert, die sie dazu zwingt, ständig Räder zu schlagen, in die Brücke zu gehen und sowieso bei jeder Gelegenheit auf ihre Gelenkigkeit aufmerksam zu machen. Rhoda ist eine geborene Kontorsionistin von hoher Bewegungsintelligenz. Sie zieht die Liebhaber mit einem Schlangentanz in ihren Bann.   

Billingham: „Als ich anfing, die ersten Fotos von meinem Vater zu machen, hatte meine Mutter uns schon verlassen. Mein Vater hielt sich eigentlich nur noch in einem Raum auf ... und trank exzessiv.“ Weiter aus der ZEIT

Ich kenne Rhoda besser als Flynn sie kennengelernt hat. Sie hat ihn filetiert und abgeweidet und dann den Geiern zum Fraß vorgeworfen. Flynn ging mit steifen Knien aus der Kur hervor. Er ist jetzt einer dieser Humoridioten, die angeblich „aus strategischen Gründen“ das Leben leichtnehmen. Ich durchschaue sein Konzept nicht, konnte ihn aber auch noch nicht überführen. Er kriegt das irgendwie hin.

Vor dreißig Jahren war Flynn ein Mann der Stunde, und Rhoda war der helle Wahnsinn.

Rhoda und Flynn verführen sich in verfänglichen Situationen. Sie legen es darauf an, kompromittiert zu werden. Flynn hofft so auf ein Ende mit Schrecken, soweit es seine Ehe und Rhodas Ehe betrifft. Er will sie dazu zwingen, mit ihm noch mal von vorn anzufangen. Rhoda denkt daran nicht im Traum. Sie leiten einfach nur ein abenteuerliches Herz und die Gewissheit der Schwindelfreiheit. Was soll ihr schon passieren. (Das ist keine Frage.)