MenuMENU

zurück zu Main Labor

02.11.2020, Jamal Tuschick

Zahlenspiel

Als Cabot Straße bezeichnet man einen atlantischen Ausgang des Sankt-Lorenz-Golfs. Bis heute stellt er sich in der kanadischen Perspektive als strategisch wichtiger Seeweg dar. Da wurde am 14. Oktober 1942 die Passagierfähre „Caribou“ von dem deutschen U-Boot 69 versenkt. Hundertsechsunddreißig Passagiere und Besatzungsmitglieder kamen ums Leben. Sie starben in der Konsequenz des Auszeichnungsehrgeizes von Kapitänleutnant Ulrich Gräf, der sich zu Höherem berufen fühlte und sich mit Versenkungsexzessen bei Admiral Dönitz empfehlen wollte.   

© Jamal Texas Tuschick

Kapitänleutnant Ulrich Gräf tritt als Ich-Erzähler auf. Er erinnert seine ersten Feindfahrten so wie den Moment der Desillusionierung, als ihm klar wurde, dass Krieg ein übles Zahlenspiel ist.

„Wie mussten mehr von ihren Schiffen versenken, als sie neue bauen konnten.“

Kevin Major, „Caribou“, Roman, aus dem Englischen von Bernd Gockel, Pendragon Verlag 24,-

Es sind die Kosten, die dich killen. Krieg ist die ursprünglichste Ökonomie; sein Gesicht: der rentable Überfall. Die unter Druck hochgefahrenen Fähigkeiten und Eigenschaften der Kombattanten erschöpfen sich in und mit der Zeit.

Erdgeschichtliches Gedächtnis

In der Konzentration auf den Heroismus zeichnet sich die Niederlage ab. Gräf wird von der Aussicht auf ein Ritterkreuz so geblendet, dass ihm das Große und Ganze weniger deutlich vor Augen steht als die persönlichen Ehrenverdienstmöglichkeiten. Der Body Count seines Fachs heißt Bruttoregistertonnen. Das macht Angriffe auf zivile Positionen so attraktiv.

Am 30. September erreicht Gräfs Boot die Cabot Straße. Zum ersten Mal wirft der Kapitän ein Auge auf Neufundland. Durch die Gischt ahnt er Schönheit. Er erlebt eine „Eruption der Natur“. Das massiv Zerklüftete ist erdgeschichtliches Gedächtnis. Es ist profund. Der Anlass bietet indes einer Erkundung keine Gelegenheit. Seine Mission macht aus Gräf den gejagten Jäger.

Auf der anderen Seite des Geschehens vollzieht sich der Geschäftsbetrieb auf der „Caribou“. Major erzählt davon aus der allwissenden Perspektive. Er schildert Charaktere der Seebären-Menagerie. Kapitän Benjamin Taverner verkörpert lauter obsolete Tugenden. Taverner hat immerhin genug Substanz für Grundsätzliches auf der Gänseblümchenwiese der Überzeugungen. Er ist einer dieser Ein-Mann-ein-Wort-Gestalter, die an den Gestaden von Neufundland auf dem eiskalten Atlantik besonders gut zur Geltung kommen. 

Ich lese nebenbei Bob Woodwards im Hanser Verlag erschienene Trump-Analyse „Wut“, (550 Seiten, 24,-). Pentagon-Strategen können mit Trump nichts anfangen. Seine Einschätzungen sind Impulsgarben, von keinem Filter verfeinert … Gemütsverpuffungen; während sich die Männer auf Gräfs Boot nicht nur im Griff haben, sondern jeder auf seine Weise auch noch mit einer Spezialität zur Gesamtleistung beiträgt.

„Mir war es ziemlich egal, was Trump sagte.“ So Mattis* („denn Trumps Befehle seien völlig willkürlich, impulsiv und gedankenlos gewesen“). 

*Vom 20. Januar 2017 bis zum 1. Januar 2019 war James Norman Mattis Verteidigungsminister.  

Gräf hält seine Männer mit Musik bei Laune. Er lässt verbotenen Jazz laufen, um den Druck aus dem Mannschaftsgefüge zu nehmen. Die Matrosen klemmen wie Sardinen in einer Büchse. 

Pendragon Verleger Günther Butkus und seine Lieben

Im Eisauge des Periskops

1490 schaltet sich Giovanni Caboto in den englischen Handel mit Island ein. Dem Genueser Granden spielt das Kartenglück einen portugiesischen Staatsschatz in die Hände, die Seekarte des João Vaz Corte-Real, dem ersten portugiesischen Statthalter auf den Azoren. Der Ritter hatte vor dem Jahr 1450 Neufundland erreicht. Manche nennen ihn den Entdecker der Terra do bacalhau, einer nach dem Stockfisch benannten Phantominsel, die in Erzählungen des 15. und 16. Jahrhunderts Gestalt annimmt. Den Kern der Sage lokalisieren Historiker auf einer nordatlantischen Insel, die heute zur kanadischen Provinz Nova Scotia gehört. Im frühen 16. Jahrhundert bezeichnen Kartografen sämtliche Inseln des Lorenzstroms als „das Land der Cortereals“. Französische Fischer geben den Zuschreibungen mit Île du Cap-Breton eine andere Richtung.

1497 landet Coboto an der Küste Neufundlands und nimmt die tundrische Natur für Heinrich VII. als Terra de Prima Vista in Besitz. Der englische König wähnt sich von den Spaniern und Portugiesen bereits abgehängt. Die Unternehmung wird von Spanien mit Bezug auf die päpstliche Weltteilung von 1494 als Eingriff in fremde Hoheitsrechte gerügt.

Giovannis Sohn Sebastian segelt auf der ersten Neufundlandfahrt des Vaters mit. Er wechselt in spanische Dienste und wieder zurück unter Heinrich VIII. Zu seiner Zeit als Kapitän unterscheidet man zwischen Kanada, Neu-Wales und Labrador. Nach Cabots Tod nennt man alles zusammen vorübergehend Cabotia.

Als Cabot Straße bezeichnet man einen atlantischen Ausgang des Sankt-Lorenz-Golfs. Bis heute stellt er sich in der kanadischen Perspektive als strategisch wichtiger Seeweg dar. Eine schwere Schiffskatastrophe ereignete sich da am 14. Oktober 1942, als die Passagierfähre „Caribou“ von dem deutschen U-Boot 69 versenkt wurde. Hundertsechsunddreißig Passagiere und Besatzungsmitglieder kamen ums Leben. Sie starben in der Konsequenz des Auszeichnungsehrgeizes von Kapitänleutnant Ulrich Gräf, der sich zu Höherem berufen fühlte und sich mit Versenkungsexzessen bei Admiral Dönitz empfehlen wollte.   

Zurück auf Los

Die „Caribou“ fährt gewappnet mit einem Dutzend Schlauchbooten aus den Beständen der kanadischen Marine, die sich wiederum an Equipment aus dem Mutterland hält, das oft US-amerikanisch ist und dem erodierenden Empire kostenlos zur Verfügung zugestellt wurde. So dreht sich die Spindel, selbst wenn sich der Eindruck verfestigt, man habe Postboten bewaffnet, während auf der anderen Seite eine zum Krieg erzogene Generation sich beweisen will. Da fahren Leute wie Reinhard ‚Teddy‘ Suhren mit Ritterkreuz-Eichenlaub und -Schwertern als U-Bootkommandanten zur See oder tanzen mit Filmschönheiten* in Pariser Nachtclubs und spornen so den Nachwuchs an. Das erzählt Kevin Major mit der gebotenen kritischen Distanz. Er schildert die Eindimensionalität einer im Heldenwahn verblendeten, zur ‚Elite‘ hochgejazzten Gymnasiastenkohorte; geschliffen auf der Gorch Fock, so wie dann auch der gebürtige Dresdner Ulrich Gräf, ein Zugehöriger der Crew 35; folglich jenes Offiziersanwärterjahrgangs, der 1935 einstieg.  

*Auf einem Foto sieht man Teddy Suhren mit … ich bringe die Orginalbildlegende: „The caption for this photo, showing U-564 skipper Teddy Suhren on the right, is Pati Behrs** (later a film-star in the US) with Suhren and others at the Scheherezade Club in Paris.”

**

“Pati Behrs Eristoff was a prima ballerina and a grandniece of Leo Tolstoy. She may be best known as the first of John Derek's wives. Born in Turkey, her family fled to Paris after her father refused to partake in pogroms. She survived World War II and Occupied France by dancing in Parisian nightclubs, while at the same time doing all she could to hide Russian Jews and gypsies from the Nazis.” Wikipedia

Ist das nicht ein Roman. Ein mit Gold und Brillanten geehrter Siegfried zur See schmust mit der fabelhaft schönen, super diversen Widerstandskämpferin auf dem Weg nach Hollywood.

Zurück zu Gräf. Der sichtet die „Caribou“ in der Cabot Straße kaum zwanzig Seemeilen südwestlich von Channel Head. Der Sechsundzwanzigjährige absolviert seine neunte Feindfahrt. Morgens um halbvier ordnet er die Torpedierung der unbewaffneten Fähre mit der Idee an, einen Frachter zu treffen. Wer vom Tod nicht im Schlaf überrascht wird, springt über Bord, da die „Caribou“ zu rasch für eine geordnete Evakuierung sinkt. Ein Minenräumer namens Grandmére nimmt die Verfolgung des U-Bootes auf.   

John Derek & Pati Behrs 1950, Public Domain

Aus der Ankündigung

Neufundland im Oktober 1942: Als die Caribou ihren Hafen verlässt, ahnen weder Passagiere noch Mannschaft, dass sie nur wenige Stunden später von einem deutschen U-Boot angegriffen werden. An Bord von U 69 hat der junge und ehrgeizige Offizier Ulrich Gräf das ­Kommando. Trotz aller Gefahren hofft er darauf, unbeschadet zu ­seiner großen Liebe Elise zurückkehren zu können. Währenddessen träumt auf der Caribou der draufgängerische Steward John Gilbert von einem abenteuerlichen Leben. Jäh aus ihren Hoffnungen gerissen, müssen die beiden Männer in der tosenden See ums Überleben kämpfen.

Kevin Major zeichnet ein lebendiges Bild der menschlichen Tragödien während der Schlacht im Atlantik. Er verleiht den Menschen ein Gesicht und eine ­Geschichte, ohne in ein simples Täter-Opfer-Schema zu fallen.

Kevin Major wurde 1949 in Stephenville / Neufundland geboren. Bevor er sich dem Schreiben widmete, unterrichtete er eine Zeit lang. Sein Werk umfasst mehr als 20 Bücher, einige davon wurden bereits verfilmt und auch übersetzt. 1992 wurde er mit dem Vicky Metcalf Award ausgezeichnet. Major lebt mit seiner Frau in St. John’s, im Osten von Kanada.