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04.11.2020, Jamal Tuschick

Segregation

Tina Turner © Peter Lindbergh

„Ich kam … ohne Komplikationen auf die Welt.“

„In einem fensterlosen Untergeschoß.“

In einem Bunker der Entbehrung für Schwarze Entbindende. Es herrscht Rassentrennung in Tennessee.

Man nennt den Newcomer Anna Mae. Der Vater ist ein Pächter. Sein Boss gibt sich jovial. Er bewirtet die Kinder seines Gesindes nach den Regeln des Südens. Es gibt ein bauernhöfisches entre nous. In diesem Kontext folgen Anna Mae und ihre ältere Schwester Alline Einladungen ins Herrenhaus, wo die Kinder mit Limonade und einem Imbiss bewirtet werden, sofern keine fremden Weißen in Sicht sind.

„Rassismus war der Normalzustand.“

Eine ständig, gelegentlich aufkochende und überschäumende Gewalt der Herrschenden gehört zur Grundierung des Schwarzen Alltags. Beinah vor Anna Maes Augen bezahlt der Bürgerrechtler Elbert Williams einen Emanzipationsakt* mit dem Tod. Eine Sheriff-Schar verschleppt Williams und ermordet ihn demonstrativ brutal nach der Devise: Lynch einen und erzieh hundert.

*1940 versuchte Williams, Schwarze Wähler registrieren zu lassen. „Für diese tapfere Tat musste er bald bezahlen.“

Nur der Himmel ist die Grenze - Anna Mae Bullock aus Nutbush, Tennesee. Ihre Botschaft: „Auch in den dunkelsten Zeiten hast du es in der Hand, deinem Leben eine gute Richtung zu geben.“  

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Turners Do

Tina Turner wollte immer eine Lehrerin des seelischen Gleichgewichts sein. Das Geheimnis ihrer eruptiven Bühnenpräsenz ist buddhistische Gelassenheit. Ist sie eine zur Vollendung Berufene auf dem Weg in den Himmel der Mühelosigkeit? Ohne jeden Geiz teilt sie mit ihren Leser*innen den Schlüssel zum Spirit. Japaner nennen den Weg zur Klärung der Persönlichkeit Do. Die Kodifizierung von Turners Do erfolgte in der ersten Hochzeit der Pandemie.

„Niemand kommt durchs Leben, ohne Widrigkeiten zu begegnen.“

In der Konfrontation mit Widrigkeiten wächst oder schrumpft der Mensch. Es gibt kein Drittes. Insofern sind Widrigkeiten Meilensteine des Wachstums oder Leuchttürme einer Wachstumshemmung.  

Tina Turner, „Happiness. Mein spiritueller Weg“, auf Deutsch von Bernhard Kleinschmidt, Knaur Balance, 240 Seiten, 18,-

In den Seilen des Schicksals

Turners Tragödien begannen nicht erst mit dem Missbrauch in der Ehe, der weltweit breitgetreten wurde. Wir reden gleich darüber.

Für Turner entscheidend war die Entdeckung ihrer Gestaltungskraft. Plötzlich hing sie nicht mehr in den Seilen des Schicksals. Plötzlich war da Kraft, wo vorher Schwäche grassierte. Kann man sagen, das war eine Illumination? Auch Walter Benjamin spricht von Illuminationen. 

Der Schmerz transformierte sich in Turner und durchschoss sie als Flow. Das sahen alle, die T’n’T auf einer Bühne erlebten. Ihre Performance gleicht einer Offenbarung von Vitalität. Fragen wir uns nicht alle, wo nimmt sie das her? Hier ist ihre Antwort.  

Schlammschönheiten

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Mit neun pflückt sie Baumwelle, mit neunundvierzig schüttelt sie der Königin von England die Hand wie in der Erfüllung eines Kindheitstraums.

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„Ich gebe dir diese Einsichten weiter, damit du die Werkzeuge hast, um deine Hindernisse zu überwinden.“

Schon als Kind spürt sie „eine unsichtbare universelle Kraft“ als Flüchtling vor den Kräften des Niedergangs. Tina stromert durch die Prärien ihrer Phantasie und die von Geißblatt umzingelte, agrarisch normierte Landschaft vor ihrer Haustür. Sie atmet im Einklang mit den Elementen und kultiviert ihre Intuition. Sie wird zum Fan der Schlammschönheiten.

Lotusblüten sind solche Swamper. „Je dicker der Schlamm, desto stärker der Lotus, der darin erblüht.“  

Tina entdeckt die Welt als „mystisches Kunstwerk“.

Mit neun pflückt sie Baumwelle, mit neunundvierzig schüttelt sie der Königin von England die Hand wie in Erfüllung eines Kindheitstraums.

Das Milieu ihrer Herkunft ist geprägt von absoluter Gläubigkeit. Der religiöse Spirit wirkt wie eine Droge. Man besucht die Springhill Baptist und die Woodlawn Baptist Church. Beides sind Sklavengründungen und von daher Hauptquartiere einer charismatischen Praxis. Die Gemeinde groovt im Gospel-Rausch.

"Oh Happy Day" Edwin Hawkins - Anthony Brown w/ FBCG Combined Choir

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Aus der Ankündigung 

Machen Sie sich bereit, die Welt zu verändern, indem Sie Ihr Leben verändern.“ T'n'T

Tina Turner berichtet erstmals von ihrem Leben jenseits der Popwelt. Sie teilt ihre spirituellen Erfahrungen und Erkenntnisse, schildert ihre erste Begegnung mit dem Buddhismus und welch einzigartige Wirkung dieses Erlebnis auf sie hatte. Sie beschreibt ihre Meditationspraxis, die tiefe Kraft des Chanten und ihren persönlichen Weg zum Glück.  Mithilfe ihres Glaubens war es ihr möglich, die vielen schwierigen Situationen ihres Lebens zu meistern. Ihre Botschaft lautet: „Auch in den dunkelsten Zeiten hast du es in der Hand, deinem Leben eine gute Richtung zu geben.“  

Tina Turner wurde 1939 als Anna Mae Bullock in Nutbush in Tennesee geboren. Mit über 200 Mio. verkauften Tonträgern und zwölf Grammys gehört sie weltweit zu den erfolgreichsten Sängerinnen. Seit 1994 wohnt sie mit ihrem Ehemann, dem Kölner Musikproduzenten Erwin Bach, in Küsnacht am Zürichsee. 2018 erhielt sie den Grammy Lifetime Achievement Award. Weniger bekannt ist, dass Tina Turner seit über vierzig Jahren praktizierende Buddhistin ist.