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04.11.2020, Jamal Tuschick

Veteran in Journalism

Bob Woodward fand heraus: Trump kannte die Dimensionen der Pandemie in der Feinzeichnung eines antizipatorischen Geheimdienst-Genies vor allen anderen in der westlichen Welt. Trotzdem spielte er die Risiken herunter. Das ist Handeln durch Unterlassen, also strafbar.  

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Eine Frage wird Woodward immer wieder gestellt. Warum Trump bei aller nachgewiesenen Gerissenheit einen erwiesenermaßen auch für die Mächtigsten im Grunde lebensgefährlichen Investigativen an sich herangelassen habe.

Woodwards Antwort verdient es ausgeleuchtet zu werden. Trump ging davon aus, dass jemand wie Woodward in der Lage sei, Trumps verkannte Große zu erkennen. Das ist nicht trivial, bedeutet es doch, dass auch Trump von einer fatalen Sehnsucht nach Erlösung getrieben wird. Ein anderer Master of the Universe sollte ihn mit der wertvollsten Anerkennung adeln, die es gibt. Stichwort: Feindliche Ehrerbietung. Selbstverständlich zeigte sich Woodward unbeeindruckt. 

Amerikanische Luftnummer

„Der angebornen Farbe der Entschließung/ Wird des Gedankens Blässe angekränkelt.“ Shakespeare

Nicht Hamlet will er sein, sondern effektiv. Mit dieser Vorgabe tritt Jim Mattis, vorübergehend Defense Secretary, nach seinem Rausschmiss setzte er sich zu Trump so ins Verhältnis: “I‘ve earned my spurs on the battlefield ... (DT) earned his spurs in a letter from a doctor.”

Trump konterte: “Not to mention my fucking generals are a bunch of pussies.”

... tritt also Mattis seinen Dienst an. 

Er will nicht, „dass sich ihm der Magen umdreht“ in den Augenblicken schwerwiegender Entscheidungen. Von sich selbst verlangt Mattis, bereit zu sein.

„In Bereitschaft sein ist alles.“ Shakespeare

Mattis lässt zu, dass nordkoreanische Provokationen mit einer Demonstration von US-Stärke quittiert werden. Man schießt eine taktische Rakete ab. Die Luftnummer beeindruckt in Kim Jong-uns Reich niemanden. In Abstimmung mit den südkoreanischen Verbündeten formuliert man in Washington verquast:

„Wir können jederzeit konsequente Entscheidungen treffen.“

Von der Ansage bis ins Mark getroffen, feuert Nordkorea „eine noch leistungsstärkere Interkontinentalrakete“ ab. „Sie hätte zehntausend Kilometer weit bis aufs amerikanische Festland fliegen können.“  

Einschwörungspolitik

„Bei einem privaten Abendessen forderte Trump Loyalität.“

Kaum ist Trump im Amt, schwört er die wichtigsten Leute auf sich ein. Der neue Präsident erwartet eine Loyalität, die seiner Person gilt. Er erscheint als Rädelsführer und fordert Komplizenschaft. Er etabliert einen rustikalen Collegesportstil. Einen Stiefelveteranen des amerikanischen Imperiums, in dem Trump viel mehr ein von der Kette gesprungener Underdog ist als alle seine in den Washingtoner Grabenkämpfen abgeschliffenen, in ihren Teflonrüstungen schimmernden Untergebenen, spricht er präsidial-jovial auf dessen Blumenkohlohren an.

„Ich wette, Sie waren ein guter Ringer.“

Selbstverständlich war X auch als Sportler gut. Sein Beispiel zeigt, dass die Exzellenzbarrieren als mehr oder weniger diskrete Ausschlussverfahren immer noch perfekt funktionieren. Selbstverständlich hat X gedient, seine zwei Kriege absolviert, so wie nicht wenige Personen in der Nähe des Präsidenten. Selbstverständlich hat er seinen Harvard-Abschluss. Der Lebenslauf ergibt ein Muster für eine Musterkarriere und jetzt kommt dieser lächerlich-undereducatete und ungediente Gernegroß und spricht X auf Ohren an.

Bob Woodward, „Wut“, aus dem Englischen von Henriette Zeltner-Shane, Thomas Gunkel, Monika Köpfer, Karl Heinz Siber, Elisabeth Liebl, Hainer Kober, Stephan Kleiner, Eva Schestag, Karsten Singelmann, Sylvia Bieker, Christiane Bernhardt, Hella Reese, Pieke Biermann, Astrid Becker, Hanser Verlag, 550 Seiten, 24,-   

Die Ansprache dient einer Überleitung zur Selbstglorifizierung. Trump erzählt dem Ex-Ringer, was für ein guter Ringer an ihm selbst verloren gegangen sei. Als er am 9. Mai 2017 den Direktor des Federal Bureau of Investigation (FBI) James Brien Comey, Jr. feuert, will es ihm so scheinen, als wüchse sich an der Ostküste die Begeisterung zur Stampede aus. In Wahrheit sind die Akteure der Funktionselite aus dem Ivy League-Milieu von dem trampelnden Elefanten in ihrem Porzellanladen schockiert.

Tone-deaf

Trump weiß, dass es ihm nicht gegeben ist, erhaben zu erscheinen. Er kennt den Clown, den jeder sieht, der ihn sieht. Also performt er das Unvermeidliche wie etwas Voluntatives, geschickt Eingefädeltes. Er ist immer noch auf dem Schulhof und in der faustrechtlichen Hackordnung. Es gibt kein Erbarmen, nur ein Freilos. Wer, wie blutverschmiert auch immer, immer wieder und noch einmal aufsteht, gewinnt ein atavistisches Vorrecht, das seine Feind*innen auf die furchtbare Bahn eines Circulus vitiosus verbannt: es gibt kein Argument gegen die Selbstbehauptung, die nichts anderes sein will. Dem bloßen/blanken Anspruch kommt niemand allein mit dem Mut einer administrativen Tyrannenstürzerin bei. Zudem stellt sich stets die bange Frage: Warum ich und nicht etwa jene, deren Seele sich schon müde geschaukelt hat, da sie längst beinah alt ist und alles gelebt hat, was es zu leben gibt. 

Well, der Nichtsnutz auf dem Thron weiß wenig. Aber das weiß er: die präsidiale Macht gibt seiner Dummheit auf eine aberwitzige Weise recht. Am Anfang eines jeden großen Vermögens steht ein großer Durchstecher, ein Regelbrecher, ein Selbstermächtigter. Sein Treibstoff ist die Verachtung der Anderen. Jede hält sich für besser, aber er ist der Präsident.  

Trumps Geheimnis: Er hat die gleichen Demütigungen ertragen wie Millionen Deplorables, die nie auch nur Sparkassenchef werden. Das macht ihn zum König ihrer gebrochenen Herzen. 

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Trump behauptete, „Rage“ in einer Nacht gelesen haben. „Eine sehr offensichtliche Lüge“ nannte das ein Journalist. 

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Aus einem Kommentar von Christine Pattison: "Trump’s narcissism compelled him to sit down for these interviews with Bob Woodward. He thought he could finesse his way through the Covid disaster with his nonsensical word salads. Woodward was playing an intellectual game with an unarmed man.

Stille Macht

Woodward beschwört die „stille Macht“ im Land. Nehmen Sie Rod Jay Rosenstein aus Philadelphia in Pennsylvania. Einst United States Deputy Attorney General. Vorübergehend stellvertretender Justizminister. Woodward beschreibt Rosenstein als Prototyp des Washingtoner Beamtenapparats. Rosenstein selbst setzt im Mai 2017 FBI-Direktor Robert Mueller als Sonderermittler in der Russland-Affäre ein. Er bleibt Herr des Verfahrens, schützt Mueller und rät dazu, seinen Dienstherrn, den Präsidenten, abzuhören. Das ist Administration-Rock’n’Roll.  

Wir reden über Rosensteins Unabhängigkeit, ich hoffe, das ist allen klar. Der Mann lässt sich nicht von Trump in den Senkel stellen. Der hat seine eigene Agenda. Er schmeißt den Fernseher aus seinem Büro. Auch der Fernseher im Vorzimmer kommt auf eine Halde in den Arsenalen des Weißen Hauses.

Zum Teufel damit. Wir sind hier nicht, um fernzusehen. Wir machen einen Job nicht zuletzt unter dem Codenamen Crossfire Hurricane.

Es gibt jede Menge schwebender Verfahren gegen Rosensteins Chef. Trump jongliert mit Graupartikeln der Legalität. Er ist immer schon so ein bisschen drüber, so wie andere schräge Vögel auch. Jede Überschreitungsbereitschaft stört das Gleichgewicht. Deshalb halten sich ausgeschlafene Karrieristen an Buchstaben, wie zum Beispiel an die Buchstaben des Gesetzes.  

Hat sich Trump mit Rosenstein einen Feind ins Haus geholt?

So wie es einen Kampf der Kunst gegen die Kultur gibt, so gibt es einen Kampf der Administration gegen die Politik. Ein echter Beamter findet Politik halbseiden. Das macht ihn empfänglich für die Entgegennahme von Beamtenbefehlen im Geiste einer subtilen Insubordination. Ich schätze, dass zu Joschka Fischers Zeiten als Außenminister der ganze Apparat des Auswärtigen Amtes gegen ihn eingestellt und feinjustiert war. Das hat Fischer überstanden und meines Wissens über seine Tiefseekämpfe nie ein Wort verloren.  

In der Wuchtlinie dösen - Der Suggestion von Überlegenheit nicht einfach erliegen, sondern ...

„Langsame Kriege sind verlorene Schlachten für Amerika.“

Das erkennt ein Mann des Geheimdienstes, den Woodward als „Kriegermönch“ beschreibt. Doch genau das ist die Hauptstrategie nach der Partisanenlogik: Verlangsamung, Verschleppung, Distraktion, kurz die billige Zersetzung der Gegenseite. Man streut Sand ins Getriebe, stänkert rum, verstört mit absurden Moves, stellt haltlose Behauptungen auf. Das Besondere an Trump: Er versöhnt klassische Herrschaft und Anti-Establishment in seiner Person. Er ist Hillarys Basket of Deplorables und dessen Gegenteil. Also verkörpert er die regulären Garanten der Suprematie und die Guerilla der Subordination. Und jetzt kommt Biden und ist bloß Elite.

Old Woodward hat ein neues Buch geschrieben. Damit beschäftige ich mich heute. 

Wer der Suggestion von Überlegenheit nicht einfach erliegt, macht erstaunliche Entdeckungen. Die notwendige Handlungsbereitschaft, wenn nicht der -zwang in der Superiorität wirken sich als Vorlast aus. Die Bereitschaft aka der Zwang heften die Macht an ihre Gleichgewichtsgrenzen. Das verstanden Bob Woodward und Carl Bernstein (Stichwort: Watergate) bereits in den Siebzigerjahren besser als andere. Die Edelinvestigativen machten der Welt klar, dass man jeden Dumper drankriegt, wenn man intelligent ist und hartnäckig bleibt. Richard Nixon reüssierte als Tricky Dick. Das ist doch gar nicht so weit weg von der Sicht auf den amtierenden Präsidenten, die Trumps Kritiker*innen vereint. Ohnehin entspricht eine gravitätische Staatsführung nicht dem amerikanischen Stil.  

„Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.“  Albert Einstein. 

Im Visier der Legende

„Jeder muss zur Rechenschaft gezogen werden.“ Evelyn M. Duffy - Sie „hat mit Bob Woodward an sechs Büchern über vier Präsidenten gearbeitet“. 

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Aus Wikipedia: „Der Film beschreibt die mehrjährigen Recherchen der Journalisten Carl Bernstein und Bob Woodward von der Washington Post seit dem US-Präsidentschaftswahlkampf 1972. Sie deckten auf, dass Mitarbeiter des Weißen Hauses bei einem gescheiterten Einbruch vorhatten, das Wahlkampfbüro der oppositionellen Demokratischen Partei abzuhören, was schließlich zum Rücktritt des US-Präsidenten Richard Nixon führte.“

Woodward charakterisiert Typen, die von der Macht angesaut werden. Bradley Byers zum Beispiel. Woodward nennt den Kampfflieger aus Virginia einen „Brückenkopf“. Ein Namensvetter firmiert als Rock Solid Warrior. Byers dient Defense Secretary Jim Mattis, der nach seinem Rausschmiss sich so zu Trump ins Verhältnis setzen wird: “I‘ve earned my spurs on the battlefield ... (DT) earned his spurs in a letter from a doctor.”

Trump: “Not to mention my fucking generals are a bunch of pussies.”

Drei Tage nach dem Giftgaskriegsverbrechen von Chan Schaichun greift die US-Marine am Morgen des 7. April 2017 den Luftwaffenstützpunkt asch-Schaʿirat mit neunundfünfzig Tomahawk-Marschflugkörper an. Stunden später starten Maschinen der syrischen Luftwaffe von der eben angegriffenen Basis zu Attacken auf Rebellenstellungen. Man erklärt sich die geringe Beschuss-Effizienz mit dem Umstand, dass Trump Putin von seinem Vorhaben in Kenntnis gesetzt hatte, um keine russischen Verluste zu riskieren.

Byers wird zum Zeugen präsidialer Schuldverschiebung. Trump pflaumt intern Mattis an und wirft seinem Verteidigungsminister Unfähigkeit vor. Gegenüber der Öffentlichkeit stellt er die Sache aber als Sieg hin.  

Aus der Ankündigung: Trump im Visier der Journalistenlegende Bob Woodward: Ein Präsident zwischen Corona und Wirtschaftskrise, zwischen unbeirrbaren Anhängern und neuem Widerstand Donald Trump hat die USA in eine tiefe Krise geführt. Die Corona-Pandemie, deren Gefahr er bewusst runterspielte, legt offen, welche Wunden seine Präsidentschaft gerissen hat. Nun stehen Gesundheitssystem und Wirtschaft am Rande des Zusammenbruchs. Wie reagiert der US-Präsident auf die Krise? Bob Woodward hat in den vergangenen Monaten 18 Interviews mit dem Präsidenten geführt, mit Mitarbeitern und Opponenten gesprochen, Mails, Tagebücher und vertrauliche Briefe ausgewertet, um das Portrait eines Mannes zu zeichnen, der zwischen Verdrängung, Angriff und Momenten des Zweifels schwankt. Eine bahnbrechende, scharfsichtige, intime Reportage: das bleibende Buch über Trumps Präsidentschaft.