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07.11.2020, Jamal Tuschick

Von Thomas Hackl

Zivilcourage in der Terror-Nacht: „Ich bleibe hier, bis alle in Sicherheit sind“

Beim Terroranschlag in Wien sind es vor allem drei Männer, die neben der Polizei und den Sicherheitskräften ihr Leben riskieren, um andere zu retten: Ein Palästinenser und zwei türkisch stämmige Simmeringer bleiben an der Seite eines verletzten Polizisten und tragen ihn zum Rettungswagen. Dabei wird einer von ihnen selbst angeschossen. Der Polizist riet Osama Abu El Hosna, sich in Sicherheit zu bringen. „Ich habe ihm gesagt, ich helfe dir. Bis zum Ende. Gemeinsam schaffen wir das“, antwortete ihm der junge Mann.

© Jamal Texas Tuschick

Am Montag Abend schoss ein IS-Anhänger wahllos auf Menschen in der Wiener Innenstadt. Der Terroranschlag sollte die Stadt einschüchtern und spalten: Der IS will kein friedliches Zusammenleben zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen, er will rechtsextreme Angriffe auf die muslimische Bevölkerung provozieren. Das wiederum, so die Überzeugung der islamistischen Terroristen, soll Muslime im Westen zum IS treiben. Ziel ist eine maximal polarisierte Gesellschaft.

Doch in der Terrornacht tun sich neben Polizisten und Einsatzkräften besonders drei Männer hervor. Osama Abu El Hosna, Recep Tayyip Gültekin und Mikail Özen retten einen verletzten Polizisten aus der Schussbahn des Attentäters. Einer von ihnen wird selbst getroffen.

Für die beiden türkischstämmigen Simmeringer und den Wiener aus Palästina war klar: Sie sahen ihre Chance, ein Leben zu retten – und taten das unter Einsatz ihres eigenen Leben. Abu El Hosna ist Teil der Familie, der aufgrund ihrer Herkunft fast der Kauf eines Hauses in Niederösterreich verwehrt wurde.

PASSANTEN WERDEN ZU LEBENSRETTERN

Osama Abu El Hosna war am Schwedenplatz, als der Schusswechsel begann. Der Platz wird gerade evakuiert, als Osama mit einem Freund aus der Arbeit in der McDonalds-Filiale am Schwedenplatz kommt. Es wird geschossen. Der Freund legt sich auf den Boden, um in Deckung zu gehen. Osama flüchtet hinter einen Baum. Als ein Polizist den 23-Jährigen in Sicherheit bringen will, wird der Polizeibeamte angeschossen.

Osama zieht den verletzten Polizisten aus der Schusslinie hinter eine Beton-Bank in Deckung. Der Polizist rät ihm, zu flüchten, doch Osama bleibt:

„Ich habe mir gesagt: Ich laufe nicht weg. Ich bleibe hier, bis ich alle in Sicherheit bringe. Egal, was noch passiert. Die sind gekommen, um mir zu helfen, also werde ich nicht gehen.“

Während ein weiterer Polizist sie absichert, leistet Osama Erste Hilfe und versucht, die Blutung zu stoppen. Nach zehn Minuten trifft die Rettung ein. Sie bleibt in sicherer Entfernung 30 Meter von dem verletzten Polizisten entfernt stehen. Da tauchen Mikail Özen und Recep Gültekin auf, die gerade einen letzten Kaffee vorm Lockdown trinken wollten. Gemeinsam tragen die drei jungen Männer den blutenden Polizisten zur Ambulanz. Dabei wird Gültekin angeschossen.

ABU EL HOSNAS WURDE HAUS IN NIEDERÖSTERREICH VERWEIGERT

Osama Abu El Hosna kam vor zehn Jahren mit seiner Familie aus Palästina nach Österreich. Im vergangenen Jahr wollte die elf-köpfige Familie von Wien nach Weikendorf ziehen. Sie fanden ein Haus und nahmen einen Kredit auf. Doch dann wurde ihnen der Kauf verwehrt. Der Grund: Die Familie sei erst seit neun Jahren in Österreich, für den Kauf von Grundstücken seien aber zehn Jahre Voraussetzung.

In einer Stellungnahme ließ ÖVP-Bürgermeister Johann Zimmermann wissen, dass „die unterschiedlichen Kulturkreise der islamischen sowie der westlichen Welt in ihren Wertvorstellungen, Sitten und Gebräuchen weit auseinander liegen“ würden. Das gibt er in einer Erklärung bekannt. Für die Familie El Hosna ist der Ablehnungsgrund „zutiefst diskriminierend“. Mit einer Anwältin kämpft sie um die Liegenschaft – und gewann.

Das Haus gehört inzwischen der Familie, aber sie wohnt weiter in Wien, erzählt Osama KONTRAST. „Wir wohnen in Wien, meine Schwester arbeitet hier im Krankenhaus und mein Vater ist Englischlehrer.“ Er selbst ist Filialleiter bei McDonalds. „Die Familie ist in Wien geblieben, diese Ablehnung von Seiten der Gemeinde hat ihnen Angst gemacht. Sie vermieten das Haus jetzt, weil sie sich in Weikendorf nicht erwünscht fühlen“, sagt die Anwältin Muna Duzda, die die Familie El Hosna im Prozess vertreten hat.

So kam es, dass er am 2. November am Schwedenplatz unterwegs war. Er ist froh, dass Mikail und Recep dazugestoßen sind, sagt er. Denn allein hätte er den Verletzten nicht tragen können. Kontakt hat er mit den beiden keinen. Er ist noch in der Nacht mit der Polizei mitgefahren – als Zeuge, Opfer und Retter zugleich, wie er erklärt.

RUHM UND KRITIK IM NETZ

Mikail Özen meldet sich noch in der Nacht per Video auf Social Media. Er erzählt, was er und sein Freund Recep in der Nacht erlebt haben. Er wünscht dem geretteten Polizisten gute Genesung und endet mit einer Botschaft an die Welt:

„Wir türkischstämmige Muslime verabscheuen jegliche Art von Terror. Wir stehen zu Österreich, wir stehen für Wien. Egal, was passiert, wir sind jeder Zeit zu Hilfe bereit.“

Das Video wurde in den sozialen Medien tausendfach geteilt.

Doch mit dem Ruhm kam auch die Kritik: User finden Postings von 2016 und 2018, die eine Nähe der beiden zu den türkisch-nationalistischen Grauen Wölfen nahelegen.

Auch die Politik schaltet sich schnell ein. Der türkische Präsident Erdogan video-telefonierte mit Gültekin, der bei der Rettungsaktion selbst verletzt wurde. Der junge Mann bedankte sich und drückte seinen Wunsch aus, den Präsidenten einmal persönlich kennenzulernen.

WIE UMGEHEN MIT BACKGROUND?

Der Erdogan-kritische Journalist Deniz Yücel, der selbst wegen seiner journalistischen Arbeit ein Jahr lang in der Türkei in Haft saß, fordert in einem Artikel auf, die Dinge differenzierter zu sehen.

„Manchmal muss man Menschen für das, was ihnen widerfahren ist, betrauern, oder für das, was sie getan haben – nicht für das, was sie sind –, würdigen und dabei alles andere hinten anstellen, erst recht, wenn es sich dabei um ein paar hässliche Worte auf Facebook handelt, die auch nicht mehr sind als ein paar hässliche Worte auf Facebook“, fordert der Welt-Korrespondent.

Politisch sei ihr Hintergrund natürlich relevant. Aber, so Yücel: „Als es darauf ankam, haben dieselben jungen Männer dem Attentäter nicht applaudiert, sondern sich unter Einsatz ihres eigenen Lebens entgegenstellt.“

MIKAIL ÖZEN: DER 2.11 HAT MEIN LEBEN VERÄNDERT

Um einer Einvernahme durch türkische Nationalisten entgegenzusteuern, wünscht Yücel sich  ein aktives Auftreten der Staatsspitze. Denn, so argumentiert er: „Verdient hätten sie es nämlich.“ Es wäre ein Zeichen, dass eine Demokratie wie die österreichische ihre Bürger würdige, die die so oft eingeforderte Zivilcourage gezeigt hätten, und diese nicht der Selbstdarstellung eines autoritär-islamistischen Herrschers überlasse. Wiens Bürgermeister Michael Ludwig traf sich noch am Dienstag mit den beiden Simmeringern und würdigt, dass die beiden „unter Lebensgefahr einen Polizisten gerettet haben. Das macht mich besonders stolz, weil es den Zusammenhalt in dieser Stadt zeigt, egal welcher Herkunft man ist.“

Mikail Özen äußerte sich dazu auch auf Instagram:

„Ich habe den Respekt und die Anerkennung gespürt die ich in so einer Form in meinem gesamten Leben nicht gesehen habe. Ich war an vielen Unsinnigkeiten beteiligt, dafür entschuldige ich mich und beginne einen neuen Kapitel aufschlagen , das verspreche ich allen. Ich möchte mich auch in Zukunft nützlich machen“, so Özen in einem Posting.

Direkt nach dem Terroranschlag ehrt die Polizei Abu El Hosna.

Osama Abul El Hosna bekam für seinen Einsatz direkt eine Auszeichnung der Polizei. „Das hat mich stolz gemacht und sehr glücklich. Sie haben mich behandelt wie Familie und dafür gesorgt, dass es mir gut geht. Obwohl sie selber so Stress hatten.“

In den vergangenen Tagen hat er viele Nachrichten von Menschen aus ganz Österreich erhalten. „Das macht mich stolz“, sagt er dazu. Aber es sei normal für ihn, geholfen zu haben, es ist schließlich seine Aufgabe, es ist sein Land, und der Polizist habe ihm helfen wollen. Also hat er beschlossen, bei ihm und dem zweiten Polizisten zu bleiben, obwohl dieser ihn aufgefordert hat, sich in Sicherheit zu bringen:

„Ich habe ihm gesagt, gemeinsam helfen wir. Bis zum Ende. Gemeinsam schaffen wir das.“

Der Beitrag erschien zuerst auf Kontrast.at     

Das sozialdemokratische Magazin Kontrast.at begleitet mit seinen Beiträgen die aktuelle Politik. Wir betrachten Gesellschaft, Staat und Wirtschaft von einem progressiven, emanzipatorischen Standpunkt aus. Kontrast wirft den Blick der sozialen Gerechtigkeit auf die Welt.