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08.11.2020, Jamal Tuschick

„Mich interessieren nur Menschen, die sich mit einem Projekt der Selbsttransformation befassen.“ Susan Sontag

Taube Körper

„Wir müssen lernen, mehr zu sehen, mehr zu hören und mehr zu fühlen.“

*

Wir wissen das alle. Susans Mutter trinkt. Den notorischen Wodka auf Eis gibt sie als Wasser aus.

„Möchtet ihr auch etwas Wasser?“

Der Biograf ihrer Tochter nennt Mildred eine Frau, die der Welt nicht gewachsen ist. Das Unvermögen kommt bei den Kindern als Gleichgültigkeit an. Sie sagen „Onkel“ zu Männern, die kommen und gehen.

Benjamin Moser, Sontag Die Biografie, aus dem Amerikanischen von Hainer Kober, Penguin Verlag, 925 Seiten, 40,-

Mildred erträgt das Leben nur in einem Zustand. Sie ist stets „weggetreten“. Trotzdem bewahrt sie sich ihre Schönheit. Nichts entzückt sie mehr, als für Susans Schwester gehalten zu werden. Die Tochter erkennt das flirrende Wesen der Mutter.

„Sie tat so, als flirte sie mit mir, als lasse sie ihre Reize spielen.“

Susan konkurriert mit den („die schöne Witwe umschwärmenden) Verehrern in der Rolle des Gatten … einer desaströsen Schattenfigur … einem fatalen Imago. Mildred ergibt sich vor Susan ihrer Schwäche. Sie instrumentalisiert das Kind und fordert von ihm erwachsene Stabilität.

Das muss man sich klar vor Augen führen: In dieser Konstellation besteht die Mutter auf Beistand.

„Ich habe Angst im Dunklen. Ich brauch dich.“

Das sagt Mildred, nicht Susan. 

Die Ältere fühlt sich von der Jüngeren am Leben gehalten. Sie schreibt Susan „magische Kräfte (zu), mit der stillschweigenden Implikation, sie würde sterben, wenn ich sie ihr entzöge“.

Die Mutter arbeitet mit Liebesentzug und sorgt so für „Susans tiefgreifenste(r) Erfahrung“. Sie erzeugt eine „sadomasochistische Dynamik, die Susan … begleitet“.

Wie eine von Picasso gemalte Mona Lisa

Ikone weiblicher Intellektualität  

Der Biograf will das erloschene Licht des 20. Jahrhunderts für seine Leser*innen noch einmal anmachen; das Licht, in dem seine Heldin überlebensgroß erscheint. Susan Sontag war ein Rockstar wie Patti Smith. Wenn diese Ikone weiblicher Intellektualität die europäischen Sheros (blend of she & hero) vom Schlag Lukács und Sarraute kritisierte, war das eine Show. Benjamin Moser beschwört den Teint (die verführerisch auf Hochglanz gebrachte Schauseite) der femme de lettres und erkennt in ihr eine von Picasso gemalte Mona Lisa, „begehrt von den größten Fotografen“ der Epoche.

„Sie war Athene, nicht Aphrodite.“

Globaler Underground

Sontags Ruhm erlebt das internationale Auditorium als „etwas nie zuvor Dagewesenes“. Moser haut in die Tasten. Er beschreibt „eine schöne junge Frau von furchterregender Bildung … und unnachgiebiger Strenge“. Gleichzeitig kommt Sontag als Promoterin des voroffiziellen Kulturbereichs in die Arena; als Avantgarde-Aktivistin mit den Zugangskodes für den globalen Underground.    

In ihrer Person fusioniert das alte europäische Emigrantenwissen mit dem Rock’n’Roll des amerikanischen Go’n’Get. Sontag ist zu schnell für ihre Nachfolger*innen. In ihren Fußstapfen versinken die Epigon*innen. Sie schafft Formen, um sie zu zerbrechen. Jacqueline Kennedy erachtet Sontag als ebenbürtig im Rumble in the Jungle of New York.

Am Ende ihres Lebens wird Sontag verwundert bedauern, dass sie ihrer vergangenen Schönheit nicht mehr Achtung entgegen zu bringen wusste. 

„Ich habe so gut ausgesehen ... und ich hatte keine Ahnung.“ 

Kannibalische Verehrung/Aufmerksamkeitsgenerator Ruhm

Im Augenblick ihres Ruhms vermisst sie den „Spaß am Berühmtsein“. Sontag exponiert den Zusammenhang zwischen Ruhm und seiner fotografischen Herstellung in aggressiven Akten. Die aus der Menge genommene und über den Köpfen aufgepflanzte Person ist immer auch kultischer Gegenstand kannibalischer Verehrung. Zu den Menschheitsrätseln gehört nicht unbedingt, dass wir alle einverstanden sind, uns für Ruhm auffressen zu lassen.

"She Made Thinking Exciting" (New York Times)

„No writer typified the American twentieth century like the mythologised and misunderstood, celebrated and lambasted Susan Sontag (1933-2004). No writer dealt with so many different worlds. Sontag wrote novels, diaries and essays about art and camp, porno and politics, feminism and homosexuality, fame and style, and fascism and communism. And no serious writer had so many exceptional lovers.“ Quelle

Amerikanisiertes Andenken

Die vernichtende Verfolgung der Armenier im Auflösungsterror des Osmanischen Reichs war noch in vollem Gang als man in Hollywood eine Zusatzchance zu der soeben erfundenen Wochenschau zu kapitalisieren begann. Das phantasievoll hochgezuckerte Echtzeitdrama als Doku-Soap ist eine Erfindung des frühen 20. Jahrhunderts. Im Entstehungsrahmen jeder neuen Kunstform ist sofort alles da. Wir liefern heute die Nachträge im ewigen Nachgang jener Moderne, die der Industriellen Revolution folgte und den Kulturkatechismus bis auf Weiteres immer noch vorgibt. 

Im Sandbett eines im kalifornischen Winter verdunsteten Flusses fand man einen „idealen Drehort“, „um die grausamen Türken und Kurden zu filmen, wie sie die zerlumpte Schar von Armeniern … über Seitenwege“ in die Wüste trieb. Unter den Komparsen waren nicht wenige dem Genozid entronnen. Man bot echte Armenier auf und hing das Schild der Authentizität vor die Schaufenster eines Massenmords. Die Chronisten der Produktionskalamitäten von „Auktion der Seelen“ versäumten es nicht, die Szenen im posttraumatischen Stress kollabierende Überlebende als Nachschwenk mitzuliefern; dies als Schauspiel für picknickende Profis.

Und wieder weht ein Faulatem der Geschichte genau jene perverse Volte ins Geschehen, die wir, wäre sie nicht verbürgt, für erfunden halten müssten.

Anders als die Verkaufsbotschaft behauptet, sind „nicht alle Armenier im Film … Armenier“. Ein für Standfotos ausgewähltes Paar der Verzweiflung setzt sich aus der Jüdin Sarah Leah Jacobson und ihrer Tochter Mildred zusammen. Die Mutter stirbt bald. Zehn Jahre später bekommt Mildred eine Tochter von einem Mann, der sie umgehend zur Witwe macht. Sie nennt das Kind im amerikanisierten Andenken an Sarah Leah Susan Lee.

Während man „Auktion der Seelen“ auf einem historischen Vorsprung entstanden wähnte, „der an die (andauernde) Vergangenheit erinnern sollte“, zeigte der Film in Wahrheit das Gespenst der Zukunft. Leah-Lee sieht als Zwölfjährige zum ersten Mal „Fotos vom Holocaust“. Die Ansichten entwickeln Saugkraft. Sie lassen den Rockstar der Literatur nie mehr los.

„Wir sind unsere Metaphern“, behauptet Susan Sontag.

Was erfahren wir dann noch auf unseren Erkundungen, die wir Romane nennen?

Camp ist (nach Sontag) „eine Art, die Welt als ästhetisches Phänomen zu betrachten“. Heiner Müller stößt in Sontags Horn, wenn er „die Kunst als Mittel begreift, die Wirklichkeit unmöglich zu machen“. 

Für Sontag ist „die Realität nie ganz akzeptabel“; erlaubt sie doch nicht, sich der Einsicht zu entziehen, dass es „andere Menschen wirklich gibt. Sie sollen mehr sein als Figuren im solipsistischen Kabinett des begabten Kindes, das mühelos um sich selbst kreist.  

Für seine monumentale Biografie dieser Literaturikone des 20. Jahrhunderts konnte Benjamin Moser zahlreiche private Aufzeichnungen auswerten und erstmals Lebensgefährten wie Annie Leibovitz befragen. Sein tiefgründiges, intimes Porträt vermisst das Leben und den geistigen Kosmos dieser Intellektuellen, die wohl ebenso sehr bewundert wie gehasst wurde und für die ihre Freundin Jamaica Kincaid einmal die Worte fand: »Sie war großartig. Ich glaube, seit ich Susan kenne, möchte ich nicht mehr großartig sein.« Benjamin Moser © Beowulf Sheehan

Benjamin Moser, geboren 1976 in Houston, Texas, lebt in den Niederlanden, wo er an der Universität Utrecht promovierte. Er verfasst regelmäßig Beiträge für Harper’s Magazine und The New York Review of Books und ist als Biograph von Clarice Lispector außerdem Herausgeber ihrer Werkausgabe in neuer Übersetzung bei dem amerikanischen Verlag New Directions. Zuletzt erschien von ihm die autorisierte Biographie der amerikanischen Philosophin und Publizistin Susan Sontag, für die er den Pulitzer-Preis für die beste Biographie gewann.