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09.11.2020, Jamal Tuschick

Grenzgänger

Nur Heringe haben eine Seele - Geständnis eines Serienmörders - Der Fall Pleil

© Jamal Texas Tuschick

Historischer True Crime - Rudolf Pleils spektakuläre Mordserie gehört zu den größten Skandalen der Nachkriegszeit

Klandestine Harzpassagen

Grenzgänger ist er auf vielen Wegen; ein Borderliner, der sich auskennt in den Milieus der unehrlichen Berufe, wie es lange hieß. 

„Rudolf Pleil, genannt Der Totmacher (1924 - 1958), war ein deutscher Serienmörder, der mindestens 10, nach eigenen Angaben 25 Morde verübte. Er (figurierte als) Haupttäter einer Mordserie in den Jahren 1946/1947, die vor allem im Zonenrandgebiet im Harz stattfand.“ Wikipedia

Fred Sellin, „Nur Heringe haben eine Seele“, Roman, Droemer, 315 Seiten, 20,-

Oft gibt sich Pleil den Anschein dienender Beflissenheit. Er verbirgt ein kochendes Herz und die sexuelle Freude am Blutfluss, wie er in Schlägereien zuweilen strömt. Er ritzt sich und überschreibt die Wunde mit einer obszönen Krakel. Im letzten Stadium schlecht begriffener Aberrationen strebt er seine Kastration in einem autoaggressiven Akt an: als finalen Höhepunkt eines Selbstentzündungsexzesses.

Fred Sellin lässt den Mann (halb dummes Schwein, halb arme Sau) in der ersten Person erzählen. Der Chronist stellt sich als Erzgebirgler hin. Er schildert die Nähe zur tschechischen Grenze und deutet Schmuggler-Traditionen in seiner sozialen Reichweite an. Nach dem Krieg spezialisiert er sich darauf, Leute aus der sowjetisch besetzten Zone in den Westen zu bringen. Pfeil schleust seine Kundschaft durch klandestine Harz-Passagen.

Den Kaufmann Hermann Bennen schlägt er unterwegs den Schädel ein. Das rechte Vergnügen will sich nicht einstellen. Pleil schlendert gen Leipzig in dem Trödelmodus einer leeren Existenz. Einmal kriegt er seinen Rappel. Epileptische Anfälle erzwingen alle möglichen Schrumpfformen. Vielleicht überschätzen Leute, die Pleil als Ungelernten (vom Hilfskoch bis zum Hilfspolizisten) beschäftigen, seine Möglichkeiten. Vielleicht übersieht man mal fahrlässig und mal vorsätzlich die Symptome wenigstens einer Krankheit.    

Pleil spricht nur gebrochen Deutsch. Sein kommunistischer Vater ist nach der Machtergreifung mit der Familie auf die tschechische Seite gewechselt. Der Sohn durchläuft schließlich aber Stadien an den Abbruchkanten der Normalität im faschistischen Deutschland. Obwohl ihm im bürgerlichen Sinn alles misslingt, prahlt Pleil mit sich in der Konsequenz einer grandiosen Selbstwahrnehmung.

Pleil wird von innerer Unruhe getrieben. Das lässt ihn unstet erscheinen. Er vagabundiert zwischen seiner erheirateten Familie in der Gegend von Chemnitz und einem westdeutschen Revier im Hamburger Speckgürtel.

Aus der Ankündigung

Historischer True Crime: Rudolf Pleils spektakuläre Mordserie gehört zu den größten Skandalen der Nachkriegszeit

Rudolf Pleil, ein ungelernter Kellner, Schwarzhändler und Grenzgänger, ist 23 Jahre alt, als er 1947 verhaftet wird, weil er einen Kaufmann aus Hamburg erschlagen hat. Er wird zu 12 Jahren Zuchthaus verurteilt. Im Gefängnis brüstet er sich als „bester Totmacher Deutschlands“ und gesteht „mit fast zynisch zu nennender Offenheit“ (Staatsanwalt) nach und nach mehr als 25 Morde an Frauen, die er – zum Teil mit Mittätern – getötet haben will, um sie sexuell zu missbrauchen.

Anfangs wird ihm nicht geglaubt, seine Geständniswut ist einzigartig in der deutschen Kriminalgeschichte. Später können ihm die Ermittler elf Morde und einen Mordversuch nachweisen. Viele der anderen Fälle bleiben ungeklärt, bis zum heutigen Tag. Der anschließende Prozess im Herbst 1950 gilt als der spektakulärste im Nachkriegsdeutschland, Medien im In- und Ausland berichten darüber. Im Urteil vermutet der Richter, dass Pleil mehr als die angeklagten Morde begangen hat. Da die Todesstrafe ein Jahr zuvor abgeschafft wurde, wird er zu lebenslanger Haft verurteilt. 1958 erhängt sich Pleil in seiner Zelle.
Fred Sellin hat tausende Seiten Ermittlungs- und Gerichtsakten eingesehen, darunter zahlreiche Aufzeichnungen von Rudolf Pleil selbst, der seine detailreichen Geständnisse fast immer zuerst niedergeschrieben hat, bevor er sie den Behörden offenbarte. In seinem Tatsachenroman, in dem er den im Zuchthaus sitzenden Pleil seine Lebensbeichte ablegen lässt, verknüpft Sellin das Psychogramm eines Serienmörders mit dem vielschichtigen Porträt der deutschen Trümmergesellschaft.

„Wenn Menschen eine Seele hätten, dann hätte ich das gesehen, bei den ganzen Frauen, die ich totgemacht hab. Aber da war nie was. Nur Heringe haben eine Seele.“ Rudolf Pleil

Fred Sellin, Jahrgang 1964, studierte Journalistik und arbeitete als Redakteur bei verschiedenen Tages- und Wochenzeitungen. Als freier Autor hat er unter anderem die True-Crime-Titel „Im Spiegel des Bösen" und "Spuren des Todes" veröffentlicht.