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11.11.2020, Jamal Tuschick

Von Kathrin Glösel

Finnland hat es geschafft: Es gibt fast keine Obdachlosen mehr!

© Jamal Texas Tuschick

Dieser Artikel ist auch in englischer Sprache auf scoop.me verfügbar.

Juha Kaakinen leitet die Y-Foundation. Die NGO bekommt vergünstigte Anleihen vom Staat, um Wohnraum anzuschaffen. Darüber hinaus werden die SozialarbeiterInnen vom Staat bezahlt. Die finnische Lotterie wiederum unterstützt die NGO, wenn sie Wohnungen am privaten Wohnungsmarkt kauft. Daneben nimmt die Y-Foundation noch Kredite von Banken auf. Mit den Mieteinnahmen zahlt die NGO die Kredite zurück.

„Wir mussten die Nacht-Unterkünfte und Kurzzeit-Unterbringungen abschaffen, die wir früher hatten. Sie hatten Tradition in Finnland, aber jeder konnte sehen, dass sie den Menschen nicht aus der Obdachlosigkeit geholfen haben.“ (Juha Kaakinen, Leiter der Y-Foundation)

DAS „HOUSING FIRST“-KONZEPT ZUSAMMENGEFASST

Diese Politik heißt „Housing first“. Sie kehrt die herkömmliche Obdachlosen-Hilfe um. Häufig ist es so, dass von Betroffenen erwartet wird, sich einen Job zu suchen und sich von psychischen Problemen oder Suchterkrankungen selbst zu befreien. Erst dann gibt es Hilfe bei der Wohnungssuche.

„Housing first“ dagegen geht es andersherum an: Obdachlose Menschen bekommen eine Wohnung – ohne Voraussetzung. Sozialarbeiter helfen bei Anträgen rund um Sozialleistungen und sind Ansprechpartner bei Problemen. In dieser neuen, sicheren Ausgangslage fällt es den Betroffenen dann leichter, sich um einen Job und um ihre Gesundheit zu kümmern.

4 von 5 obdachlose Menschen behalten bei „Housing First“ langfristig ihre Wohnung und können ein stabileres Leben führen.

Innerhalb von etwa 10 Jahren hat das „Housing First“-Programm in Finnland 4.600 Wohnungen bereitgestellt. Während 2017 noch immer etwa 1.900 Menschen auf der Straße lebten, konnte 2019 die Zahl auf unter 1000 Langzeit-Obdachlose verringert werden  – doch auch für sie gibt es genügend Plätze in Notunterkünften, damit sie zumindest nicht mehr im Freien schlafen müssen.

 

Das Obdachlosen-Hilfe-Konzept wurde vom Psychologen Sam Tsemberis entwickelt. Ausgangspunkt ist der Zugang, dass Wohnraum der Ausgangspunkt und nicht das Ziel der Hilfe ist. Zielgruppen sind Menschen mit schweren (psychischen) Erkrankungen, Suchterkrankungen oder Behinderungen, die über kein Zuhause verfügen. Betroffene werden unterstützt, dass sie auf Alkohol und Drogen verzichten. Anders als bei anderen Hilfsprojekten ist es aber keine Voraussetzung, um eine Wohnung zu bekommen. Wo das Modell angewendet wird, kann die Obdachlosigkeit bei 4 von 5 Betroffenen beendet werden. 

MENSCHEN EINE WOHNUNG ZU GEBEN KOSTET WENIGER ALS SIE AUF DER STRASSE ZU LASSEn

Menschen Wohnraum zu schaffen, kostet natürlich Geld. In den 10 Jahren von „Housing First“ wurden 270 Millionen Euro für den Bau, den Ankauf und das Renovieren von Wohnungen ausgegeben. Allerdings, gibt Juha Kaakinen zu bedenken, ist das weit weniger als Obdachlosigkeit selbst kostet. Denn wenn Menschen in Notsituationen sind, gibt es auch häufiger Notfälle: Übergriffe, Verletzungen, Zusammenbrüche. Polizei, Gesundheits- und Justizsystem sind öfter gefordert und auch das kostet Geld.

Im Vergleich kostet „Housing First“ weniger als Obdachlosigkeit: Der Staat gibt pro obdachlosem Menschen 15.000 Euro weniger pro Jahr aus als vorher.

KEIN WUNDERMITTEL – ABER HOHE ERFOLGSQUOTE

Bei 4 von 5 Personen ist „Housing First“ langfristig wirksam: Sie behalten ihre Wohnung, sind auf Jobusche und nutzen die Hilfe der SozialarbeiterInnen. In 20 Prozent der Fälle steigen Menschen aus, weil sie bei Freunden oder Verwandten unterkommen – oder weil sie es nicht schaffen, die Miete zu bezahlen. Doch auch in diesem Fall werden sie nicht fallen gelassen. Sie können nochmal um eine Wohnung ansuchen und werden erneut unterstützt, wenn sie das möchten.

Erfolgsgarantie gibt es keine. Vor allem wohnungslose Frauen sind schwieriger zu erreichen: Sie verschleiern ihre Notsituation, weil sie öfter im sozialen Umfeld unterkommen und weniger häufig auf der Straße leben. Und eben dort spricht die Y-Foundation Menschen an.

„NEUNERHAUS“ IN WIEN SETZT „HOUSING FIRST“ UM – MIT ERFOLG

Das Neunerhaus in Wien hat 2012 ein 3-jähriges Pilotprojekt gestartet, in dem sie das „Housing First“-Konzept umgesetzt hat. Es war so erfolgreich, dass das Angebot mittlerweile Teil der Wiener Wohnungslosenhilfe ist.

Seit   Oktober   2016 gibt es ein eigenes Team aus SozialarbeiterInnen und Gesundheits-Fachkräften, die das Projekt tragen. Das Ergebnis: Fast 97 Prozent der Betroffenen behalten ihre Wohnung und haben sich stabilisiert.

Einen Überblick über weitere derartige Angebote in Österreich gibt es im „Housing First“-Guide.

Der Beitrag erschien zuerst auf Kontrast.at      

Das sozialdemokratische Magazin Kontrast.at begleitet mit seinen Beiträgen die aktuelle Politik. Wir betrachten Gesellschaft, Staat und Wirtschaft von einem progressiven, emanzipatorischen Standpunkt aus. Kontrast wirft den Blick der sozialen Gerechtigkeit auf die Welt.