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13.11.2020, Jamal Tuschick

In New York wird sich Andy Warhol rasend schnell zurechtfinden. Doch noch studiert er in Pittsburgh und lebt in der Obhut seiner Familie so wie fördernder Freunde … mit den Aspirationen des aufgehenden Sterns.

Blake Gopnik exponiert eine Tendenz, Andy Warhols Radikalität herunterzuspielen. Manche Kritiker*innen unterstellen W. das bloße Geschick des „traditionellen Handwerkers“ unter einer „avantgardistischen Oberfläche“. Die Kombination von bildender Kunst und Werbegrafik ist ein heißes Eisen an der Carnegie Tech. Ein akademischer Meinungsführer* vertritt den Standpunkt:

„Wenn ein Werbegrafiker gut ist, wird er automatisch zum bildenden Künstler.“

Homer Saint-Gaudens

Es bedarf einer anti-puristischen Stimmung, um Impulse wirken zu lassen, die unmittelbar nach dem II. Weltkrieg in einem reaktionären Standby Pop-Art vorbereitet. Gaudens bezieht sich zumal auf den Illustrator Joseph Christian Leyendecker, der in seinen Werbebotschaften, so Gopnik, sexuell subversive Ästhetik schmuggelte.

New Yorker Vorgaben

Er ist der Außenseiter, dem sich die Mainstreamer anpassen: die Ausnahme von der Regel und deshalb nicht regelbar.

New York - Coney Island Beach © Jamal Texas Tuschick

Bis zum Ende des II. Weltkriegs erschöpfte sich Reklame vor allem in  Textaufgaben. Es ging um Ansprachen, bis man entdeckt, dass durch den Schlauch einer Metabetrachtung gezogene Ideen „mehr Menschen erreichen“. Das geschieht etwa bei der Übertragung einer Einsicht auf eine Zeichnung. Da entsteht wie von selbst ein Mehrwert. Zusätzliche Kontaktpunkte werden freigeschaltet – und zwar abhängig davon, wie weit die Einflussnehmenden sich vom Klischee zu entfernen in der Lage sind. Die Illustration darf die Überschrift nicht wiederholen. Die Aussage muss stark genug für eine ganze Seite sein.

Das sind die New Yorker Vorgaben in den späten 1940er Jahren. Ihnen zeigt sich Andy Warhol aus dem Stand gewachsen. Er startet ohne Vorlauf und Aufwärmphase durch. Er ist zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort.

Er weiß, wie es geht und er kriegt es auch hin. Ihn muss keiner gnädig aus einer Misere entlassen. Die Fallstricke auf den Feldern von Kunst & Kommerz können dem Debütanten nichts anhaben. In seinem Fall orchestrieren Abweichungen kein soziales Trauerspiel, sondern eine opulente Willkommensparty. Er ist der Außenseiter, dem sich die Mainstreamer anpassen: die Ausnahme von der Regel und deshalb nicht regelbar.    

Blake Gopnik, „Warhol. Ein Leben als Kunst“, Biografie, auf Deutsch von Aus dem Amerikanischen von Marlene Fleißig, Hans Freundl, Ursula Held, Hans-Peter Remmler, Andreas Thomsen, Violeta Topalova, Bertelsmann, 1224 Seiten, 48,-   

Fleißiges Genie

Olympischer Jesus

New York am 3. Juni 1968 gegen 17 Uhr. Der Mann in der Notaufnahme des Columbus-Krankenhauses scheint schon tot eingeliefert worden zu sein. Das Geschäft der Rettung rauscht über den scheinbar hoffnungslosen Fall hinweg. Ärzte bringen noch einen Thoraxkatheter an, ein junger Feuerreiter der Medizin namens Giuseppe Rossi untersucht die Leiche „eines Penners vom Union Square“.

So kommt Rossi der von Valerie Solanas angeschossene Andy Warhol vor. Wir kennen alle die Geschichte. Heute noch feiern manche Solanas als Urmutter einschneidender Radikalität. Blake Gopnik beschreibt sie in seiner Warhol-Biografie „Ein Leben als Kunst“ als „verstörte Mitläuferin“.

Rossi entdeckt einen Blutpfropf. Er wirkt wie ein Flaschenhalsverschluss. Die Organhöhlen laufen voll im inneren Blutbadgeschehen. Die Milz ist ein Fetzen, ein Leberlappen: gequetscht. Die Därme sind perforiert. Magensäure steigt auf. Exkremente schwimmen in der Melange und erhöhen das Risiko einer tödlichen Infektion.

Rossi arbeitet sich einen Wolf. Schließlich erfährt der gute Mann, dass es an ihm ist, einen Superstar im Spiel zu halten.

Dem dramatischsten Augenblick in Warhols Leben folgen Momentaufnahme, die der migrantischen Tristesse seiner 1928 in Pittsburgh gestarteten Kindheit gewidmet sind. Es gibt ältere Brüder, der Vater ist Stahlwerker und Bauarbeiter. Er verlegt Häuser. Mitunter ziehen die Bewohner*innen in der mobilisierten Immobilie um.

Die Mutter spricht kaum Englisch. Mitunter wirtschaftet sie monatelang als Strohwitwe, während ihr Mann auf Montage ist. Die Familie wird zur Geisel der Großen Depression. Man verrührt Wasser mit Ketchup als Campell’s-Ersatz. Der oder das Ketchup immerhin von Heinz. Auch das eine Marke, die sich mit Warhols Genielabel verbindet.

Gopnik konzentriert sich auf die Pressplatten- und Plumpsklo-Armut. Schande, Schmach und Scham gibt es nicht, nur Kälte, die in den Arsch beißt. Trotzdem fühlt man kaum das Elend, da es alle beherrscht, die an den Maßstäben mitwirken.    

„Schließlich lebten alle anderen genauso.“

Zumindest in der Perspektive von jemanden, der über drei Straßenzüge nicht hinauskommt.

Der Biograf schildert Wirkungen der sozialen und topografischen Herkunftsmerkmale. Er charakterisiert sie als Markierungen.

Autobiografische Lügen/Titanenlegende

Der „Höhepunkt (seiner) Selbstoffenbarung“ ist eine Lüge. Als Andy Warhol in den späten Nachkriegsvierzigern nach New York kommt, erklärt er sich an Ort und Stelle seiner größten Wirkung zum Sohn eines Stahlarbeiters.

Ich wurde in einem Stahlwerk geboren, wie alle in Pittsburgh.

Tatsächlich war sein Vater im Wesentlichen ein nomadisierender Bauarbeiter migrantischer Provenienz; ein Spezialist für die Mobilisierung von Immobilien. Er wirkte am Transfer kompletter Häuser mit, die auf Sattelschleppern über Highways gezogen wurden. Manchmal reisten die Bewohner in ihrem aufgebockten Eigentum.

Warum dichtete Warhol seinem profanen Vater einen magischen Beruf an?

Natürlich entspricht die Metapher vom Stahlwerkersohn aus einer Stahlstadt im Stahlstaat Pennsylvania der zeitgerechten Adaption eines Mythos. Es geht um den Schmied in seiner Esse.

„Hephaistos ist einer der zwölf olympischen Götter. Als Gott des Feuers und der Schmiede ist er für seine besondere handwerkliche Geschicklichkeit bekannt, die im Gegensatz zu seinem körperlichen Gebrechen steht. Er ist der einzige Lahme unter den großen griechischen Göttern.“ Wikipedia

Auf einfache Weise macht sich Warhol so zum olympischen Jesus.

Evokation

Wikipedia weiß: „Beruf geht auf „berufen“ (mittelhochdeutsch beruofen) zurück, einer Präfixbildung des Verbs rufen - vocatio – Evokation. Martin Luther übersetzte vocatio als die Berufung durch Gott. ‚Jeder bleibe in dem Beruf, in dem ihn Gottes Ruf traf‘.“ Wikipedia 

„Das Wort ‚Schmied‘ leitet sich vom altnordischen smiðr ab. Das zugehörige Verb að smíða war in den frühen germanischen Schriften gleichbedeutend für ‚erschaffen‘. Schmiedekunst und Schöpferkraft waren eins.“ Quelle

Warhol schmiedet sich eine Herkunft nur vermeintlich auf blassem Grund. In Wahrheit stiftet die autobiografische Lüge eine Titanenlegende. 

Die Wahrheit, die ein fruchtbares Gebiet zur Wüste macht, interessiert niemanden. Je müheloser die sozialen Klimmzüge gelingen, desto vager werden die Auskünfte des Avancierten. Warhol spielt mit den Geburtsdaten Zeitpunkt & Schauplatz. Er ruiniert die Fakten, bis hin zu einer Aristokratisierung, die ihn zu einem von Warhol aus Cleveland in Ohio macht. Vor allem kehrt er kaum je zurück in seine Heimatstadt. Auch dem slowakisch-ruthenisch-bäurischen Ursprung seiner Eltern schenkt er zunächst geringe Aufmerksamkeit. Die Familie der Mutter besaß immerhin ein paar Bienenstöcke und galt darum als beinah begütert in Miková, einem Weiler, der im 14. Jahrhundert schon existierte als Heimstatt ursprünglich litauischer und ukrainischer Untertanen.   

Titanenlegende

Eingebetteter Medieninhalt

Jazz „ist ein Beispiel dafür, (wie man) Gift in Medizin verwandelt“. Tina Turner in ihrer spirituellen Biografie „Happiness“.

Andy Warhol wächst in einer Blase von Außenseiter*innen auf, die sich mit einem unspezifischen Wir absetzen. Der landsmannschaftliche Plural entspricht in Pittsburgh einer nachbarschaftlichen Regel. Doch anders als ungarische und italienische Einwanderer haben Warhols ruthenisch-slowakische Eltern keinen kulturellen Fundus, der über typisch ruthenisch bemalte Ostereier hinaus auf eine besondere Herkunft verweist. Ein Anderssein im Nicht-Besonderen ist vielmehr die Signatur dieser Migration. Warhol reagiert darauf mit dem Kurzschluss der Ignoranz und erklärt sich zum totalen Amerikaner.

Als Kind durchläuft er Stadien eines sanften Aufstiegs. Mit unbändiger Kraft boxt sich sein Vater in den Arbeitermittelstand. Er requiriert förmlich eine Doppelhaushälfte im Rahmen immer wieder dramatisch scheiternder sozialer Expansionen. Er hält nicht inne, auch als ihn die große Depression von und nach 1929 wirtschaftlich lähmt. Er repariert die Schuhe seiner Kinder. Schleift Böden ab. Kratzt Tapeten von den Wänden. Kurz, der Mann fightet um sein Stück vom amerikanischen Traumkuchen.

Sparsamkeit ist ein Kampfmittel. Warhol wird sich auch als erfolgreicher Künstler für die Geiztricks des Vaters nicht zu schade sein.  

Religiöser Straßenkampf

Warhol wächst in einer Gemeinde auf, die an einer byzantinisch-katholischen „Karpatenkirche“ haftet und sich – zumindest in der gläubigen Wahrnehmung – im Gebet konstituiert. Man singt „kirchenslawisch“. Verheiratete Priester walten als Meister der Liturgien.

Gopnik frickelt die konfessionellen Eigenarten auseinander. Man gehört zu Rom und der Papstschar, ohne dem byzantinischen Pomp abhold sein zu müssen. Dies vollzieht sich in der Konsequenz eines Sonderwegs als „Ruthenische Kirche“. Gleichwohl regiert ein Regime der katholischen Aversionen das Feld jugendlicher Bewährung. Die Warhol-Brothers und andere Nachkommen ruthenischer Christen werden von katholischen Iren bandenmäßig angegangen.   

Der Biograf führt das Detail aus, um all jenen „Warhol-Verstehern (zu widersprechen), die W. schlicht als katholisch bezeichnen“. So einfach ist es nicht:

„Kein byzantinischer Gläubiger würde sich jemals römisch-katholisch nennen.“

Zumal die verheirateten Priester erzeugen „den Eindruck eines Skandals für die Mehrzahl der amerikanischen Katholiken“. Man kreuzigt sich „verkehrt herum“. Für diese Leute ist das mehr so eine Dracula-Religion, von der Warhol geprägt wurde. Kein Wunder, dass er zuerst erwägt, Priester zu werden.

„Selbst wenn er unter Druck stand, fluchte er nie.“

Übrigens bleibt er Kirchgänger auch noch in der Factory-Ära. Warhol lässt seine Jünger*innen allein und geht in sich, wenn auch eine lange Zeit nicht mehr als Gläubiger, sondern als Fan sakraler Architektur. Anderes und ähnliches erzählt man sich von Bob Dylan aka R.A. Zimmerman aka Shabtai Zisel ben Avraham, der die religiöse Fassung seiner Kindheit als „singender Pilger“ modifiziert und so bei charismatischen Evangelikalen aufschlägt.

Man wird aus Genies selten schlau. Nach dem Attentat findet Warhol vorsichtig zurück zum Katholizismus, kann sich aber zu keiner Frömmigkeit entschließen.

Das Kapitel bleibt relevant, weil es mit dem unspezifischen Außenseitertum seiner Eltern und ihren Einwandererbiografien koinzidiert. Der Mangel an deutlichen Marken legt eine diffuse Anpassung nah. Und so verwandelt sich der Künstler als junger Mann dem Klischee von einem „ganz normalen, schwulen, politisch linken Partygänger“ an. Er spielt eine typische New Yorker Rolle nur eben exemplarischer als der Rest.   

Bissiger Blick

In einem Aufsatz äußert sich Andy Warhol in der Rolle des College-Absolventen zu Goldapplikationen an byzantinischen Ikonen. Kunsttheoretiker*innen zogen aus dem Text analytisches Prunkvokabular im Sinn einer komplizierten Genese. Sein Biograf Gopnik verweigert den Überdeuter*innen die Gefolgschaft. Warhol habe sich zwar für Gold, nicht aber für Ikonen interessiert.

„Das Gold in Gold Marilyn steht für … Miami Beach.“

Der Künstler kommt aus einer extrem erwerbstüchtigen und strebsamen Familie. Als Schüler sammelt er Flaschen und verhökert „alte Kisten“. Er schaufelt und fegt Schnee und karrt Kohleasche weg. Er hilft strenggläubigen Juden, wenn sie am Sabbat alles ruhen lassen, während der profane Verkehr in jede Richtung weiterrauscht.

Gopnik behauptet, Warhol habe Geschäftssinn bis zum letzten Tag seines Lebens bewiesen. Aber jetzt steht alles auf Anfang. Die Familie schlägt sich durch, alle verdienen dazu. Keiner ist sich für Irgendetwas zu schade. Sogar die Betten der Warhol-Brüder werden vermietet. Die Mutter bastelt Blumen aus Blechbüchsen und geht damit hausieren.  

Später wird Warhol das mütterliche Kunstgewerbe in die Entstehungsgeschichte der Pop-Art integrieren; mit wie viel Freude am Auslegen einer falschen Fährte weiß man nicht.

„Das Buch (über mich) sollte eigentlich meine Mutter zum Thema haben.“

Fest steht, der Knabe empfindet den Haus-zu-Haus-Verkauf der Trödeleien nicht als Schmach. Vielmehr stachelt der Erwerbsdruck seinen Unternehmergeist an. Der Entrepreneur reüssiert zugleich als Provokateur, geschickt hinter der Fassade des Schüchternen. Mir gefällt der bissige Blick des Biografen. Gopniks Werk erscheint stellenweise, als sollten die Schliche eines Durchtriebenen dem Leser vor Augen geführt werden.

Pittsburgh Tearoom Party*

Abstrakt ist das Zauberwort jener Ära. Alles muss abstrakt sein. Das führt dazu, dass Künstler*innen ihre gegenständlichen Werke abstrakt nennen. Warhol macht daraus eine Masche. Jedes Irgendwas aus seiner Hand funktioniert irgendwie im Zusammenhang mit der Zuschreibung abstrakt.

*Toiletten von Kaufhäusern waren oft Tearooms, ein Codewort für Schauplätze sexueller Zwanglosigkeit. Den Pittsburger-Kings der Warhol-Kohorte fehlte Fast-F*ck-Facility.  

Most American Artist

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Kunst & Krieg

Kulturbetriebliche Vorhersehbarkeiten und kunststudentische Klischees sind in Andy Warhols erstem Studienjahr am Carnegie Institute of Technology (heute Carnegie Mellon University) in der Stahlstadt Pittsburgh beinah außer Kraft gesetzt. Der siebzehnjährige Überflieger begegnet auf dem Campus soeben in den Zivilstand zurückgeschleuste GIs.

Gopnik übersieht den Hammer. Jeder muss doch folgende Fragen superinteressant finden. Mit welcher Motivation studiert einer Kunst, der gerade aus dem Krieg kommt. Kunst & Krieg: Wie hängt das zusammen?  

Man zieht die Uniform aus und trödelt los. Am Saum der Boulevards des Schlendrians stehen die großen Brocken der Schwerindustrie. In der Akademie schleichen die Vorkriegsheroen des abstrakten Expressionismus als Schatten ihrer selbst über die Flure. 

Warhol sei kein guter Zeichner. Er mechanisiere die Abläufe, sagt Gopnik. Nach einer anderen Quelle zeichnet Warhol hervorragend. 

"Warhol spent many days that summer observing his oldest brother, Paul, who sold produce from a truck, and the resultant pictures that he made of those commercial transactions won Warhol accolades upon his return to school in the fall when he received the Martin B. Leisser Prize and had the works exhibited in the college's fine arts gallery. From that point forward, Warhol was a star student in the program and, over the course of his entire college career, learned all of the many skills that a successful commercial illustrator would be expected to know in the job market." Quelle 

Nenn es abstrakt

Abstrakt ist das Zauberwort jener Ära. Alles muss abstrakt sein. Das führt dazu, dass Künstler*innen ihre gegenständlichen Werke abstrakt nennen. Warhol macht daraus eine Masche. Jedes Irgendwas aus seiner Hand funktioniert irgendwie im Zusammenhang mit der Zuschreibung abstrakt.  

Fleißiges Genie

Der Newcomer in New York gestaltet Plattencover. Er schmeißt mit Entwürfen nur so um sich. Das Genie ist fleißig. Seine Arbeit oszilliert in einem akademischen Kunstrahmen. Seine Linien elektrisieren alle am Big Apple nagenden Art-Direktor*innen. Der Debütant skarifiziert einen Anzug, um die Frage nach seinem Befinden anzuregen. 

Ein Hauptziel der werbetreibenden Industrie ist „die Frau mit Job … dieses vollkommen neuartige Wesen … und 600000 dieser Wesen kauften die Glamour“.

Warhol zählt zu den Verfrorenen unter den Hochbegabten. Die anderen tragen Neckholdertops, Warhol sieht man auf „wunderschönen Fotos“ im Blaumann des Camp*: dem Rollkragenpullover.

*Susan Sontag - Die Diagnostikerin einer Epoche definiert Camp so: „Alles Stil, nichts Substanz.“  

Camp ist (nach Sontag) „eine Art, die Welt als ästhetisches Phänomen zu betrachten“. Heiner Müller stößt in Sontags Horn, wenn er „die Kunst als Mittel begreift, die Wirklichkeit unmöglich zu machen“. 

Für Sontag ist „die Realität nie ganz akzeptabel“; erlaubt sie doch nicht, sich der Einsicht zu entziehen, dass es „andere Menschen wirklich gibt. Sie sollen mehr sein als Figuren im solipsistischen Kabinett des begabten Kindes, das mühelos* um sich selbst kreist. 

*Mühelos im Professor Kernspecht’schen Sinn. Haftest du an einem Punkt nicht mühelos, löse dich und begebe dich dahin, wo du mühelos haftest. Nur in der Mühelosigkeit entfalten sich Talente.

Historischer Hitting Point Power-Moment

Man steht Schlange, ergattert hier ein vergünstigtes Ticket und da ein Scheibchen Gratisbrot extra. Die Extravaganz wird von der Armut nicht aufs Spiel gesetzt. Warhol sieht das Strawinsky-Ballett Der Feuervogel. Ich erwähne das nur, weil Chagall das Bühnenbild gemalt hat. Es gibt diese historischen Hitting Point Power-Momente, wo sich gegensätzliche Kräfte von ihren Sockeln der Unvereinbarkeit herablassen und es zu unerwarteten Harmonisierungen und Synthesen kommt. Den Künstler als junger Mann springt die Chance an, etwas Neues zu schaffen. Warhol erhascht einen Zipfel vom Mantel der Geschichte und siehe da: Konservendosen gewinnen ihre Potenz als Gegenstände der Kunst.

Wir müssen noch einmal um den heißen Brei herumstreichen. Ein Kunsttheoretiker könnte einfach sagen, die Konservendose gehörte zum amerikanischen Traum der konkreten Nachkriegszeit wie der Carport. Die Ikonografie des guten Lebens entsprach einer Anstreicher*innentätigkeit. Das Schöne wurde herausgestrichen und über die Speisekammern erhoben. Das wäre eine abstrakte Ableitung. Sie wäre falsch. Warhols Arbeit ist autobiografischer. Für ihn waren die Büchsen nicht selbstverständlich. In seinem Herkunftsmilieu wurde eingeweckt. Als Konserven bezeichnete man Einmachgläser. Das Blechangebot von Campbell’s bot Warhol den Markencharakter als Aufstiegsmarke an.

Das muss man sich vor Augen halten. Die Realität bleibt konkret, auch wenn ein Genie mit ihr spielt. Begabung bedeutet, in einer gesellschaftlich relevanten Situation die Nerven zu behalten (verfremdeter Johannes R. Becher).

Erfolg ist ein Job in New York*

*”Success is a Job in New York” - The Early Art and Business of Andy Warhol

Eingebetteter Medieninhalt

“Success is a Job in New York was an exhibition devoted to the pre-Pop years in Andy Warhol’s art. Presented by the Fondation Cartier pour l’art contemporain in 1990, it took a look back at the evolution of Warhol’s career as a designer and artist, from the training he had in his native town of Pittsburgh to his commercial success as an artist in New York. The catalog published to accompany the exhibition explores an intriguing period in this history of 20th-century commercial art. By looking back at the early stages of the artist’s career, his training, illustrations, and “pre-Pop” photos, it also presents the major New York art directors, creative studios, and advertising creation techniques of the 1950s.” Quelle

Aus der Ankündigung

Die definitive Biographie: Andy Warhol ist der bekannteste Künstler der Pop-Art. Seine knallbunten Bildserien von Suppendosen, Bananen oder Hollywood-Stars wie Marilyn Monroe sind bis heute stilprägend, die Gemeinde aus Musen, Celebritys, Drag Queens und Intellektuellen, mit denen er sich in seiner New Yorker »Factory« umgab, ist legendär. In seiner monumentalen Biografie taucht Blake Gopnik tief in das Leben dieser ebenso radikalen wie rätselhaften Kunstfigur ein. Eindrucksvoll zeigt er, wie Warhol nicht nur in seinem Werk die Trennung zwischen Kunst und Leben auflöste und dadurch die Kunstwelt ebenso nachhaltig faszinierte wie revolutionierte. Eine akribisch recherchierte und umfassende Biographie einer der schillerndsten Gestalten des 20. Jahrhunderts. Mit zahlreichen Abbildungen.

Blake Gopnik, Jahrgang 1963, zählt zu den führenden Kunstkritikern Nordamerikas. Nach seiner Promotion in Kunstgeschichte in Oxford schrieb er für »Newsweek« über Bildende Kunst und Design, bei der »Washington Post« und der kanadischen »Globe and Mail« war er Ressortleiter für Kunst. 2015 war er Fellow am Leon Levy Center for Biography an der City University of New York, 2017 dann Cullman Center Fellow in residence an der New York Public Library. Er schreibt regelmäßig in der »New York Times«.