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13.11.2020, Jamal Tuschick

Himbeeren der Bürgerlichkeit

Kanadische Bourgeoisie

Eleanors Tochter rasiert sich den Schädel. Warum macht sie das? fragt eine Freundin der Mutter von Herzen konsterniert. Der Leser sieht Gabrielle in einem erstklassigen Kleid, wie Sinéad O‘Connor so kahl, „in einem dunklen Haus“ an der schroffen Atlantikküste von Neufundland (siehe Foto). Er teilt mit der Erzählerin Eleanor die Erinnerung an ein „wie eine Trompete gellendes Hochzeitskleid“.

In der Gegend von Bonavista. Hier erreichte Giovanni Caboto 1497 Nordamerika. © Jamal Texas Tuschick

Eleanor möchte mit ihrer Tochter ins Bett, um bei dem Kind Nähe zu tanken. Ihr doch egal, dass Philipp gerade einer anderen Frau nachjagt und der Fremden ein Stück von der Buttercremetorte seiner Vorzüge reicht, während sie ihn in aller Häuslichkeit nur noch in Pantoffeln und als Knecht seiner Erschöpfung erleben darf.

Glimmer, Glitter, Glamour …

Das ist schon gut erzählt. Eleanor bewohnt gekonnt den Vorhimmel besserer Verhältnisse, um wieder einmal John Updike ins Spiel zu bringen, an den mich Lisa Moores Manier denken lässt.

“Check Your Privilege”, könnte man sagen. Ich habe hier was zur Erweiterung des Portfolios.

„Why does check your privilege backfire? You have probably heard of the privilege walk. It is a task that is used in many classrooms to illustrate what it means to say that some people are more privileged than others.” More

Hungerpatrouille

Gabrielle verspricht sich von einem demonstrativen Gehorsamsakt Schokolade.

„Eine heftige Liebe zu ihrer Tochter überkommt sie.“

Am liebsten würde Eleanor jedem verbieten, Unruhe in ihr Leben zu bringen. Gleichzeitig tanzt sie auf jeder Hochzeit im Dunstkreis. Jede Inszenierung trägt den Duft und die Anmutungen einer Gartenparty. Steht man Schlange, dann im Cocktailkleid vor einer Bar. Das Personal kommt von einem anderen Stern.   

Lisa Moore, „Fremde Hochzeit“, Erzählungen, aus dem Englischen von Kathrin Razum, Hanser, 23,-

Es gibt keine Rechtfertigung für den Wohlstandvorsprung, der wie eine melancholische Felsnase den Ozean des globalen Elends überragt. Aber für uns, das heißt für Eleanor, Philipp, Gabrielle, Constance und Glenn, der scharf auf Eleanor ist, obwohl Constance ihren Mann gar nicht liebt, geht es nun einmal nur darum, welcher Wein passt in die Pause zwischen zwei elegischen Anlässen und sollte man sich außerdem noch die Beine rasieren. Eleanor duscht gemeinsam mit Philipp, die bürgerliche Wundertüte steckt voller Überraschungen. Philipp ergattert eine Brust seiner Frau und saugt daran.

„Eleanor versucht sich zu sammeln, aber sie ist zu betrunken.“  

Moores Held*innen haben den Atlantik vor der Haustür. Sie betrinken sich in der Ursprünglichkeit Neufundlands. Das beste von wenigstens zwei Welten prallt unter ihren Ledersohlen aufeinander. Die Lifeshow ventiliert etwas von der Kiefernwipfelreinheit einer Himalaya-Kur. Eleanor blickt auf einen Campingurlaub in Kaschmir zurück. Hungrig patrouillierende Schneeleoparden traten ihre Spuren direkt vor die Hightech-Kunststoffzelte der Unberufenen.  

Glänzender Lack

Auf einer Terrasse zwischen John Updike (vor seiner ewigen Residenz) und Richard Ford (in seiner verspäteten Gegenwärtigkeit) – Lisa Moore erzählt die Geschichten des westlichen Mittelstandes weiter. Solange es solche Autorinnen gibt, bin ich noch von dieser Welt.

Eingebetteter Medieninhalt

Da sind Eleanor und Philipp. Sie haben sich zur offenen Ehe entschlossen. Im Augenblick sieht es so aus, als sei die eingehegte Freiheit ein gerechter Superspreader. Sex ist in Sicht auf einer Hochzeitsfeier unter Altvertrauten. Man spricht und prunkt so vor sich hin. Verspiegelte Sonnenbrillen, der glänzende Lack von Taschen und Schuhen … man kann sich riechen und ist sich gewogen. Man ist nicht abgeneigt. Glenn spricht Eleanor indirekt auf ihre körperlichen Vorzüge an. Er rührt was ein, seine Berührungen sind kaum diskret.

Eleanor wartet auf einen „Gnadenmoment“. Sie glaubt nicht, dass man der Gnade entgegenkommen kann. Sie kommt zu einem oder geht zu einem anderen.
Der Leser folgt Eleanor auf einem Boulevard großer Augenblicke in einem geräumigen Vorgarten.

Dschungel der Exklusivität

Die Stars lebten in einem Dschungel der Exklusivität. Harold Robbins war ein Chronist des amerikanischen Albtraums, wie er in den Swimmingpools von Hollywood zu einer Zeit geträumt wurde, als Kokain noch was Besonderes war. 

Eingebetteter Medieninhalt

Jeden Abend schlief der Vater mit einem Buch von Harold Robbins auf dem Bauch ein. Nie mehr als zwei Seiten wurden zuvor gelesen. Manche sagen, Robbins sei ein Kitschautor, andere loben ihn für eine kräftige Sprache. Er stieg aus der russisch-polnischen Einwanderer-Equipe auf. Auf seinem Ruhm lastete der Schatten harter und diskriminierender Arbeit. Sie endete in Hollywood, wo Robbins Drehbücher schrieb. Übrigens zur gleichen Zeit, als Andy Warhol New York klarmachte.

Robbins erster Roman heißt „Never Love A Stranger“ und erzählt von einem Zögling, der auf den Straßen von New York eine Gangsterkarriere absolviert. 

Auch Eleanor schreibt Drehbücher. Sie schwärmt für den letzten Tango von Paris und findet die Butterszene, ich habe sie gar nicht mehr im Kopf, so bemerkenswert, dass sie gedanklich immer wieder dahin zurückkehrt. Nach meiner Erinnerung ist Ultimo tango a Parigi, ein Bertolucci aus dem Jahr 1972, komplett inkriminiert. Ich check das jetzt. Aha, wusste ich es doch. Der „Spiegel“ sprach 2016 bereits von „später Empörung“. In dem Artikel, den ich gerade gelesen habe, wird die Butterszene nacherzählt. Ich gebe das nicht wieder, es geht um die nicht abgesprochene Simulation von Analsex. Das Magazin zitiert den Regisseur, der sich 2013 so äußerte: „Ich hatte die Idee mit Marlon, am Morgen vor dem Dreh. Aber ich habe mich in gewisser Hinsicht sehr schlecht gegenüber Maria verhalten, weil ich ihr nicht gesagt habe, was passieren würde. Ich wollte ihre Reaktion als Mädchen, nicht als Schauspielerin“.

„An alle Leute, die diesen Film lieben“, twitterte … die Schauspielerin Jessica Chastain, „Ihr seht Euch an, wie eine 19-Jährige von einem 48 Jahre alten Mann vergewaltigt wird. Der Regisseur hat diese Attacke geplant. Mir ist schlecht.“ Quelle

Lisa Moores Heldin ignoriert die Frauenfeindlichkeit. Über ihre inneren Kaskaden strömen exkulpierende Wasser der Erinnerung. Der Sonnenpfeil eines Lichteinfalls führt sie zum ersten Kuss und dem ersten Pferd, einer geliebten, mitunter Wolken boxenden Stute. Ein sternenübersäter Himmel hier, eine Rechenmaschine da, und dort der Fernseher vor dem eingeschlafenen Vater. Auf seiner Brust bebt das auf hochwertig getrimmte Leseclub-Buch; die goldenen Letter erhaben auf dem Cover. Ich folge Eleanor in die Winkel und zu den Manövern zwischen Kindheit und erotischem Aufschwung.

Eleanor „spaziert durch die Himbeeren“ einer bürgerlichen Existenz. Da liegt der sensationelle Gehalt von Moores Erzählungen. Die Kanalisation kollabiert nicht. Aus den Hähnen fließt Trinkwasser. Die Kakerlaken halten sich bedeckt. Man soll gar nicht ausholen, um dem Gefühl von Geborgenheit Raum zu geben, das Eleanors häusliche und biografische Umstände auslösen. Eleanor ist sentimental, Sentimentalität ein hohes Gut. Das muss man sich leisten können.

Die Erzählerin kreist über ihrem sexuellen Flughafen.  

Aus der Ankündigung

„Lisa Moores Bücher sind leidenschaftlich, wirklichkeitsnah, leuchtend, wunderschön.” (Anne Enright) – Die große kanadische Erzählerin über die Abgründe und das Glück in unseren Beziehungen

Lisa Moores Erzählungen handeln nur auf den ersten Blick von Alltäglichkeiten: Da sind Eleanor und Philipp auf einer Gartenparty – die ihre ganze Ehe auf den Prüfstand stellt. Da ist Melody, die nach einer durchtanzten Nacht in die nächstgelegene Stadt trampt – für eine Abtreibung. Und da sind Lyle und seine Tochter Alex, die einen Tag an der Küste Neufundlands verbringen – der Beginn eines neuen Kapitels. Mit ihrem untrüglichen Gespür für die Tiefe, die in vermeintlich belanglosen Augenblicken steckt, stößt die große kanadische Erzählerin in das Geheimnisvolle menschlicher Beziehungen vor. Präzise und scheinbar beiläufig wie Alice Munro bringt sie „das zu Papier, was im Leben wichtig ist“ (Richard Ford).

Lisa Moore, 1964 in St. John’s, Neufundland, geboren, studierte Kunst am Nova Scotia College of Art and Design und ist eine der erfolgreichsten kanadischen Autorinnen. Bereits ihr Debütroman Im Rachen des Alligators war ein nationaler Bestseller. Bei Hanser erschienen die Romane Und wieder Februar (2011), mit dem sie Finalistin für den Man Booker Prize wurde, Im Rachen des Alligators (2013),  Der leichteste Fehler (2015) sowie die Erzählungen  Fremde Hochzeit (2020).