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15.11.2020, Jamal Tuschick

Yoga-Jungbrunnen

Der Erinnerungssturm koinzidiert mit einem Schneesturm. Ich würde gern erzählen, dass sich Marissa und der Erzähler in diesem Schneesturm wiedertreffen, doch in der Wahrheit des Romans sehen sie sich in einem Supermarkt. Vermutlich wissen sie beide nicht mehr, wer damals Schluss gemacht hat und warum Schluss gemacht wurde.

Powerplay an der See/Fit mit Siebzig - Deer Lake Beach (Neufundland) © Jamal Texas Tuschick

Zwischen Reißwolf und Mahlstrom

Die durchscheinende Bettwäsche in einem Hotel. Das Rumpeln des auf Räder gestellten Zimmerservicekastens. Fliegende Staubformationen und die „bukolische Fuchsjagd“ auf den Hüften einer jungen Frau (als Unterwäscheaufdruck). Ein männliches Ich beschwört das Fragmentarische bei der sinnstiftenden Aufnahme der Daseinsflusen mit einem hochsensiblen Lappen.

Ich rede jetzt über „Liebende, mit der Intensität, die ich meine“. So heißt die zweite Geschichte in Moores Erzählband.

Lisa Moore, „Fremde Hochzeit“, Erzählungen, aus dem Englischen von Kathrin Razum, Hanser Verlag , 23,-

Der Erzähler blickt auf eine Zeit zurück, als er wie verrückt Marissa liebte und von ihr ebenso geliebt wurde.

„Wir waren ... zwanzig.“

Der Erinnerungssturm koinzidiert mit einem Schneesturm. Ich würde gern erzählen, dass sich Marissa und der Erzähler in diesem Schneesturm wiedertreffen, doch in der Wahrheit des Romans sehen sie sich in einem Supermarkt. Vermutlich wissen sie beide nicht mehr, wer damals Schluss gemacht hat und warum Schluss gemacht wurde.

Ich liebe diese Moore’schen Unterschleifen, diesen sentimentalen Realismus, verbunden mit der Frage: verlieren wir das Wesentliche oder bleibt es uns erhalten. Der Erzähler nennt die Farbe eines Gürtels, den Marissa trug, als sie vielleicht doch erst neunzehn war. „Unschuldig“ findet er den harten Körperkontakt, der zur federleichten Vergangenheit gehört. Die gemeinsamen Ekstase-Erfahrungen stiften keine Verbindung, auf die man sich berufen kann.

Der Erzähler schlendert gedanklich zu seiner Ehefrau Jillian, die er als Yoga-Pilgerin charakterisiert. Im Mahlstrom der zeitgenössischen Narration taucht die Pilgerin an allen möglichen Ecken und Kanten auf. Sie erscheint als Botin einer Spiritualität, der wir nicht trauen, da ihre regressive Ladung zu offensichtlich ist.

Jillian trifft sich mit anderen Pilger*innen täglich vor Tagesanbruch zu einem Konzert des Schweigens; zum Exerzitium auf der Gummimatte.

Pilger nennt Joseph Conrad die Reisenden ins Herz der Finsternis. Die Pilger*innen im Akut des Erzählens streben in Trivialformaten nach dem Licht des guten Lebens. Sie gehorchen Gesundheitsformen und Achtsamkeitsfloskeln. Das ist selbstverständlich nicht neu. Vor einem halben Jahrhundert beschrieb ein Soziologe den Zusammenhang zwischen Achtsamkeit und Politikverdrossenheit. Und genau so stellt Moore Jillian dar. Prätentiös, wenn nicht sogar pomadig wirkt die Geschmeidigkeit der Pilgerin.

Der Erzähler denunziert Jillians kontrollierten Enthusiasmus, ihre ausgeklügelt in Form gehaltene Lebensfreude in Kniestrümpfen. Hämisch setzt er einer Schilderung zu: „Wir reden hier von einer Sechzigjährigen“.

Hallo, hat der olle Knilch den Schuss nicht gehört. Die Boomer-Generation steigt mit Sechzig in den Yoga-Jungbrunnen.  

Glänzender Lack

Auf einer Terrasse zwischen John Updike (vor seiner ewigen Residenz) und Richard Ford (in seiner verspäteten Gegenwärtigkeit) – Lisa Moore erzählt die Geschichten des westlichen Mittelstandes weiter. Solange es solche Autorinnen gibt, bin ich noch von dieser Welt.

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Da sind Eleanor und Philipp. Sie haben sich zur offenen Ehe entschlossen. Im Augenblick sieht es so aus, als sei die eingehegte Freiheit ein gerechter Superspreader. Sex ist in Sicht auf einer Hochzeitsfeier unter Altvertrauten. Man spricht und prunkt so vor sich hin. Verspiegelte Sonnenbrillen, der glänzende Lack von Taschen und Schuhen … man kann sich riechen und ist sich gewogen. Man ist nicht abgeneigt. Glenn spricht Eleanor indirekt auf ihre körperlichen Vorzüge an. Er rührt was ein, seine Berührungen sind kaum diskret.

Eleanor wartet auf einen „Gnadenmoment“. Sie glaubt nicht, dass man der Gnade entgegenkommen kann. Sie kommt zu einem oder geht zu einem anderen.
Der Leser folgt Eleanor auf einem Boulevard großer Augenblicke in einem geräumigen Vorgarten.

Dschungel der Exklusivität

Die Stars lebten in einem Dschungel der Exklusivität. Harold Robbins war ein Chronist des amerikanischen Albtraums, wie er in den Swimmingpools von Hollywood zu einer Zeit geträumt wurde, als Kokain noch was Besonderes war. 

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Jeden Abend schlief der Vater mit einem Buch von Harold Robbins auf dem Bauch ein. Nie mehr als zwei Seiten wurden zuvor gelesen. Manche sagen, Robbins sei ein Kitschautor, andere loben ihn für eine kräftige Sprache. Er stieg aus der russisch-polnischen Einwanderer-Equipe auf. Auf seinem Ruhm lastete der Schatten harter und diskriminierender Arbeit. Sie endete in Hollywood, wo Robbins Drehbücher schrieb. Übrigens zur gleichen Zeit, als Andy Warhol New York klarmachte.

Robbins erster Roman heißt „Never Love A Stranger“ und erzählt von einem Zögling, der auf den Straßen von New York eine Gangsterkarriere absolviert.  

Auch Eleanor schreibt Drehbücher. Sie schwärmt für den letzten Tango von Paris und findet die Butterszene, ich habe sie gar nicht mehr im Kopf, so bemerkenswert, dass sie gedanklich immer wieder dahin zurückkehrt. Nach meiner Erinnerung ist Ultimo tango a Parigi, ein Bertolucci aus dem Jahr 1972, komplett inkriminiert. Ich check das jetzt. Aha, wusste ich es doch. Der „Spiegel“ sprach 2016 bereits von „später Empörung“. In dem Artikel, den ich gerade gelesen habe, wird die Butterszene nacherzählt. Ich gebe das nicht wieder, es geht um die nicht abgesprochene Simulation von Analsex. Das Magazin zitiert den Regisseur, der sich 2013 so äußerte: „Ich hatte die Idee mit Marlon, am Morgen vor dem Dreh. Aber ich habe mich in gewisser Hinsicht sehr schlecht gegenüber Maria verhalten, weil ich ihr nicht gesagt habe, was passieren würde. Ich wollte ihre Reaktion als Mädchen, nicht als Schauspielerin“.

„An alle Leute, die diesen Film lieben“, twitterte … die Schauspielerin Jessica Chastain, „Ihr seht Euch an, wie eine 19-Jährige von einem 48 Jahre alten Mann vergewaltigt wird. Der Regisseur hat diese Attacke geplant. Mir ist schlecht.“ Quelle

Lisa Moores Heldin ignoriert die Frauenfeindlichkeit. Über ihre inneren Kaskaden strömen exkulpierende Wasser der Erinnerung. Der Sonnenpfeil eines Lichteinfalls führt sie zum ersten Kuss und dem ersten Pferd, einer geliebten, mitunter Wolken boxenden Stute. Ein sternenübersäter Himmel hier, eine Rechenmaschine da, und dort der Fernseher vor dem eingeschlafenen Vater. Auf seiner Brust bebt das auf hochwertig getrimmte Leseclub-Buch; die goldenen Letter erhaben auf dem Cover. Ich folge Eleanor in die Winkel und zu den Manövern zwischen Kindheit und erotischem Aufschwung.

Eleanor „spaziert durch die Himbeeren“ einer bürgerlichen Existenz. Da liegt der sensationelle Gehalt von Moores Erzählungen. Die Kanalisation kollabiert nicht. Aus den Hähnen fließt Trinkwasser. Die Kakerlaken halten sich bedeckt. Man soll gar nicht ausholen, um dem Gefühl von Geborgenheit Raum zu geben, das Eleanors häusliche und biografische Umstände auslösen. Eleanor ist sentimental, Sentimentalität ein hohes Gut. Das muss man sich leisten können.

Die Erzählerin kreist über ihrem sexuellen Flughafen.  

Kanadische Bourgeoisie

Eleanors Tochter rasiert sich den Schädel. Warum macht sie das? fragt eine Freundin der Mutter von Herzen konsterniert. Wir sehen Gabrielle in einem erstklassigen Kleid, wie Sinéad O‘Connor so kahl. Wir, das sind ich „in einem dunklen Haus“ an der schroffen Atlantikküste von Neufundland. Wir teilen mit der Erzählerin Eleanor die Erinnerung an ein „wie eine Trompete gellendes Hochzeitskleid“.

Eleanor möchte mit ihrer Tochter ins Bett, um bei dem Kind Nähe zu tanken. Ihr doch egal, dass Philipp gerade einer anderen Frau nachjagt und der Fremden ein Stück von der Buttercremetorte seiner Vorzüge reicht, während sie ihn in aller Häuslichkeit nur noch in Pantoffeln und als Knecht seiner Erschöpfung erleben darf.

Glimmer, Glitter, Glamour …

Das ist schon gut erzählt. Eleanor bewohnt gekonnt den Vorhimmel besserer Verhältnisse, um wieder einmal John Updike ins Spiel zu bringen, an den mich Lisa Moores Manier denken lässt.

“Check Your Privilege”, könnte man sagen. Ich habe hier was zur Erweiterung des Portfolios.

„Why does check your privilege backfire? You have probably heard of the privilege walk. It is a task that is used in many classrooms to illustrate what it means to say that some people are more privileged than others.” More

Hungerpatrouille

Gabrielle verspricht sich von einem demonstrativen Gehorsamsakt Schokolade.

„Eine heftige Liebe zu ihrer Tochter überkommt sie.“

Am liebsten würde Eleanor jedem verbieten, Unruhe in ihr Leben zu bringen. Gleichzeitig tanzt sie auf jeder Hochzeit im Dunstkreis. Jede Inszenierung trägt den Duft und die Anmutungen einer Gartenparty. Steht man Schlange, dann im Cocktailkleid vor einer Bar. Das Personal kommt von einem anderen Stern.   

Es gibt keine Rechtfertigung für den Wohlstandvorsprung, der wie eine melancholische Felsnase den Ozean des globalen Elends überragt. Aber für Eleanor, Philipp, Gabrielle, Constance - und Glenn, der scharf auf Eleanor ist, geht es nun einmal nur darum, welcher Wein passt in die Pause zwischen zwei elegischen Anlässen, und sollte man sich außerdem noch die Beine rasieren. Eleanor duscht gemeinsam mit Philipp, die bürgerliche Wundertüte steckt voller Überraschungen. Philipp ergattert eine Brust seiner Frau und saugt daran.

„Eleanor versucht sich zu sammeln, aber sie ist zu betrunken.“  

Moores Held*innen haben den Atlantik vor der Haustür. Sie betrinken sich in der Ursprünglichkeit Neufundlands. Das beste von wenigstens zwei Welten prallt unter ihren Ledersohlen aufeinander. Die Lifeshow ventiliert etwas von der Kiefernwipfelreinheit einer Himalaya-Kur. Eleanor blickt auf einen Campingurlaub in Kaschmir zurück. Hungrig patrouillierende Schneeleoparden traten ihre Spuren direkt vor die Hightech-Kunststoffzelte der Unberufenen.  

Analphabetin der Liebe

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„Das Schweigen der Lämmer“ - Dr. Hannibal Lecter erklärt FBI-Agentin Clarice Starling das Leben sowie die Grundlagen investigativer Interventionen.  

„Oberste Prinzipien Clarice. Simplifikation… lesen Sie bei Marc Aurel nach. Bei jedem einzelnen Ding die Frage, was ist es in sich selbst? Was ist seine Natur? Was tut er, dieser Mann, den Sie suchen?“

Lecter: „Wie beginnen wir zu begehren, Clarice? Suchen wir uns Dinge zum Begehren aus? Strengen Sie sich mit allen Kräften an, jetzt eine Antwort darauf zu finden.“

Starling: „Nein. Wir können...“

Lecter: „Wir beginnen das zu begehren, was wir jeden Tag sehen.“

*

Trotz allem bleibt Eleanor eine Analphabetin der Liebe. Sie weiß einfach nicht, welche Gefühle mit Liebe richtig angesprochen werden. Diese Trittunsicherheit unterwirft sie den Chancen der Betäubung und der Ausflucht.  

„Du hast an ihn gedacht, als dir die Kette vom Fahrrad gesprungen ist … es muss Liebe sein.“

Eleanor untersucht Temperaturschwankungen in den Höllenkreisen der Ungewissheit rund um den Glutkern des Begehrens.