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18.11.2020, Jamal Tuschick

Akteure des Typischen

„Wenn man jemandem alles nimmt, existiert er dann noch?“ fragt Michel Houellebecq. Er geriert sich als Antipode Descartes‘, dessen Unverzagtheit Houellebecq bizarr findet. Der Lebende widerspricht einem Toten. „Sein heißt in Relation sein.“ Houellebecq bekennt sich zu der Neigung, seine Protagonisten auszulöschen, ihnen nichts zu lassen; bis sie einfach dem zustimmen, was die Macht ihnen vorsagt.

„Solange Shakespeare unsere Stücke schreibt.“ Im Grund ist alles immer noch und immer nur ein bisschen Trallala, sieht man von der Machtfrage ab. Niemand beschreibt das besser als Shakespeare. Wir wissen nicht mehr als er (wusste). In unserem Wir steckt kein Zugewinn. Vielmehr stecken wir fest im Elisabethanischen Zeitalter, auch wenn sich manche Vorzeichen umgekehrt haben. „Solange Shakespeare unsere Stücke schreibt“, sagt Heiner Müller, „sind wir in der Gegenwart nicht angekommen“. © Jamal Texas Tuschick

Moritaten des Maroden

Irgendwo erzählt Rachid Amirou, dass in der französischen Hinterwelt einer ruralen Pittoreske Rentner dafür bezahlt werden, als Akteure des Typischen aufzutreten. Zu den Stoßzeiten des täglichen Touristenaufkommens erscheinen sie als unverwüstliche Vertreter des ländlichen Frankreichs. Sie spielen Boule und trinken Pastis. Vor allem jedoch lassen sie sich ohne Zeichen der Gereiztheit fotografieren. In den Rollen von Fotosafariprotagonisten schröpfen sie das Ursprüngliche & Eigentliche.

Geben sich die alten weißen Männer für ein Täuschungsmanöver her? Stecken sie in einem Angriffsgewitter auf ihre Würde? Oder lassen sie sich nur für das bezahlen, was sie sind? Tatsächlich überbieten sie jede Darstellung. Ihre Realness steht außer Frage.

Lisa Moore, „Fremde Hochzeit“, Erzählungen, aus dem Englischen von Kathrin Razum, Hanser Verlag, 23,-

Ein Wort macht die Runde und schafft ein Klima der Beklommenheit. Ich rede vom Reizdarm. Marissa hatte schon mit zwanzig einen Reizdarm. In der Gegenwart von Damals: Jim erlebt den besten Sex seines Lebens, eine fürwahr einnehmende, ihn abweidende und ausweidende Angelegenheit, mit der Shanty-Irish-Schönheit Marissa, deren Reizdarm mitunter Überbrückungen erzwingt. Um im Beat der Geilheit zu bleiben, schiebt Jim manche Gerüche und Geräusche auf Raumschmodder und andere Moritaten des Maroden.     

„Ich hatte irgendeine Bemerkung über den Geruch von Sex gemacht. Es war kalt im Zimmer.“

Huch, wie heikel. Ist Jim in ein Fettnäpfchen getreten?

Lisa Moore schickt verschiedene Erzählströme durch einen Kanal. Es herrscht räumlicher und zeitlicher Variantenreichtum. Jim pendelt zwischen den Stadien seines Lebens. In der Handlungsgegenwart ist Marissa eine frisch verwitwete Frau McCarthy und Mutter von drei Töchtern, die ihre verflogene Schönheit spiegeln. Als Komplize von Marissas Liebreiz macht Jim seine Beobachtungen. Die Töchter sind zwar im Spektrum der Lustchancen verboten. Doch die Vergleiche erzwingen sich rücksichtslos.

Glänzender Lack

Auf einer Terrasse zwischen John Updike (vor seiner ewigen Residenz) und Richard Ford (in seiner verspäteten Gegenwärtigkeit) – Lisa Moore erzählt die Geschichten des westlichen Mittelstandes weiter. Solange es solche Autorinnen gibt, bin ich noch von dieser Welt.

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Da sind Eleanor und Philipp. Sie haben sich zur offenen Ehe entschlossen. Im Augenblick sieht es so aus, als sei die eingehegte Freiheit ein gerechter Superspreader. Sex ist in Sicht auf einer Hochzeitsfeier unter Altvertrauten. Man spricht und prunkt so vor sich hin. Verspiegelte Sonnenbrillen, der glänzende Lack von Taschen und Schuhen … man kann sich riechen und ist sich gewogen. Man ist nicht abgeneigt. Glenn spricht Eleanor indirekt auf ihre körperlichen Vorzüge an. Er rührt was ein, seine Berührungen sind kaum diskret.

Eleanor wartet auf einen „Gnadenmoment“. Sie glaubt nicht, dass man der Gnade entgegenkommen kann. Sie kommt zu einem oder geht zu einem anderen.
Der Leser folgt Eleanor auf einem Boulevard großer Augenblicke in einem geräumigen Vorgarten.

Dschungel der Exklusivität

Die Stars lebten in einem Dschungel der Exklusivität. Harold Robbins war ein Chronist des amerikanischen Albtraums, wie er in den Swimmingpools von Hollywood zu einer Zeit geträumt wurde, als Kokain noch was Besonderes war. 

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Jeden Abend schlief der Vater mit einem Buch von Harold Robbins auf dem Bauch ein. Nie mehr als zwei Seiten wurden zuvor gelesen. Manche sagen, Robbins sei ein Kitschautor, andere loben ihn für eine kräftige Sprache. Er stieg aus der russisch-polnischen Einwanderer-Equipe auf. Auf seinem Ruhm lastete der Schatten harter und diskriminierender Arbeit. Sie endete in Hollywood, wo Robbins Drehbücher schrieb. Übrigens zur gleichen Zeit, als Andy Warhol New York klarmachte.

Robbins erster Roman heißt „Never Love A Stranger“ und erzählt von einem Zögling, der auf den Straßen von New York eine Gangsterkarriere absolviert.  

Auch Eleanor schreibt Drehbücher. Sie schwärmt für den letzten Tango von Paris und findet die Butterszene, ich habe sie gar nicht mehr im Kopf, so bemerkenswert, dass sie gedanklich immer wieder dahin zurückkehrt. Nach meiner Erinnerung ist Ultimo tango a Parigi, ein Bertolucci aus dem Jahr 1972, komplett inkriminiert. Ich check das jetzt. Aha, wusste ich es doch. Der „Spiegel“ sprach 2016 bereits von „später Empörung“. In dem Artikel, den ich gerade gelesen habe, wird die Butterszene nacherzählt. Ich gebe das nicht wieder, es geht um die nicht abgesprochene Simulation von Analsex. Das Magazin zitiert den Regisseur, der sich 2013 so äußerte: „Ich hatte die Idee mit Marlon, am Morgen vor dem Dreh. Aber ich habe mich in gewisser Hinsicht sehr schlecht gegenüber Maria verhalten, weil ich ihr nicht gesagt habe, was passieren würde. Ich wollte ihre Reaktion als Mädchen, nicht als Schauspielerin“.

„An alle Leute, die diesen Film lieben“, twitterte … die Schauspielerin Jessica Chastain, „Ihr seht Euch an, wie eine 19-Jährige von einem 48 Jahre alten Mann vergewaltigt wird. Der Regisseur hat diese Attacke geplant. Mir ist schlecht.“ Quelle

Lisa Moores Heldin ignoriert die Frauenfeindlichkeit. Über ihre inneren Kaskaden strömen exkulpierende Wasser der Erinnerung. Der Sonnenpfeil eines Lichteinfalls führt sie zum ersten Kuss und dem ersten Pferd, einer geliebten, mitunter Wolken boxenden Stute. Ein sternenübersäter Himmel hier, eine Rechenmaschine da, und dort der Fernseher vor dem eingeschlafenen Vater. Auf seiner Brust bebt das auf hochwertig getrimmte Leseclub-Buch; die goldenen Letter erhaben auf dem Cover. Ich folge Eleanor in die Winkel und zu den Manövern zwischen Kindheit und erotischem Aufschwung.

Eleanor „spaziert durch die Himbeeren“ einer bürgerlichen Existenz. Da liegt der sensationelle Gehalt von Moores Erzählungen. Die Kanalisation kollabiert nicht. Aus den Hähnen fließt Trinkwasser. Die Kakerlaken halten sich bedeckt. Man soll gar nicht ausholen, um dem Gefühl von Geborgenheit Raum zu geben, das Eleanors häusliche und biografische Umstände auslösen. Eleanor ist sentimental, Sentimentalität ein hohes Gut. Das muss man sich leisten können.

Die Erzählerin kreist über ihrem sexuellen Flughafen.  

Kanadische Bourgeoisie

Eleanors Tochter rasiert sich den Schädel. Warum macht sie das? fragt eine Freundin der Mutter von Herzen konsterniert. Wir sehen Gabrielle in einem erstklassigen Kleid, wie Sinéad O‘Connor so kahl. Wir, das sind ich „in einem dunklen Haus“ an der schroffen Atlantikküste von Neufundland. Wir teilen mit der Erzählerin Eleanor die Erinnerung an ein „wie eine Trompete gellendes Hochzeitskleid“.

Eleanor möchte mit ihrer Tochter ins Bett, um bei dem Kind Nähe zu tanken. Ihr doch egal, dass Philipp gerade einer anderen Frau nachjagt und der Fremden ein Stück von der Buttercremetorte seiner Vorzüge reicht, während sie ihn in aller Häuslichkeit nur noch in Pantoffeln und als Knecht seiner Erschöpfung erleben darf.

Glimmer, Glitter, Glamour …

Das ist schon gut erzählt. Eleanor bewohnt gekonnt den Vorhimmel besserer Verhältnisse, um wieder einmal John Updike ins Spiel zu bringen, an den mich Lisa Moores Manier denken lässt.

“Check Your Privilege”, könnte man sagen. Ich habe hier was zur Erweiterung des Portfolios.

„Why does check your privilege backfire? You have probably heard of the privilege walk. It is a task that is used in many classrooms to illustrate what it means to say that some people are more privileged than others.” More

Hungerpatrouille

Gabrielle verspricht sich von einem demonstrativen Gehorsamsakt Schokolade.

„Eine heftige Liebe zu ihrer Tochter überkommt sie.“

Am liebsten würde Eleanor jedem verbieten, Unruhe in ihr Leben zu bringen. Gleichzeitig tanzt sie auf jeder Hochzeit im Dunstkreis. Jede Inszenierung trägt den Duft und die Anmutungen einer Gartenparty. Steht man Schlange, dann im Cocktailkleid vor einer Bar. Das Personal kommt von einem anderen Stern.   

Es gibt keine Rechtfertigung für den Wohlstandvorsprung, der wie eine melancholische Felsnase den Ozean des globalen Elends überragt. Aber für Eleanor, Philipp, Gabrielle, Constance - und Glenn, der scharf auf Eleanor ist, geht es nun einmal nur darum, welcher Wein passt in die Pause zwischen zwei elegischen Anlässen, und sollte man sich außerdem noch die Beine rasieren. Eleanor duscht gemeinsam mit Philipp, die bürgerliche Wundertüte steckt voller Überraschungen. Philipp ergattert eine Brust seiner Frau und saugt daran.

„Eleanor versucht sich zu sammeln, aber sie ist zu betrunken.“  

Moores Held*innen haben den Atlantik vor der Haustür. Sie betrinken sich in der Ursprünglichkeit Neufundlands. Das beste von wenigstens zwei Welten prallt unter ihren Ledersohlen aufeinander. Die Lifeshow ventiliert etwas von der Kiefernwipfelreinheit einer Himalaya-Kur. Eleanor blickt auf einen Campingurlaub in Kaschmir zurück. Hungrig patrouillierende Schneeleoparden traten ihre Spuren direkt vor die Hightech-Kunststoffzelte der Unberufenen.  

Analphabetin der Liebe

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„Das Schweigen der Lämmer“ - Dr. Hannibal Lecter erklärt FBI-Agentin Clarice Starling das Leben sowie die Grundlagen investigativer Interventionen.  

„Oberste Prinzipien Clarice. Simplifikation… lesen Sie bei Marc Aurel nach. Bei jedem einzelnen Ding die Frage, was ist es in sich selbst? Was ist seine Natur? Was tut er, dieser Mann, den Sie suchen?“

Lecter: „Wie beginnen wir zu begehren, Clarice? Suchen wir uns Dinge zum Begehren aus? Strengen Sie sich mit allen Kräften an, jetzt eine Antwort darauf zu finden.“

Starling: „Nein. Wir können...“

Lecter: „Wir beginnen das zu begehren, was wir jeden Tag sehen.“

*

Trotz allem bleibt Eleanor eine Analphabetin der Liebe. Sie weiß einfach nicht, welche Gefühle mit Liebe richtig angesprochen werden. Diese Trittunsicherheit unterwirft sie den Chancen der Betäubung und der Ausflucht.  

„Du hast an ihn gedacht, als dir die Kette vom Fahrrad gesprungen ist … es muss Liebe sein.“

Eleanor untersucht Temperaturschwankungen in den Höllenkreisen der Ungewissheit rund um den Glutkern des Begehrens.   

„Diese niederländische Sache“ … eine Malerin, die das hinkriegt. Ihre Bilder scheinen ein eigenes Licht auszustrahlen ... In einem uferlosen Soliloquium kreuzt Eleanor auf einer See der Assoziationen. Geblendet von Lichteinfällen der Erinnerung schließt sie die Augen. Am liebsten würde sie einfach alles geschehen lassen. 

Lisa Moores erste Erzählerin Eleanor bestimmt die Koordinaten des guten Lebens zwischen intakter Natur und intakter Nachbarschaft. Zum Kerngeschäft besserer Verhältnisse gehören erotische Ausschweifungen und Aufschwünge. Eleanor lässt Details auf einer Lustzunge des memorierten Vergnügens schmelzen.  

Zwischen Reißwolf und Mahlstrom

Die durchscheinende Bettwäsche in einem Hotel. Das Rumpeln des auf Räder gestellten Zimmerservicekastens. Fliegende Staubformationen und die „bukolische Fuchsjagd“ auf den Hüften einer jungen Frau (als Unterwäscheaufdruck). Ein männliches Ich beschwört das Fragmentarische bei der sinnstiftenden Aufnahme der Daseinsflusen mit einem hochsensiblen Lappen.

Ich rede jetzt über „Liebende, mit der Intensität, die ich meine“. So heißt die zweite Geschichte in Moores Erzählband.

Der Erzähler blickt auf eine Zeit zurück, als er wie verrückt Marissa liebte und von ihr ebenso geliebt wurde.

„Wir waren ... zwanzig.“

Der Erinnerungssturm koinzidiert mit einem Schneesturm. Ich würde gern erzählen, dass sich Marissa und der Erzähler in diesem Schneesturm wiedertreffen, doch in der Wahrheit des Romans sehen sie sich in einem Supermarkt. Vermutlich wissen sie beide nicht mehr, wer damals Schluss gemacht hat und warum Schluss gemacht wurde.

Ich liebe diese Moore’schen Unterschleifen, diesen sentimentalen Realismus, verbunden mit der Frage: verlieren wir das Wesentliche oder bleibt es uns erhalten. Der Erzähler nennt die Farbe eines Gürtels, den Marissa trug, als sie vielleicht doch erst neunzehn war. „Unschuldig“ findet er den harten Körperkontakt, der zur federleichten Vergangenheit gehört. Die gemeinsamen Ekstase-Erfahrungen stiften keine Verbindung, auf die man sich berufen kann.

Der Erzähler schlendert gedanklich zu seiner Ehefrau Jillian, die er als Yoga-Pilgerin charakterisiert. Im Mahlstrom der zeitgenössischen Narration taucht die Pilgerin an allen möglichen Ecken und Kanten auf. Sie erscheint als Botin einer Spiritualität, der wir nicht trauen, da ihre regressive Ladung zu offensichtlich ist.

Jillian trifft sich mit anderen Pilger*innen täglich vor Tagesanbruch zu einem Konzert des Schweigens; zum Exerzitium auf der Gummimatte.

Pilger nennt Joseph Conrad die Reisenden ins Herz der Finsternis. Die Pilger*innen im Akut des Erzählens streben in Trivialformaten nach dem Licht des guten Lebens. Sie gehorchen Gesundheitsformen und Achtsamkeitsfloskeln. Das ist selbstverständlich nicht neu. Vor einem halben Jahrhundert beschrieb ein Soziologe den Zusammenhang zwischen Achtsamkeit und Politikverdrossenheit. Und genau so stellt Moore Jillian dar. Prätentiös, wenn nicht sogar pomadig wirkt die Geschmeidigkeit der Pilgerin.

Der Erzähler denunziert Jillians kontrollierten Enthusiasmus, ihre ausgeklügelt in Form gehaltene Lebensfreude in Kniestrümpfen. Hämisch setzt er einer Schilderung zu: „Wir reden hier von einer Sechzigjährigen“.

Hallo, hat der olle Knilch den Schuss nicht gehört. Die Boomer-Generation steigt mit Sechzig in den Yoga-Jungbrunnen.

Oxytocinrausch

Exekutierte Freiheit/Sentimentaler Realismus

„Ein wachsverkrusteter Kerzenständer aus Messing“ avanciert zum Symbol des Überflusses. Zum ersten Mal fließt Eleanor unter Philips Berührungen über. Er zieht eine Zeigefingerlinie von Hüftknochen zu Hüftknochen, knapp über dem Bauchnabelpol. Philip wirkt auf Eleanors Kraftzentrum ein. Er wirkt sich aus, während ihre Atmung tiefer geht und ihre Erregung wie ein unter Druck gesetzter Stempel aufsteigt. Der schnelle, glatte Orgasmus gibt Philip ein Hausrecht. Er verspricht, sich so oder so oder eben in Pantoffeln gut aufzuführen. Er hält sein Versprechen. Zehn Jahre später führen Eleanor und Philip eine offene Ehe. Philip exekutiert die Freiheit mit einer Person, die letztlich genauso auf ihn reagiert könnte wie einst Eleanor reagierte. Eleanor erkennt die Gefahr und betrinkt sich dagegen.

Mich reizt die Genauigkeit, mit der Moore die Verzweiflung und das Glück ihrer Akteure beschreibt. Eine in den Gedärmen sitzende Verzweiflung. Ein in den Gedärmen sitzendes Glück. Beinah unfassbar. Moore präpariert Ganglien des inneren Geschehens. Sie zeigt unsere Gefräßigkeit, den gewöhnlichen Egoismus, die wenig witterungsresistenten Täuschungsmanöver. Der schwarze BH als Sensation einer ersten Nacht drapiert im weiteren Verlauf oft eine übersehene Lehne. Gleichzeitig übernimmt eine andere Verheißung die Regie. Solange wir im Saft stehen, sind wir gefährdet. Wir leben so wie man auf einem Bein wackelt. Willst du eine glückliche Ehe zerstören? fragt Eleanor die Geliebte ihres Mannes. Die brutalste Antwort liegt auf der Hand. Wie glücklich kann eure Ehe denn sein, wenn Philip lieber zu mir als zu dir kommt. (Dies als Feststellung.)

Interessanterweise erlaubt Moore Amelia den vernichtenden Konter nicht. Stattdessen lässt sie Eleanor und Philip in der permanenten Krise stabiler Verhältnisse einander noch einmal suchen und finden (auf einem Grat äußerster Erschöpfung). Das trifft den Nagel auf den Kopf. Nicht die Treue bildet den Kitt wahrer Verbindungen, sondern die relative Bedeutungslosigkeit der Untreue (der Seitensprung als Indikation). Das inkludiert ein Superphänomen der Liebe. Dass man mit einem/einer vergleichsweise unbedeutenden Gegenspieler/Gegenspielerin besseren Sex haben kann als mit dem Pendant. Dass der Supersex mit einem/r verhältnismäßig Fremden gegen den Oxytocinrausch daheim nicht anstinken kann.    

Gedankenkneipe

 

Beängstigende Vitalität/Hormonell gesteuertes Bedürfnis nach Ehrlichkeit

Solange man sehr jung ist, unterliegt man mitunter der puren Spannung. (Die sich „exklusiv und toxisch anfühlt“.) Dann „widerfährt“ einem Sex im Schatten eines Himalayas aus lauter Widersprüchen. Es stimmt fast nichts außerhalb des Sexes. Fast schon am Ende seiner Tage fischt Jim ein paar Lappen des Nichts  aus dem Eintopf der billigen Lebenserfahrung, um bald den Discount-Existenzialismus vom Tresen seiner Gedankenkneipe zu fegen. Endlich kehrt er da ein, wo die maximale Erlebnisfähigkeit als Erinnerung gegen die Gummiwände des Wahnsinns trommelt.

Jim managt Portfolios exzentrischer Kanadier, die Geldvermehrung unter spirituellen Vorzeichen und als Kunst betreiben. Diese Dagobert Duck/Howard Hughes-Typen sind aber immer auch ein bisschen lächerlich in ihrer überspannten Angst vor Kontaminationen.

Jim konkurriert mit Gloria, die eine Hippievergangenheit mit illustren Schauplätzen und Ashram-Höhepunkten hat. Gloria zählt zu jenen „Frauen, die (mit fünfzig) aufhören sich die Haare zu färben“, wenn sie es denn je getan haben. Jim erkennt darin ein Raum und Geltung forderndes Statement. Er konstatiert „beängstigende Vitalität“, eine brutale Zugriffsbereitschaft, vor allem jedoch „ein hormonell gesteuertes Bedürfnis nach Ehrlichkeit“.  

Shanty Irish & Blizzard Bamboo

Blaue Augen. Schneewittchens Haut und schwarze, kaum zu bändigende Locken: Jims Mutter nannte das Programm der Verheißung „Shanty Irish“. Marissa verkörperte den Typus mit ihrem ganzen begehrenswerten Sein, als Jim und sie zwanzig waren. Die beiden begegnen sich im Zustand verbrauchter Zeitgenossenschaft in einem Supermarkt. Vor den Portalen tobt ein Blizzard.