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20.11.2020, Jamal Tuschick

In seinen Gedichten erzählt Franz Dobler die Geschichten unserer Irrtümer

Politische Naturgedichte

Mit Heiner Müller sagt Franz Dobler: „Etwas frisst an mir.“ Fort fährt er: „Meine toten Freunde/ sind alle abgehauen/ ohne sich zu verabschieden./ Alle waren plötzlich weg.“

So haben wir uns oft gesehen. Da waren wir. So wollten wir sein. © Jamal Texas Tuschick

Das Titelgedicht „Ich will doch immer nur kriegen, was ich haben will“ flottiert als Barke eines lyrischen Schatzes. Ohne Hervorhebung zitiert Franz Dobler Heiner Müller bis zu der Zeile Ich sterbe zu langsam.

Etwas frißt an mir. Ich rauche zu viel. Ich trinke zu viel. Ich sterbe zu langsam. Heiner Müller 

Der Kernsatz dementiert den Todeswunsch des agitierenden Ichs. Er lautet: Ich brauche eure Zustimmung nicht.

Das unter Druck als Credo durchzuhalten, macht den Dichter. Er könnte wieder Heiner Müller zu seinem Komplizen machen: Welches Grab schützt mich vor meiner Jugend.

Franz Dobler, „Ich will doch immer nur kriegen was ich haben will“, Gedichte 1991 – 2000, mit Fotos von Juliane Liebert, herausgegeben von Manfred Rothenberger, 288 Seiten, starfruit publications, 25,-  

Doblers Gedichte lassen mich an die wiegenden und wippenden Bewegungen eines älteren Mannes denken, der froh ist, dass seine Gelenke das mitmachen. Der Rost des Menschen ist seine Versteifung. Dobler hilft sich mit naturlyrischen Anwandlungen. Er schreibt dem Springkraut* eine sardonische Hymne. Feiernd verflucht er die vernichtende Widerstandskraft der Pflanze.

Nackte Frauen im Wald/ Politische Naturgedichte/Invasiver Neophyt

Michel Houellebecq siedelt göttliche Gnade in der Nähe des Stumpfsinns an.

Die ältesten Verehrungsgegenstände sind Darstellungen von Geschlechtsorganen. Die Religionen zogen ihre Linien im Erkennen des Zusammenhangs zwischen Geschlechtsverkehr und Fortpflanzung. Vielleicht hielten sich die Leute zunächst selbst für göttlich in ihrer unparfümierten Struppigkeit. Im magischen Denken von Heranwachsenden überlebt dieser kolonisierte Zipfel des Menschseins vorübergehend. In dem Gedicht Fakten erzählt Dobler wie er als „kleiner katholischer Junge … im tiefsten Wald ein Heft mit nackten Frauen“ versteckt hielt und so etwas besaß, nach dem er sehen konnte. Der Zustand des Heftes spielte eine Rolle für sich. Solche Zusatzgewinne liefern wiederkehrende Motive. 

*„Das Drüsige Springkraut (Impatiens glandulifera), oft Indisches Springkraut, auch Rotes Springkraut oder Himalaya-Balsamine … ist eine Pflanzenart in der Familie der Balsaminengewächse. Sein ursprüngliches Verbreitungsgebiet liegt auf dem indischen Subkontinent; als Zierpflanze wurde es im 19. Jahrhundert auch in Nordamerika und Europa eingebürgert. Es wächst in Mitteleuropa vor allem in feuchten Wäldern, Auen- und Uferlandschaften mit hohem Nährstoffgehalt. In Europa wird das Indische Springkraut vielerorts als invasiver Neophyt bekämpft, da es als Bedrohung für andere Pflanzenarten oder ganze Pflanzengesellschaften in deren Lebensraum betrachtet wird.“ Wikipedia

Mit freundlicher Genehmigung des Verlags und der Fotografin. Bilder aus dem Band. © Juliane Liebert

I've got a show to play

Franz Dobler zitiert Willie Nelson: I've got a show to play.

When the evenin' sun goes down
You will find me hangin' 'round
Oh, the night life, it ain't no good life
But it's my life ...

Eingebetteter Medieninhalt

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Prinzessin des Texmex

„Die Reformation des Mannes ist auf der ganzen Linie gescheitert.“

„In Wirklichkeit fühlt sich niemand wegen irgendetwas schuldig, und zwar zu Recht.“  Michel Houellebecq

„Meine toten Freunde/ sind alle abgehauen/ ohne sich zu verabschieden./ Alle waren plötzlich weg.“  Franz Dobler

Dobler erzählt Geschichten in seinen Gedichten. Das lyrische Ich im Auftakt war ein Liebling der Götter, bis es aufgegeben und in die Quarantäne sozialer Notdurft geschickt wurde. Die Stimme spekuliert über die Dauer der Ächtung. Hoffnung und Gleichgültigkeit halten sich die Waage. Ein Unternehmer wundert sich über den kaltblütigen Fleiß des Außenseiters. 

Das lyrische Ich ist so sehr Erzähler, das es sich in meiner Wahrnehmung verwandelt, so dass ich den Autor im Kaminzimmer des Gasthaus-Hotels Lüthemühle beobachte. Er nähert sich einer Enttäuschung mit den größten Erwartungen. Die Verlockungen einer Bücherwand ziehen ihn magisch an. Doch betrachtet er eine Tapete aus entweihten Buchrücken. Selbstverständlich verkneift sich Dobler das sakrale Wort Entweihung. Bei ihm heißt es schreineresk abgesägt.

„Zwei Zentimeter hinter dem Buchrücken/ wurden die Bücher abgesägt.“ 

Ein paar Gedichte weiter findet ein Gasthausgespräch statt in Berlin, wo ein Barmann Bescheid weiß über Tish Hinojosa.

Talent, class, and beauty … Tish Hinohosa (acoustic guitar and lead vocals), Craig Barker (bass), Dave McGill (piano), Leroy Featherston (drums), Brian Cairns (acoustic lead guitar)

Eingebetteter Medieninhalt

Das berlinfern sozialisierte Ich schwärmt von der „Prinzessin des Texmex“.

Weiter geht es mit Zydeco.

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Aus der Ankündigung

Der Schriftsteller, DJ und Musik-Kenner Franz Dobler hat an keinem Literaturinstitut studiert und schreibt trotzdem oder gerade deshalb sehr gute Gedichte. Dieses Buch enthält 35 neue Gedichte und alles aus Doblers ersten zwei Gedichtbänden »Ich fühlte mich stark wie die Braut im Rosa-Luxemburg-T-Shirt« (2009) und »Jesse James und andere Westerngedichte« (1991).
Doblers Gedichte winden keine Metaphern-Kränze, sondern sind geprägt von Widerspruch und Witz, von Gefühl und Härte, vom Schmerz über den Lauf der Welt. Einer der letzten Wildläufer im deutschen Literaturbetrieb bringt die Dinge auf den Punkt, zeigt poetisch und politisch Kante, schont nichts und niemanden, und am allerwenigsten sich selbst. Man hat das Gefühl, da ist jemand, »mit dem man gern mal einen trinken würde, obwohl man weiß, es wird nicht bei einem Drink bleiben« (Heiko Werning). Das ist selten in der deutschsprachigen Lyrik.
Juliane Lieberts Schwarz-Weiß-Fotografien spielen dazu die passende Begleitmusik, es sind schnelle Shots aus der urbanen Prärie – aus architektonischen, gesellschaftlichen und mentalen Randzonen. In einem dieses Buch abschließenden Gespräch mit Herausgeber Manfred Rothenberger denkt Franz Dobler nach über das Rauchen, den Räuber Mathias Kneißl, Lyrik für die Gartenabteilung eines Baumarkts, ausgewählte Arschlöcher und den Tod.