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26.11.2020, Jamal Tuschick

Keiner beginnt mit sich. Alle beginnen mit ihren Bedingungen.

Gewaltlosigkeit als Kampfmittel

Judith Butler erklärt, wie Gewaltlosigkeit in einer Widerstandspraxis funktioniert

„Mit allem haben wir gerechnet, nur nicht mit Kerzen und Gebeten. Sie haben uns wehrlos gemacht.“ Horst Sindermann über die friedliche Revolution von Neunundachtzig

Eingebetteter Medieninhalt

Keine Frage, Systeme haben gewaltsame Strukturen. Wo erkennen wir nicht überall strukturellen Rassismus in weiß-pazifizierten Verhältnissen. Da wirkt die institutionalisierte Gewalt wie ein physischer Schlag im Plural inkriminierender Diskriminierung. Sie zerstört Ausgesetzte zum Beispiel durch soziale Strangulation. Judith Butler eröffnet ihren Diskurs mit Beispielen, die Gegner*innen erklärter Gewaltlosigkeit (als Widerstandspraxis) geneigt sind anzuführen, wenn in Diskussionen über progressive Neugestaltungen die Verteidiger*innen der Gewaltlosigkeit ihre Standpunkte feststellen.

Judith Butler, „Die Macht der Gewaltlosigkeit - Über das Ethische im Politischen“, aus dem Englischen von Reiner Ansén, Suhrkamp, 250 Seiten, 28,-

Setzt man Gewaltlosigkeit als Kampfmittel ein, dann lenkt man Aggression um. Es gibt einen „militanten Pazifismus“, in dem das Verhältnis von Gewalt und Aggression gegen die Laufrichtung konventioneller Deutungen bestimmt wird. Wer sich darauf versteht, kann nicht glauben, dass der Mensch „aus einem Naturzustand in die soziale und politische Welt eintritt“.

Butler entlarvt den Naturzustand als Fiktion mit vielen Funktionen. Sie zitiert Marx, der fand: „Ein solcher Urzustand erklärt nichts.“

Jeder Mensch ist einzigartig. Oder etwa nicht?

Trotzdem wirkt sich die Erzählung vom sozialkeimfrei geborenen Individuum, dessen Autonomie-Kompetenzen in fortgeschrittenen Gemeinschaften niemals ausgelotet werden können, und dessen natürliche Selbstgenügsamkeit erst in der Begegnung mit einem anderen erschüttert wird, nach wie vor sinnerzeugend auf alle aus.

„Sobald andere den Schauplatz betreten, beginnt der Konflikt.“

Wir reden immer noch über die Fiktion, in der das Individuum rücksichtslos seine Interessen durchsetzt, bis zu dem Tag, an dem es den Gesellschaftsvertrag unterschreibt, um dann in bezähmter Manier fortzufahren.

Butler klärt das historisch und philosophisch ab. Sie skizziert Denk- und Spielfiguren imaginierter Archaik. Wann immer wir uns zwischen Aggression und Begehren eingespannt wähnen, vollziehen sich die Konflikte auf der Folie eines Ursprünglichkeitsphantasmas. Butler ordnet solche Ernten keiner einzelnen Person zu, sondern den Zusammenhängen, die ihnen den Boden bereiten.

Butler beschreibt den Bezug „als inverses Bild“, in dem man eine Rechtfertigung und ihr Gegenteil sehen kann. So begreift man einfach, dass der gedachte Ausgangspunkt „gesetzt“ ist, und zwar gesetzt im Rahmen „der sozialen Welt“. Keiner beginnt mit sich. Alle beginnen mit ihren Bedingungen.

Aus der Ankündigung

Gewaltlosigkeit wird häufig als eine Praxis der Passivität verstanden, welche die ethische Einstellung sanftmütiger Einzelpersonen gegenüber existierenden Formen von Macht reflektiert. Dieses Verständnis ist falsch, wie Judith Butler in ihrem neuen Buch darlegt. Denn Gewaltlosigkeit kann durchaus eine aktive, ja aggressive Form annehmen, zudem ist sie ebenso wenig wie die Gewalt eine Angelegenheit einzelner Individuen, sondern stets eingebettet in soziale und politische Zusammenhänge. Auch deshalb gibt es erhebliche Meinungsverschiedenheiten darüber, wo die Grenze zwischen Gewalt und Gewaltlosigkeit verläuft sowie durch wen und wann Akte der Gewalt gerechtfertigt sind.

Mit Foucault und Fanon arbeitet Butler die Widersprüche und exkludierenden Phantasmen heraus, die häufig am Werk sind, wenn Akte der Gewalt legitimiert oder verdammt werden. Und mit Freud und Benjamin macht sie deutlich, dass wir noch grundsätzlicher fragen müssen: Wer sind wir und in welcher Welt wollen wir leben? Butlers kraftvolle Antwort lautet: in einer Welt radikaler sozialer Gleichheit, die getragen ist von der Einsicht in die Abhängigkeiten und Verletzlichkeiten menschlicher Existenz. Diese Welt gilt es, gemeinsam im politischen Feld zu erkämpfen – gewaltlos und mit aller Macht.

Judith Butler, geboren 1956, ist Maxine Elliot Professor für Komparatistik, Gender Studies und kritische Theoriean der University of California, Berkeley. 2012 erhielt sie den Adorno- Preis der Stadt Frankfurt am Main.