MenuMENU

zurück zu Main Labor

27.11.2020, Jamal Tuschick

Mental flach

„Es gibt keinen Hinweis, dass ein Unterbewusstsein existiert.“

Der Neurowissenschaftler Nick Chater erklärt: „Wir können uns nicht finden. Wir haben keine innere Tiefe. Wir sind mental flach. So wie wir die Außenwelt aus einzelnen Eindrücken improvisieren, so machen wir es auch mit unserem Selbst. Die Psychologie hat viele Belege, dass wir jeweils im Moment erfinden, was mit uns los ist.“ Quelle  

„Schreiben ist ... ein politischer Akt“, sagt Helon Habila.

Basel/Landschaft

Mark, geflüchtet aus Malawi, entpuppt sich als Frau namens Mary Chinomba. In seiner Person vereinen sich Geschlechts- und Fluchtmigration mit dem Verschwinden.

„Ich zog am Joint, der irgendwie in meine Hand gewandert war. Mir wurde schwindlig.“ © Jamal Texas Tuschick

Mark, geflüchtet aus Malawi, entpuppt sich als Frau namens Mary Chinomba. In ihrer Person vereinen sich Geschlechts- und Fluchtmigration mit dem Verschwinden. Die Frau verschwindet in der Figur/der Geschichte eines männlichen Geflüchteten und der Geflüchtete verschwindet von der Berliner Bildfläche, während der Erzähler sich auf der hauptstädtischen Partymagistrale langweilt und mit Anwälten, die sich von ihren Geliebten Präsenzpflichten bei Ausstellungseröffnungen auferlegen lassen, in Tümpeln der Peinlichkeit badet. Seine ethnische Herkunft führt den Akteur der internationalen Kunstschickeria automatisch zu den Ufern der Flüchtlingsströme. Da erwartet man Unterstützung und Kompetenz. 

Helon Habila, „Reisen“, Roman, herausgegeben von Indra Wussow, auf Deutsch von Susann Urban, AfrikAWunderhorn, 320 Seiten, 25,- 

Gina hält ihren Mann für bindungsscheu. Er erklärt sich seine Defizite mit einer vom Mangel definierten „migrantischen“ Existenz. Viel Zeit verbrachte das alle Erwartungen auf Academia richtende und den männlichen Hemmungen zum Trotz verheiratete Paar in einer Zweiraumwohnung über einem Parkplatz in Arlington, Virginia. Bis Gina „das renommierte Berliner … Kunststipendium“ erhielt und die Eheleute sich in der deutschen Hauptstadt als arrivierte Zaungäste etablieren.

Der Erzähler bemerkt eine „amerikanische Firnis auf … eher traditionellen Gassen“. Als Spezialist für die Berliner Konferenz* bewegt er sich auf vertrautem Pflaster.

„Der Erwerb von Land ist in Ostafrika sehr leicht … Für ein paar Flinten besorgt man sich ein Papier mit einigen Negerkreuzen.“ Bismarck

*Vom 15. November 1884 bis zum 26. Februar 1885 konferierten im Reichskanzlerpalais Delegierte aus dreizehn Staaten, die einer Einladung des Reichskanzlers Otto von Bismarck gefolgt waren. Auf der Berliner Konferenz aka West Africa Conference aka Congo Conference legten sie die Kriterien für die völkerrechtliche Anerkennung von Kolonialbesitz fest - the go-ahead to the extensive colonization of the continent – the arbitrary partition of Africa in absence of the Africans.

Gastgeber Bismarck prägte das Wort vom „Platz an der Sonne“, den sich Deutschland im kolonialen Wettbewerb mit den europäischen Großmächten und dem Osmanischen Reich sichern müsse. Der deutsche Platz an der Sonne war klein und wurde nicht lange gehalten. Das rechnet man heute zu den entlastenden Momenten deutscher Geschichte. Die Einschätzung ignoriert einen Völkermord und vernachlässigt die Tatsache, dass Deutsche seit dem 15. Jahrhundert an globalen Ausbeutungsfeldzügen beteiligt waren. Der Kolonialismus war ein „europäisches Projekt“ (Joseph Conrad), dass die Fugger und Welser genauso vorantrieben wie die Medici. Die Trennungen zwischen staatlichen und privaten Unternehmungen waren durchlässig. Kaufleute traten als Statthalter auf und nahmen Regierungsaufgaben wahr. Ein Grundstock der ersten deutschen Kolonie in Afrika war das Lüderitzland (heute Namibia), benannt nach dem Bremer Tabakhändler Adolf Lüderitz.

Die eiserne Tante im Puppenhaus

„Erfundene Geschichten sind die Währung unter den Heimatlosen.“

Kinderlose Frauen schließen sich mutterlosen Kindern an. Man spielt Familie mit heimlichen Vorbehalten. Den auf der Flucht zerstörten Bindungen hält kein Vergleich stand. Darunter leidet der nigerianisch-libysche Mediziner Manu, der von seiner Frau Basma, nicht jedoch von seiner Tochter Rachida abgesprengt wurde. Manu vermisst Basma bis zum Wahnsinn. Trotzdem erschöpft er sich in friedlosen Verstrickungen mit Hannah aus Eritrea sowie mit der deutschen Angela, die Rachida gern auf einer ihrer Pferde reiten lassen möchte. Manu kennt Angela aus dem Nachtleben. Der Arzt arbeitet vor einem Clubportal. Er hilft Verfeierten, ihre Autos zu finden und einzusteigen. 

Basel/Landschaft

Der Romanfokus gleitet wie ein Scheinwerfer weiter zu Portia. 

Benommen von Orientierungslosigkeit fährt die Heldin Richtung Liestal. Meine Freundin Wikipedia weiß es mal wieder: „Liestal … ist eine … Gemeinde … des Bezirks Liestal sowie des Kantons Basel-Landschaft … (und liegt) … fünfzehn Kilometer südöstlich von Basel“.

Basel/Landschaft. Portia, von ihrem Shakespeare liebenden Vater so genannt nach einer Protagonistin des elisabethanischen Großmeisters, besucht die zierliche Schönheit Katharina, deren Englisch zu wünschen übriglässt. Die promovierte, irgendwie aus allem geschiedene Dozentin, wohnt nicht nur in dem Haus einer eisernen Tante, sondern auch in den von der Tante selbst geschreinerten Möbeln.

Portia wähnt sich in einem Puppenhaus.

Andreas Dresen - der Regisseur von Halbe Treppe auf halber Treppe im Berliner Brechthaus 2013 © Jamal Texas Tuschick

Aus der Ankündigung

Ein in den USA lebender nigerianischer Akademiker besucht seine amerikanische Frau Gina in Berlin. Gina ist Kunststipendiatin und arbeitet derzeit an einem Projekt über Migrant*innen. Auch der Protagonist lernt in Berlin viele afrikanische Immigranten*innen und Geflüchtete kennen und erfährt so von ihren Fluchterlebnissen. Diese Begegnungen führen bei ihm, der als schwarzer Intellektueller ein privilegiertes und sicheres Leben führt, völlig unerwartet zu einer tiefen Selbstreflexion.

Er stellt sein bisheriges Leben in Frage und merkt, dass er unlösbar mit deren Schicksalen verbunden ist und sein Leben nicht länger getrennt von der alltäglichen Not der Migrant*innen führen kann. Die Geschichten dieser Menschen führen ihn von einem Berliner Nachtclub in ein Flüchtlingslager auf Sizilien, zu einem Arzt aus Libyen, dessen Frau und Kind im Mittelmeer ertrunken sind, sowie nach London zu einem im Exil lebenden Dichter aus Malawi. So erlebt er eine »umgekehrte« Migration, die ihn direkt mit dem Leben und Leid der Migrant*innen und allen Urteilen – samt Vorurteilen – der westlichen Gesellschaften konfrontiert. Habila lässt in seinem Roman ein Mosaik aus den unterschiedlichsten Erfahrungen von Migrant*innen entstehen. Er zeigt damit, dass die Themen Vertreibung und Migration »ewige« Themen bleiben werden, sollten nicht Menschlichkeit und Respekt vor anderen Kulturen unsere Gesellschaften bestimmen.

»Immer wieder stellt Habila Fragen nach dem Verhältnis von Afrika und Europa, Europa und Afrika. Und mit großem Geschick macht er das
Unbekannte vertraut und umgekehrt. Was kann man von einem Roman mehr verlangen?« The Guardian

Zum Autor

Helon Habila, 1967 in Nigeria, geboren, studierte Literatur und lehrte an der Universität, bevor er nach Lagos ging, um dort als Journalist zu arbeiten.
Für sein erstes literarisches Werk Waiting for an Angel, welches in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde, erhielt er den internationalen Caine Prize for African Writing und 2003 den Commonwealth Writers’ Prize für die Beste Erstveröffentlichung. Measuring Time (2007), Habilas zweiter Roman, erhielt 2008 den Virginia Library Foundation Fiction Award und stand auf der Kandidatenliste für den Hurston/Wright Legacy Award 2008. Die Kurzgeschichte The Hotel Malogo gewann den Emily Belch Prize und wurde für die Anthologie The Best American Nonrequired Reading ausgewählt und veröffentlicht. Habilas dritter Roman Oil on Water (2010) ist der erste, der auf Deutsch erscheint. Er lebt in den USA und unterrichtet Kreatives Schreiben an der George Mason University in Washington, D. C. Von Juli 2013 bis Juli 2014 war Helon Habila als Stipendiat des DAAD im Rahmen des Berliner Künstlerprogramms in Berlin.

Herausgeberin

Indra WussowHerausgeberin der Reihe AfrikAWunderhorn, studierte Literaturwissenschaft, lebt in Johannesburg/Südafrika sowie auf Sylt. Sie arbeitet als Autorin, literarische Übersetzerin und Kuratorin für verschiedene internationale Einrichtungen. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt im Dialog zwischen Wissenschaft und Kunst. 2002 gründete sie die Kulturstiftung Sylt Foundation, die interdisziplinäre internationale Kulturprojekte entwickelt und durchführt.

Übersetzerin

Susann Urban arbeitet nach dem Studium der Germanistik, vielen lehrreichen Jahren im Buchhandel und anderswo als Lektorin und Übersetzerin u. a. von John Steinbeck, Nuruddin Farah, Lola Shoneyin, Imraan Coovadia, Nadifa Mohamed und Ishmael Beah.